Wissenschaft im Fokus
Baxter, P. C., D. S. Wilson & D. J. Morafka
(2008): Effects of nest date and placement of eggs in burrows on sex ratios and
potential survival of hatchling desert tortoises, Gopherus agassizii.
– Chelonian Conservation and Biology 7 (1): 52-59.
Auswirkungen der Ablagezeit und der Gelegeplatzierung in
den Höhlen auf die Geschlechterverhältnisse und das
Überlebenspotential der Schlüpflinge der Wüstenschildkröte,
Gopherus agassizii
Wir untersuchten die Auswirkungen des Timings und der Gelegeplatzierung bei
graviden Weibchen,
Gopherus agassizii, auf das
Geschlechterverhältnis und das Überlebenspotential der
Schlüpflinge. Dazu zeichneten wir die Gelegeplatzierung von weiblichen
Schildkröten unter seminatürlichen Bedingungen in der Fort Irwin Study
Site (FISS) in der Mojavewüste, San Bernardino County, Kalifornien, United
States, auf. Ebenso untersuchten wir die gleichen Parameter in den
Schildkrötenhabitaten, die unmittelbar an die FISS angrenzen, also von wild
lebenden Wüstenschildkröten. Wir lokalisierten 16 Nester und fanden
keine signifikanten Unterschiede zwischen der Gelegeplatzierung im
seminatürlichen Lebensraum der FISS und jener von wild lebenden
Schildkröten. Gravide Weibchen legten ihre Eier etwa 0,7 m vom
Höhleneingang entfernt in ihrer Wohnhöhle ab und vergruben die Eier,
so dass sie 8-10 cm von der Erdoberfläche entfernt lagen. Unter Verwendung
dieser Erkenntnisse legten wir experimentelle Nester an, um die Auswirkungen der
Nestplatzwahl auf das Geschlechterverhältnis und die Überlebensrate
näher zu charakterisieren. Dazu legten wir 14 Nester mit Eiern und neun
Pseudonester (nur mit Messfühlern) innerhalb der FISS an, zeichneten die
Inkubationstemperaturen auf und erfassten das Geschlecht der Schlüpflinge.
Siebenundvierzig Schlüpflinge schlüpften (79 % Überlebensrate)
und bei 33 wurde das Geschlecht erfolgreich bestimmt. Die Nester, die früh
in der Saison angelegt wurden (n=6), produzierten nur Weibchen und Nester, die
spät in der Nistsaison angelegt wurden (n=4), produzierten nur Männchen.
Die durchschnittliche Inkubationszeit betrug 90 Tage. Diese unterteilten wir in
3 Zeitperioden. Die früh abgelegten Nester inkubierten als die späten
Nester während der ersten beiden Inkubationsperioden (0-30 Tage und 31-60
Tage) signifikant kühler und signifikant wärmer während der
dritten Inkubationsperiode (61-90 Tage). Das flachste Pseudonest, das nur 0,2 m
vom Höhleneingang entfernt in der Höhle lag, zeigte eine signifikant
größere Zeitspanne, in der die Nesttemperatur über der
kritischen Temperatur von 35,3 °C lag, als die Nester, die 0,4 m tief im
Höhlentunnel lagen, und die Nester mit Eiern in 0,7 m Entfernung vom
Höhleneingang. Wir postulieren anhand der Daten, dass die Weibchen in der
FISS-Lokalität und in den angrenzenden Habitaten eine Distanz zum
Höhleneingang wählen, die dazu beiträgt, eine hohe
Überlebensrate der Embryonen zu gewährleisten. Wir fanden, dass der
Anteil der Inkubationstemperatur, der während der Tage 15-45 über der
Pivotaltemperatur liegt, eine bessere Vorhersage des Schlüpflingsgeschlechts
erlaubt als der Zeitanteil während des zweiten Drittels (30-61 Tag). Die
Nutzung der Nestdaten sowie die Verwendung des Zeitanteils, der über der
Pivotaltemperatur liegt, könnten eine Vorhersage für die
Geschlechterverhältnisse bei Wüstenschildkröten in der
Mojavewüste erlauben.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Obwohl den Autoren hier ein Verwechslungsfehler bei der Formulierung
unterlaufen sein dürfte, was das Geschlecht in frühen bzw. spät
abgelegten Nestern anbelangt, so finde ich es doch erwähnenswert, dass hier
eine für das Überleben der Embryonen kritische Temperatur von etwa
35,3 °C ermittelt wurde. Somit zeigt sich auch für diese an heiße
Wüstenbiotope angepasste Spezies, dass die Obergrenze einer noch zu
tolerierenden Temperatur zumindest für die Gelege nur wenige Grad über
der Pivotaltemperatur für diese Spezies liegt (siehe
Rostal, D. C., T. Wibbels, R. C. Averill-Murray, E. W.
Stitt & D. Riedle (2003): Temperature-dependent sex determination in
North American tortoises, Gopherus agassizii
and Gopherus
polyphemus
. – Proceedings 28th Annual Meeting and Symposium of the
Desert Tortoise Council, February 21-23. online oder
WiF-Archiv). Berücksichtigt man dann die
Beobachtungen und Beschreibungen anderer Autoren zum Verhalten der adulten
Wüstengopherschildkröten wie bei Bidmon
(Bidmon, H. (2009): Ernährungsgrundlagen und
Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie
selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen
überleben: Eine Übersicht &
Schildkröten im Fokus 6 (1): 3-26)
gelistet, drängt sich einem schon der Verdacht auf, dass die
Pivotaltemperatur (eventuell auch eine Formel: Pivotaltemperatur - 2 °C)
eine gute Annäherung für eine optimale Haltungstemperatur darstellen
könnte. Denn in Bezug auf eine optimale Haltungstemperatur gilt es ja zu
beachten, wie und bei welcher Umgebungstemperatur die Schildkröten ihren
Wasserhaushalt auf Dauer aufrecht erhalten können. Im Grunde genommen ist
es schon verblüffend, für wie viele Spezies zunehmend ernstzunehmende
im Freiland gemessene Temperaturbereiche zwischen 27 °C und maximal 32
°C in der Literatur aufgelistet werden. Lediglich einige
südamerikanische Schildkrötenarten wie die Argentinische
Landschildkröte scheinen hier deutlich höhere
Temperaturaktivitätsoptima zu zeigen, zumindest wenn diese mit
entsprechender Feuchtigkeit einhergehen (siehe Vinke
et al. 2008, Vinke, S., H. Vetter, T. Vinke & S.
Antenbrink-Vetter (2008): Südamerikanische Landschildkröten.
Schildkrötenbibliothek Band 3. – Frankfurt am Main (Edition Chimaira),
379 S). Siehe auch: Castellano, C. M., J. L. Behler &
G. R. Ultsch (2008): Terrestrial movements of hatchling wood turtles
(Glyptemys insculpta
) in agricultural fields in New Jersey. –
Chelonian Conservation and Biology 7 (1): 113-118 oder
WiF-Archiv.
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