Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 13.01.2011
Boero, F. (2010): The Study of Species in the Era of Biodiversity – A Tale of Stupidity. – Diversity (2): 115-126.
Das Studium der Arten in der Biodiversitätsära: Eine Geschichte von Dummheit.
Forschungsrichtlinien die basierend auf dem Abkommen für Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity) initiiert wurden
stellten große Summen an Geld für die Erforschung der Biodiversität zur Verfügung. Dieses Geld war hauptsächlich
für Projekte bestimmt, die das Ziel verfolgen die Taxonomie durch Information und Technologie zu unterstützen oder
„moderne“, z.B. molekularbiologischer Ansätze für taxonomische Studien zu entwickeln. Die traditionelle Taxonomie
wurde dabei weitestgehend vernachlässigt und geriet zunehmend weltweit ins Abseits. Hier wird dafür plädiert, dass sowohl
neue wie traditionelle Wege der Biodiversitätsforschung essentiell sind und dass es ein Fehler war die traditionell auf Phänotypen
basierte Taxonomie in der modernen Biodiversitätsära zu vernachlässigen. Diese Fehlentwicklung ist das Ergebnis einer wenig
vorausschauenden Politik die hauptsächlich von einigen Vertretern aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler mit dem Ziel gefördert
wurde, den größten Teil der zur Biodiversitätsforschung bereitgestellten Mittel zu Ihrem Vorteil zu nutzen.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Der Jahresbeginn sollte ein Anlass sein inne zu halten und sich ein paar Gedanken darüber zu machen, ob alles richtig ist wie wir es
erleben und wie es uns von Wissenschaftlern und Politikern vorgesetzt wird. Warum? Weil beide Berufsgruppen von unseren Steuergeldern leben
und einen guten Anteil davon für ihr Tun verbrauchen. Im Bezug auf Natur- und Artenschutz kommt für viele privat engagierte noch
eine emotionale, persönliche Komponente dazu.
Ich stimme dem Autor in Bezug auf die Forderung die klassische Systematik nicht zu vernachlässigen durchaus zu, nicht aber dass daran
allein der zu bemängelnde unsachgemäße Gebrauch des Impactfaktors, Unterbewertung von Monographien oder die Verlagerung der
klassischen Systematik weg von den Universitäten und in die Museen schuld sein soll. Es ist menschlich neuen Methoden mehr zu zutrauen
als alten, wir versprechen uns davon neue Einblicke. Jede Epoche hat ihre Methoden, was gut ist wie ich finde. Denn hätten wir zum
Beispiel in klassische Methoden investiert, statt das „Human Genome Project“ zu finanzieren wüssten wir heute nicht, dass
Gene allein nicht jeden Phänotyp erklären können. Insofern hat diese neue Molekulargenetik zwar sehr viele Ressourcen
verbraucht, die klassische Systematik, Physiologie und Biochemie jedoch bereichert. Wir lernen wie RNA's zur Ausprägung eines
Phänotyps beitragen und gewinnen erste Einblicke in epigenetische Vorgänge und die Wirkungsmöglichkeiten von so genannten
kryptischen Genen die im Erbgut noch vorliegen und im Zuge von Umweltveränderungen in Form von Anpassungsmechanismen wieder reaktiviert
werden können.
Neue Methoden muss man nutzen und wie die Erfahrung lehrt mit den klassischen Methoden kombinieren, denn nicht zuletzt waren es ja die
klassischen Methoden die Erkenntnisse lieferten die neue Fragen aufwarfen, die man mit den neuen Methoden zu beantworten hoffte.
Es gibt auch heute durchaus Wissenschaftler die klassische Methoden so einsetzen dass dafür hohe Fördergelder fließen.
