Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 29.08.2010
Baker, P. J., J. B. Iverson, R. E. Lee, Jr. & J. P. Costanzo (2010): Winter severity and phenology of
spring emergence from the nest in freshwater turtles. – Naturwissenschaften 97: 607-615.
Die Strenge des Winters und die Phänologie des Nestverlassens bei Wasserschildkröten.
Obwohl viele Arten von Wasserschildkröten kurz nach dem Schlupf ins Wasser gehen, so gibt es auch einige Nachkommen von Arten, die an
Land überwintern und die erst im folgenden Frühjahr die aquatischen Lebensräume aufsuchen. Der Zeitpunkt der Wanderung zum
Wasser kann sehr entscheidend für die Fitness sein, allerdings sind die Faktoren, die das Verlassen des Nests und diesen Ortswechsel
induzieren, nur unzureichend verstanden. Wir testeten bei drei Schildkrötenarten aus den zentralen USA, ob Kältestress
während der Überwinterung einen Einfluss auf den Zeitpunkt des Nestverlassens hat. In jedem Jahr dieser über sechs Jahre
dauernden Untersuchung zeigte sich
Chrysemys picta im späten März und Anfang April, und im Durchschnitt verließen
diese Schlüpflinge ihr Nest zwei Wochen früher als die Schlüpflinge von
Graptemys geographica und vier Wochen
früher als jene von
Trachemys scripta. Das Verlassen der Nester von Schlüpflingen der gleichen Art aus unterschiedlichen
Nestern erfolgte über 3-7 Wochen, aber in einigen Jahren dauerte es auch einige Wochen mehr. Nur wenige Nester enthielten
Schlüpflingsgeschwister, die am selben Tag das Nest verließen (z.B. synchron); meist dauerte es 1-2 Wochen, bis alle
Schlupfgeschwister ihr Nest verlassen hatten. Im Winter gab es regelmäßig in allen Nestern aller drei Arten Temperaturen
unterhalb des Gefrierpunkts, obwohl
C. picta in ihren flachen Nestern den niedrigsten Temperaturen ausgesetzt waren. Allerdings gab
es für keine Art eine Korrelation zwischen dem Datum des Nestverlassens und der Tiefe der erfahrenen Nesttemperaturen, sowohl wenn man
individuelle Nester betrachtete, als auch bei Betrachtung verschiedener Nester. Letzteres traf auch auf die Periode des Schlupfs zu. Trotz
der tiefsten Überwinterungstemperaturen tauchten die Schlüpflinge von
C. picta aus den Nestern vor jenen der andern
sympatrisch vorkommenden Arten auf. Unter der Annahme, dass bei nördlichen Arten die Fitnessvorteile eines frühen Schlupfs dazu
beitragen, auf Kälteresistenz zu selektionieren könnte es zu dieser Kälteadaptation kommen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Diese Schildkrötenschlüpflinge scheinen nur selten ein synchrones Verlassen des Nests zu zeigen. Insofern scheinen sie im
Vergleich zu andern Arten in anderen Lebensräumen hier eine andere Strategie zur Beutegreifervermeidung zu zeigen. Denn synchrone
zeitlich aufeinander abgestimmte Wanderungen zum Wasser sorgen auch dafür, dass sich Beutegreifer auf diese Ereignisse einstellen
können und da 5-10 Schlüpflinge keinen einen Beutegreifer verwirrenden Schwarm darstellen, scheint hier das vereinzelte Abwandern
über einen relativ langen Zeitraum dafür zu sorgen, eine Ansammlung von Beutegreifern zu vermeiden.
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