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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 02.07.2017 Share it on Facebook


Barnosky, A. D., E. A. Hadly, P. Gonzalez, J. Head, P. D. Polly, A. M. Lawing, J. T. Eronen, D. D. Ackerly, K. Alex, E. Biber, J. Blois, J. Brashares, G. Ceballos, E. Davis, G. P. Dietl, R. Dirzo, H. Doremus, M. Fortelius, H. W. Greene, J. Hellmann, T. Hickler, S. T. Jackson, M. Kemp, P. L. Koch, C. Kremen, E. L. Lindsey, C. Looy, C. R. Marshall, C. Mendenhall, A. Mulch, A. M. Mychajliw, C. Nowak, U. Ramakrishnan, J. Schnitzler, K. Das Shrestha, K. Solari, L. Stegner, M. A. Stegner, N. C. Stenseth, M. H. Wake & Z. Zhang (2017): Merging paleobiology with conservation biology to guide the future of terrestrial ecosystems. – Science; 355(6325), doi: 10.1126/science.aah4787.

Die Zusammenführung von Paläobiologie und Erhaltungsbiologie als Leitlinie zur Beurteilung der Zukunft für terrestrische Ökosysteme.


Die Erhaltung von Arten und von Ökosystemen wird zunehmend schwieriger, da der anthropogene (menschliche) Einfluss allgegenwärtig ist und sich beschleunigt. Um unter diesen rapiden globalen Veränderungen den Erhaltungserfolg zu maximieren, erfordert es einen Paradigmenwechsel und zwar weg von der Erhaltung oder Wiederherstellung idealisierter Stadien der Vergangenheit und hin zu einer Beschleunigung von deren adaptiven und funktionellen Kapazitäten. Und zwar auch dann, wenn Spezies dabei auf der individuellen Ebene abnehmen und abwandern. Die Entwicklung effektiver Erhaltungsstrategien unter diesen neuen Paradigma erfordert ein umfassenderes Verständnis zum einen für die Langzeitdynamiken, die zur Erhaltung dieser Ökosysteme beitragen. Zum anderen für die Abstimmungskonflikte, die sich daraus ergeben, wenn man einen vergangenen Zustand versus einen neuen Ökosystemzustand erhalten will. Dazu ist es ein großer Schritt vorwärts in Richtung Erfolg, wenn versucht wird die zunehmenden Informationen aus der Paläobiologie, der Erhaltungsbiologie und den Geowissenschaften (Lebenswissenschaften) zu integrieren. Die Erhaltung der Natur in allen ihren Aspekten erfordert auch, dass man von Anfang an das alles übergreifende Problem einer wachsenden menschlichen Population, mit ihrem übermäßigen Ressourcenverbrauch, der Umweltverschmutzung und den damit einhergehenden Klimawandel mit einbezieht.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hierbei handelt es sich um einen Übersichtsartikel von einer der führenden Arbeitsgruppen der Erhaltungsbiologie. Insofern liefert die Arbeit eine klare Darstellung und Begründung der derzeitigen Sichtweisen. Natürlich sind diese Sichtweisen – insbesondere der Einbezug der Paläobiologie in die Erhaltungspraxis – nichts ganz Neues (siehe Saenz-Arroyo et al 2006; Rick & Lockwood 2012). Während die früheren Arbeiten allerdings eher dazu dienten Erklärungsansätze zu liefern, die klarmachten warum bestimmte Erhaltungsstrategien nicht mehr dazu führen, werden den früheren Arten- bzw. Individuenreichtum wiederherstellen zu können, so macht diese Arbeit klar, dass es unsinnig wäre diesen Wiederherstellungsaspekt eines vergangenen Ökosystemzustands oder Speziesniveaus zu adressieren oder zur Zielsetzung zu machen. Nein, sie verweist eher darauf, dass wir versuchen sollten die Veränderungen, die diese Systeme in der Vergangenheit bis zum derzeitigen Zustand durchlaufen haben, dazu zu nutzen, um zu verstehen und zuverlässige Vorhersagen machen zu können wie sich das Ganze zukünftig weiterverändern wird. Dadurch wird auch verständlich warum sie schon im Abstract darauf verweisen, dass dies unabhängig von individuellen