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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 16.12.2016 Share it on Facebook


Blumberg, M. S. (2016): Development evolving: the origins and meanings of instinct. – Wiley Interdiscip Rev Cogn Sci. doi: 10.1002/wcs.1371.

Entwicklungsevolution: Der Ursprung und die Bedeutung von Instinkt.


Wie schaffen es Zugvögel, Hütehunde und navigierende Meeresschildkröten die außerordentlichen Leistungen zu vollbringen, die sie nun mal beherrschen? Über hunderte von Jahren haben Wissenschaftler und Philosophen sich darum bemüht, Erklärungsmöglichkeiten dafür zu finden. In dieser Zeit wurde ein Wort geprägt, das begann die Diskussionen zu dominieren: Instinkt. Instinkt wurde zur allgemein akzeptierten, griffigen Erklärung für alle adaptiven (spezies-spezifischen) komplexen Fähigkeiten, die anscheinend nicht das Ergebnis von Lernprozessen und Erfahrungen waren. Heute behauptet man für etliche Tiere, dass sie über einen Überlebensinstinkt, einen Hüteinstinkt, einen mütterlichen Instinkt oder einen Sprachinstinkt verfügen. Allerdings zeigt ein genauerer Blick, dass diese und andere Instinkte nicht zufriedenstellend als angeboren, vorprogrammiert, festgelegt oder genetisch ererbt beschrieben werden können. Wissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet lehren uns zunehmend, dass diese artspezifischen Verhaltensweisen sich entwickeln und zwar in jedem Individuum unter dem Einfluss und der Führung von spezies-typischen Erfahrungen, die sich innerhalb eines bestimmten, verlässlichen, ökologischen Kontexts (lokalen Umwelt) ergeben. Für weitere Erkenntnisse zu dieser Thematik besuchen Sie bitte die WIRE-Webseite.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieser Einleitungsartikel zu einer ganzen Serie von Arbeiten beschreibt im Wesentlichen die Prägung des Begriffs Instinkt oder angeborenes Verhalten durch Konrad Lorenz und andere, die damit ein anscheinend angeborenes Verhalten bestimmten Tieren (wie dem frisch geschlüpften Gänseküken, das sofort der Mutter oder einer Ersatzmutter folgt) zu sprachen. Vielen anderen Tieren, die für bestimmte Verhaltensweisen eine gewisse Prädisposition haben, wurde diese Verhaltensweise als instinktiv vorhanden oder als Instinkt zugesprochen. Heute zeigen aber die zunehmenden Möglichkeiten der Forschung, dass diese Fähigkeit doch erlernt werden müssen und zwar individuell innerhalb einer ganz bestimmten Umwelt. Dazu gehört die Erkenntnis, dass zum Beispiel Entenküken schon im Ei vor dem Schlupf mit ihren Eltern kommunizieren und deren Ruf erlernen. Das konnte man klar zeigen indem man Enteneier einer anderen Entenart, die einen anderen Ruf hat, zur Bebrütung unterschob und die dann nicht ihren arteigenen Ruf folgten oder produzierten, sondern den der Adoptiveltern. Diese Verhalten sind also nicht angeborene Instinkte, sondern sehr früh erlernte (siehe in Bezug zur Schildkrötenkommunikation (Ferrara et al., 2013). Letzteres trifft auch auf andere Schildkröten zu, denn wie Roth & Krochmal (2015) zeigten, müssen auch Schildkröten die zum Überleben notwendigen Wanderrouten innerhalb ihres individuellen Ökosystems erlernen, wobei bedeutend ist, dass sie das im Fall von Chrysemys picta nur während der ersten 4 Lebensjahre können. Wer also nur adulte Tiere dabei beobachtet wie sie das Tun, dem drängt sich leicht der Gedanke auf, dass diese Fähigkeit angeboren sein muss. Wobei manche es bis vor wenigen Jahren wohl noch für undenkbar hielten, dass die sogenannten „niederen Tiere“ überhaupt lernen können. Es würde zu weit führen alle diese Phänomene an Beispielen zu erklären, aber die Artikelserie liefert auch Beispiele dafür, wie die DNS „ökologische Kontexte“ vielleicht nicht erlernen aber doch auch generationsübergreifend berücksichtigen kann, mittels der Mechanismen die wir heute unter dem Begriff Epigenetik zusammenfassen. Ebenso wie sie erklärt, was Gene vererben oder was besser nicht (siehe auch Moore & Shenk 2016). Ganz allgemein gesagt geht es hier um die Richtigstellung veralteter biologischer Konzepte und Ansichtsweisen auf der Ebene aller Lebewesen, die als Individuen in ganz bestimmten „lokalen Lebensräumen“ überleben können müssen. Etwas das wir bezogen auf Einzelfälle schon häufiger diskutiert haben (siehe Phänotypische Plastizität oder Verhaltensplastizität (Bidmon 2015) oder Überleben mittels hoher genetischer Diversität versus erlerntem Verhaltens- und Anpassungsrepertoire (Kommentar zu Romiguier et al. 2014). Auf alle Fälle zeigen uns solche „Augen öffnenden“ Beiträge und Beitragsserien wie wichtig es ist solche neuen Konzepte nicht nur bei der Tierhaltung zu berücksichtigen, sondern wie wichtig sie erst für ein vernünftiges und zielführendes Erhaltungsmanagement sein werden. Ja und letztendlich kristallisiert sich für mich dabei immer wieder heraus wie wichtig und systemrelevant (Ökosystem- oder Überlebensraum-relevant) solch neue Erkenntnisse über phänotypische Anpassung und damit Phänotypdiversität, Artenvielfalt (Speziesdiversität, Lohbeck et al. 2016, Soliveres et al. 2016) und hohe genetische Diversität eigentlich sind und zwar für das Gesamtökosystem Erde. Siehe auch Kommentar zu Renner (2016).

