Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 22.08.2010
Bicknese, E. J., A. L. Childress & J. F. X. Wellehan (2010): A Novel Herpesvirus of the Proposed Genus
Chelonivirus from an Asymptomatic Bowsprit Tortoise (Chersina angulata). – Journal of Zoo and Wildlife Medicine 41
(2): 353-358.
Ein neuer Herpesvirus aus der vorgeschlagenen Gattung Chelonivirus aus einer
asymptomatischen Schnabelbrustschildkröte (Chersina angulata).
Eine wild gefangene Schnabelbrustschildkröte (
Chersina angulata) wurde in Quarantäne genommen und konnte als klinisch
normal bezeichnet werden. Abstriche aus der Mundhöhle, die mit der PCR Methode auf Consensussequenzen für Herpesviren untersucht
wurden und die während der Quarantäne durchgeführte Sequenzierung erbrachten die Identifizierung eines neuen Herpesvirus.
Vergleichende Sequenzanalysen zeigten, dass der Virus ein Mitglied der Unterfamilie Alphaherpesvirinae innerhalb der vorgeschlagenen
Gattung
Chelonivirus ist. Eine Wirt/Virus- Co-Evolution scheint innerhalb der Herpesviren und den Wirtsorganismen allgemein
verbreitet zu sein, wobei deutliche Krankheitssymptome typischer Weise nur dann auftreten, wenn ein Herpesvirus auf einen neuen, dem
eigentlichen Wirt nahe verwandten Wirtsorganismus (Art) überspringt.. Kürzlich erfolgte Studien fanden eine gewisse
Diversität der Herpesviren von Landschildkröten. Dieser Bericht vergrößert die Anzahl der bekannten Herpesviren in
Schildkröten. Es ist anzunehmen, dass Herpesviren signifikant unterschiedliche klinische Auswirkungen in den verschiedenen
Schildkrötenarten zeitigen, so dass die Analyse der Beziehungen zwischen Wirtsorganismen und Virus dazu beitragen, das klinische
Management von Schildkrötensammlungen zu verbessern. Zukünftige Arbeiten sind nötig, um das und die damit einhergehenden
klinischen Auswirkungen für Herpesviren in verschieden Schildkröten genauer zu untersuchen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Ein interessanter Aspekt, der hier exemplarisch dargestellt und diskutiert wird, der zum einen zeigt, wie und warum sich Herpesviren so
leicht verbreiten. Denn Arten, die durch eine lange Co-Evolution fast schon resistent gegenüber ihrem Herpesvirus sind, können ihn
natürlich beim Zusammentreffen mit fremden Arten auf diese übertragen. Wenn man es einmal aus evolutiver Sicht betrachtet, kann
der Besitz eines solchen einen selbst nicht krankmachenden Virus sogar Vorteile im Überlebenskampf verschaffen, denn wenn eine neue in
den Lebensraum eindringende Art, die mit den ansässigen Tieren um die Habitate konkurriert durch Krankheit dezimiert wird, mag das
für den eigenen Arterhalt Vorteile ergeben. Insofern sollte diese Art der Co-Evolution, die im Übrigen auch für andere
Parasiten und Symbionten gilt, nicht nur als etwas Negatives gesehen werden. Dass Herpesviren und die damit assoziierten Krankheitssymptome
Schildkrötenhaltern Sorgen bereiten, insbesondere wenn wir unsere Haltungen als Schildkrötensammlungen betreiben, ist klar, wobei
man sich aber bewusst sein sollte, dass das in der eigentlichen Evolution dieser Organismen so nicht vorkommt und auch nicht vorgesehen war.
Vielleicht wäre es sogar für Erhaltungszuchtprogramme ein wichtiger Aspekt dies zu berücksichtigen und dementsprechend
Nachzuchtlokalitäten jeweils nur für eine bestimmte Spezies zu betreiben. Sicher kann man sagen, dass es dafür schon zu
spät sei, aber wenn man bedenkt, was passieren könnte, wenn man solche Exemplare wieder auswildern will, und dann vielleicht in
Gebieten, wo andere verwandte einheimische Schildkrötenarten noch leben, muss man sich schon fragen, was würde dort vor Ort
passieren? Letztendlich wäre es schade, wenn man mit gut gemeinten Aktionen, die Probleme nur vergrößern würde. Ich
denke, das weltweite Amphibiensterben macht uns gerade darauf aufmerksam, welche Konsequenzen und Folgekosten es haben könnte, wenn man
unüberlegt versuchen würde, Luzifer mit Belzebub auszutreiben.
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