Schicksalen der Spezies zu erfolgen hat. Denn solche Erkenntnisse könnten uns zum Beispiel ganz klar vor Augen führen, dass eine bestimmte erhaltenswerte Art an einem bestimmten Ort langfristig gesehen nicht überleben kann und aussterben wird. Diese Information hört sich zwar erst einmal traurig und ernüchternd an, aber sie stimmt nicht hoffnungslos, weil diese Erkenntnis uns auch gleichzeitig zeigen könnte, dass wir vielleicht weniger Aufwand für die Restaurierung eines Ist-Zustands betreiben sollten und eher unsere Arbeit sich darauf konzentrieren sollte die Konnektivität aufrecht zu erhalten, die es einer erhaltenswerten Art erlauben würde ihr Verbreitungsgebiet zu verlagern, um z.B. dem Klimawandel auszuweichen und so zu überleben (siehe Lee 2011). Die Erkenntnis könnte auch so weit gehen, dass wir erkennen, dass es für eine zu erhaltende Spezies diese Art der Konnektivität indem noch zur Verfügung stehenden kurzen Zeitraum zum Ausweichen nicht mehr gibt und wir – wenn wir sie erhalten wollen – sie dann aktiv umsiedeln müssen (Anonymus 2016)! Ja und letztendlich könnte sich dabei auch herausstellen, dass eventuell nur Hybriden oder Introgressionsindividuen die eine höhere Trocken- oder Wärmeresistenz aufweisen vor Ort überleben werden oder können (soweit wir das zulassen) und somit den Evolutionslinienerhalt vor Ort sicherstellen könnten (zur Übersicht siehe Bidmon 2017). Auf alle Fälle plädiert dieser Review für eine realistischere Sicht der Entwicklung solcher Vorgänge, die sich zwar im so genannten Zeitalter des Anthropozäns beschleunigen, die aber keineswegs als einzigartig zu verstehen sind, da sie in ähnlicher Form auch schon in der Vergangenheit auf diesen Planeten wiederholter maßen stattgefunden haben. Als zusammenfassendes Fazit kann man hier sicher anbringen, dass uns das Studium der Paläobiologie die Dynamiken klar macht die bei solchen Vorgängen sowohl auf der geologischen Ebene (z. B. Wüstenbildung, Küstenerosion, Vulkanausbrüche, neue Inseln, Kontinentaldrift), der Ökosystemebene (Savannen, Trockenwälder, Feuchtgebiete und deren Lebensgemeinschaften) wie auf der Speziesebene (wo einst an extrem trockene Kälte angepasste Mammuts grasten tummeln sich heute Reliktbestände Feuchte liebender Amphibien und Sumpfschildkröten). Sicher das letzte Beispiel erscheint manchem vielleicht extrem, aber es ist nicht so unwahrscheinlich, dass dann wenn das Eis der Polkappen abgeschmolzen ist durch die damit einhergehenden Veränderungen der Meeresströmungen eine neue Eiszeit schneller droht als es unseren Kindern oder Ur-Ur-Enkeln lieb wäre. Siehe auch Kommentare zu: Cardinale et al. (2012); Newton (2011). Ja und letztendlich sieht es doch jetzt schon so aus als würden wir solche wahrscheinlich von uns mit verursachten katastrophenartigen Veränderungen gerade miterleben, denn seit dem Jahr 2013 erlebt Deutschland (und die Nordhalbkugel) einen dramatischen Einbruch der Insektenpopulationen (Vogel 2017) nicht nur bei Bienen und Hummeln wie früher schon diskutiert (siehe Bidmon, 2014, S.10) . Welche Konsequenzen diese als drastisch zu bezeichnenden Veränderungen für die Erhaltung von bestimmten Vögeln, Amphibien und Reptilien die sich davon ernähren haben ist bislang völlig unbekannt. Es gibt lediglich erste Anhaltspunkte beim NABU, dass im Winter/Frühjahr 2017 erste deutliche Reduktionen bei bestimmten Vogelarten zu verzeichnen sind. Da es sich dabei meist um Fluginsekten handelt dürfte wohl in Bezug auf die Herpetologie in Deutschland zuerst auch mit Einbrüchen bei Laubfroschpopulationen zu rechnen sein. Siehe auch den früheren Kommentar zu Bertolero et al. (2007).