Literatur

Bidmon, H.-J. (2014): Kommentar zu: Golubovic, A., M. Andjelkovic, D. Arsovski, A. Vujovic, V. Ikovic, S. Djordjevic & L. Tomovic (2014): Skills or strength-how tortoises cope with dense vegetation? – Acta Ethologica 17: 141–147 oder Wif-Archiv.

Ferrara, C. R., R. C. Vogt & R. S. Sousa-Lima (2013): Turtle Vocalizations as the First Evidence of Posthatching Parental Care in Chelonians. – Journal of Comparative Psychology 127 (1): 24–32 oder WiF-Archiv.

Lohbeck, M., F. Bongers, M. Martinez-Ramos & L. Poorter (2016): The importance of biodiversity and dominance for multiple ecosystem functions in a human-modified tropical landscape. – Ecology. 97(10): 2772–2779.

Moore, D. S. & D. Shenk (2016): The heritability fallacy. – WIREs Cogn Sci 2016. doi: 10.1002/wcs.1400.

Renner, S. S. (2016): A Return to Linnaeus's Focus on Diagnosis, Not Description: The Use of DNA Characters in the Formal Naming of Species. – SYSTEMATIC BIOLOGY, 65: 1085–1095 oder Wif-Archiv.

Romiguier, J., P. Gayral, M. Ballenghien, A. Bernard, V. Cahais, A. Chenuil, Y. Chiari, R. Dernat, L. Duret, N. Faivre, E. Loire, J. M. Lourenco, B. Nabholz, C. Roux, G. Tsagkogeorga, A. A.-T. Weber, L. A. Weinert, K. Belkhir, N. Bierne, S. Glémin & N. Galtier (2014): Comparative population genomics in animals uncovers the determinants of genetic diversity. – Nature 515: 261–263 & 9 S. Supplements oder WiF-Archiv.

Roth, T.C. II & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2014.11.048 oder WiF-Archiv.

Soliveres, S., F. van der Plas, P. Manning, D. Prati, M. M. Gossner, S. C. Renner, F. Alt, H. Arndt, V. Baumgartner, J. Binkenstein, K. Birkhofer, S. Blaser, N. Blüthgen, S. Boch, S. Böhm, C. Börschig, F. Buscot, T. Diekötter, J. Heinze, N. Hölzel, K. Jung, V. H. Klaus, T. Kleinebecker, S. Klemmer, J. Krauss, M. Lange, E. K. Morris, J. Müller, Y. Oelmann, J. Overmann, E. Pašalić, M. C. Rillig, H. M. Schaefer, M. Schloter, B. Schmitt, I. Schöning, M. Schrumpf, J. Sikorski, S. A. Socher, E. F. Solly, I. Sonnemann, E. Sorkau, J. Steckel, I. Steffan-Dewenter, B. Stempfhuber, M. Tschapka, M. Türke, P. C. Venter, C. N. Weiner, W. W. Weisser, M. Werner, C. Westphal, W. Wilcke, V. Wolters, T. Wubet , S. Wurst, M. Fischer & E. Allan (2016): Biodiversity at multiple trophic levels is needed for ecosystem multifunctionality. – Nature. 536(7617): 456–459.



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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus