Wissenschaft im Fokus
Balsamo, R. A., M. D.
Hofmeyr, B. T. Henen
& A. M. Bauer (2004): Leaf biomechanics as a
potential tool to predict feeding preferences of the geometric tortoise Psammobates
geometricus. – African Zoology 39: 175-181.
Blattbiomechanik als potentielles
Werkzeug zur Vorhersage der Futterpflanzenpräferenz bei der Geometrischen
Landschildkröte, Psammobates geometricus
Es wurden die Charakteristika von Futterpflanzen und Pflanzen, die gemieden werden
(Nicht-Futterpflanzen), für die Geometrische Landschildkröte,
Psammobates geometricus untersucht, um die Hypothese zu testen,
die besagt, dass Nahrungspräferenzen bei Landschildkröten durch die
biomechanischen Eigenschaften der Pflanzenblätter mit bestimmt werden.
Zwölf zufällige Beobachtungen zur Futteraufnahme, die zwischen dem
8. Oktober und 31. Oktober 2002 gemacht wurden, wurden durch Literaturangaben
zu Futterpflanzen ergänzt, um eine Liste der Futtergräser und
Futterkräuter sowie der gemiedenen Pflanzen im Renosterfeld-Habitat zu
erstellen. Die „Nichtbeißbarkeit“ (Blatthärte) sowie
die „Blattzähigkeit“ (Reißfestigkeit) der Blätter
der verschiedenen Pflanzenarten wurde dann vor Ort im Feld sowohl für die
Futterpflanzen als auch für die Nicht-Futterpflanzen, die den
Schildkröten im Lebensraum relative häufig zur Verfügung
standen, gemessen. Blätter von Futterkräutern und Sukkulenten
waren fleischig und wenig hart und hatten eine geringe Reißfestigkeit. Die
Blätter von Futtergräsern hatten eine signifikant größere
Härte (Beißfestigkeit) und Reißfestigkeit im Vergleich zu
Kräutern. Für die Nicht-Futterpflanzen ergab sich kein signifikanter
Unterschied zwischen der Beißfestigkeit bei Kräutern und
Gräsern, aber auch hier war die Reißfestigkeit signifikant höher
in den Gräsern. Nicht-Futtergräser und Kräuter hatten
durchschnittlich größere Messwerte für die Beißfestigkeit
und Reißfestigkeit im Vergleich zu den Futterpflanzen. Nur zwei der
Nicht-Futterpflanzen wiesen biomechanische Eigenschaften auf, die sich mit denen
der Futterpflanzen überschnitten, so dass sie entweder giftig sind oder
fraßabschreckende Chemikalien enthalten, oder es handelt sich um invasive,
erst kürzlich in das Renosterveld eingeschleppte Arten, die noch nicht zum
Nahrungsspektrum gehören. Diese Befunde stützen die Hypothese,
dass die biomechanischen Eigenschaften der Blätter einen wichtigen
bestimmenden Faktor für die Futterpflanzenauswahl für die
Geometrische Landschildkröte und wahrscheinlich auch generell für
Schildkröten darstellt.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Diese Untersuchung bearbeitet einen ausgesprochen wichtigen Aspekt der
Landschildkrötenernährung, der nicht nur wesentlich für das
Management von Habitaten in Schutzgebieten ist, sondern der auch viele
ernährungsphysiologische Fragen aufwirft, die heute bezüglich der
Ernährung von Landschildkröten kontrovers diskutiert werden. Wenn
nämlich die biomechanischen Eigenschaften der Pflanzen sicherlich in
Abhängigkeit zur Größe (Beißkraft) der Schildkröten
ihre Nutzung als Futter beeinflusst, dann heißt das, dass kleine (also auch
junge Schildkröten) weichere Pflanzen (also auch zwangsläufig faser-
und ballaststoffärmere Pflanzen) nutzen müssen als adulte Tiere und
dass kleinwüchsige Arten ebenfalls auf harte, faserige ballastoffreicher Kost
verzichten. Insofern sollte sich zumindest das Futter von Schlüpflingen zu
dem der adulten Landschildkröten unterscheiden, sodass die
Verdauungsphysiologie der Jungtiere vielleicht doch an eine ballaststoffärmere,
vielleicht sogar proteinreichere (Keimlinge) Futterpflanzen oder Entwicklungsstadien
von Futterpflanzen angepasst sind, als wir das bei unserer oft so emotional
geführten Diskussion über die richtige Ernährung von
Schildkröten berücksichtigen. Zumindest wurden vergleichbare
Beobachtungen auch schon bei den Schlüpflingen der Gopherschildkröten
gemacht. – s. dazu Mushinsky et al. (2003),
Herpetologica 59: 475-483 oder
A. Saus in SiF 1/2005).
Für die Schildkrötenaufzucht stellt sich hier bezüglich der
artgerechten Ernährung wirklich die Frage, ist das Kleinschneiden von
„hartem“ Futter zur Nahrungsaufnahmeerleichterung wirklich
sinnvoll? Denn das heißt ja nicht, dass sich damit auch die
ernährungsphysiologische Qualität des gereichten Futters verbessert.
oder wäre es doch ernährungsphysiologisch sinnvoller, weichere,
ballaststoffärmere Nahrung zu verfüttern, die unzerkleinert aus
eigener Kraft und Entscheidung heraus von den Schlüpflingen gewählt
wird. Ich würde mir wünschen, dass sich diesbezüglich. mal
ein paar Fachleute Gedanken machen und dass die in den verschiedenen Foren
manchmal fast auf beleidigende, niveaulose Art geführten Diskussionen der
angeblich „Artgerechten-Ernährungsspezialisten“ mal ein
zufriedenstellendes, den Tieren nützendes Ende findet.
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