Literatur

Anonymus (2016): Moving an endangered tortoise (Perth, Australia). – Science: 353 (6300): 628–629 oder Schildkröten im Fokus, Bergheim 13(4): 21–22.

Bertolero, A., D. Oro & A. Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by modelling adult survival: the example of Hermann's tortoise. – Animal Conservation 10 (3): 360–368 oder WiF-Archiv.

Bidmon, H.-J. (2014c): Schweizer Regierung unterstützt großzügig den Infrastrukturaufbau der GEA Chelonia Foundation in Bulgarien. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 11 (3): erweiterte Version online, S. 9, Abb. 16.

Cardinale, B. J., J. E. Duffy, A. Gonzalez, D. A. Hooper, C. Perrings, P. Venail, A. Narwani, G. M. Mace, D. Tilman, D.A. Wardle, A. P. Kinzig, G. C. Daily, M. Loreau, J. B. Grace, A. Larigauderie, D. S. Srivastava, & S. Naeem (2012): Biodiversity loss and its impact on humanity. – Nature 486: 59–67 oder WiF-Archiv.

Lee, H. (2011): Climate change, connectivity, and conservation success. – Conservation Biology, 25: 1139–1142 oder WiF-Archiv.

Newton, A. C. (2011): Implications of Goodhart's Law for monitoring global biodiversity loss. – Conservation Letters 4: 264–268 oder WiF-Archiv.

Pecl, G. T., M. B. Araújo, J. D. Bell, J. Blanchard, T. C. Bonebrake, I. C. Chen, T. D. Clark, R. K. Colwell, F. Danielsen, B. Evengård, L. Falconi, S. Ferrier, S. Frusher, R. A. Garcia, R. B. Griffis, A. J. Hobday, C. Janion-Scheepers, M. A. Jarzyna, S. Jennings, J. Lenoir, H. I. Linnetved, V. Y. Martin, P. C. McCormack, J. McDonald, N. J. Mitchell, T. Mustonen, J. M. Pandolfi, N. Pettorelli, E. Popova, S. A. Robinson, B. R. Scheffers, J. D. Shaw, C. J. Sorte, J. M. Strugnell, J. M. Sunday, M. N. Tuanmu, A. Vergés, C. Villanueva, T. Wernberg, E. Wapstra & S. E. Williams (2017): Biodiversity redistribution under climate change: – Impacts on ecosystems and human well-being. – Science; 355(6332), doi: 10.1126/science.aai9214.

Rick, T. C. & R. Lockwood (2012): Integrating Paleobiology, Archeology, and History to Inform Biological Conservation. – Conservation Biology DOI: 10.1111/j.1523-1739.2012.01920.x oder WiF-Archiv.

Saenz-Arroyo A., C. M. Roberts, J. Torre, M. Carino-Olvera & J. P. Hawkins (2006): The value of evidence about past abundance: marine fauna of the Gulf of California through the eyes of 16th to 19th century travellers. – Fish and Fisheries 7 (2): 128–146 oder WiF-Archiv.

Vogel, G. (2017): Where have all the insects gone? – Science; 356(6338): 576–579.



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