Letztendlich sollten wir begreifen, dass wir effiziente Möglichkeiten finden müssen Biodiversität und ihren Sinn zu
verstehen, deshalb würde ich fordern Gelder für entsprechende Lehrstühle für biologische Philosophie, Umweltphilosophie
oder in eine experimentell, theoretische Biodiversitätsforschung zu investieren, denn wir müssen ja heute schon auf mögliche
Umweltprobleme, die sich zukünftig aus Veränderungen ergeben sinnvoll reagieren. Ich halte es für illusorisch, wenig
praktikabel und unfinanzierbar eine systematische Inventarisierung des Globus nach klassischem Muster anzustreben.
Zu meiner Studienzeit lernte man, dass noch 99% Bodenbakterien unbekannt sind und daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert.
Trotzdem betreiben wir seit einem Jahrhundert eine moderne Agrarwirtschaft, die auf diese Bodenmikroben Auswirkungen hat. Zu behaupten wir
müssten erst alle Zusammenhänge kennen ehe wir handeln können war von jeher ein Wunschdenken, dass durch die
Populationsdynamik des Menschen ad absurdum geführt wurde, weil der Platzverbrauch und die Notwendigkeit einer effizienten
Ernährung immer schneller und dringlicher waren als jegliche wissenschaftliche Entwicklung und Inventarisierung.
Insofern ist es wohl rein aus Zeitgründen eher die Etablierung von Modellen zum Verständnis und zur Abschätzung von
möglichen Folgen einer Biodiversitätsverschiebung oder Veränderung die uns noch zeitnah weiterbringen können, als das
Warten auf möglichst vollständige Inventarlisten, die sich dann auch noch sehr schnell verändern. Als Beispiel werden in
Australien derzeit durch Hochwasser quasi übernacht die geographischen Grenzen zwischen über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende
getrennten Flusssystemen aufgehoben. Ich möchte fast wetten, dass es nicht all zulange dauern dürfte bis Jemand wieder ein paar
auf natürliche Weise entstandene Schildkrötenhybriden aus Arten die man gerade jüngst für jedes Flusssytem als
eigenständige Art beschrieben hatte findet. Ja vielleicht geht so manche Art in so mancher neuen „Hybridart“ auf. Denken
sie mal darüber nach wie oft sich so etwas in der Erdgeschichte schon ereignet haben mag.
Letztendlich sollten wir erkennen, dass wir es selbst sind, die mit unserem Wertesystem und unserer Moral so handeln, dass sich Sachverhalte
so entwickeln wie wir sie sehen oder sehen wollen. Es würde als unmoralisch und unzumutbar empfunden, nach den als so wichtig
erachteten Erkenntnissen zu handeln. Oder würden sie wenn sie der Meinung wären zuviel Treibhausgase treiben uns in eine
ökologische Katastrophe dafür plädieren jeglichen privaten Auto- und Flugverkehr nur noch per Ausnahmegenehmigung und nicht
mehr für jedermann zu erlauben? Vor solchen Hintergründen und Arbeitsplatzargumenten platzt so mancher Kompromiss mit schöner
Regelmäßigkeit bei fast jedem Klimagipfel. Ich für meinen Teil halte es auf alle Fälle für sinnvoller Mittel zur
Erarbeitung von Modellen zum Verständnis biologischer und ökologischer Prozessabläufe zu erarbeiten, die zeigen wie wichtig
oder welchen Stellenwert Biodiversität hat. Das ist zeitnah finanzier- und umsetzbar. Letzteres ist letztendlich auch für den
Natur- und Artenschutz sinnvoll, weil ich fest davon ausgehe, dass Vielfalt ungeachtet seiner einzelnen Komponenten das funktionelle
Grundprinzip belebter Materie ist, weil nur diese Vielfalt das Potential zur Veränderung im Sinne von Umweltanpassung
gewährleisten kann. Vor diesem Konzept hätten wir dann auch die Berechtigung konsequenten Artenschutz zu betreiben auch für
Arten die weder beschrieben, noch im Bezug auf ihre Bedeutung für das Ökosystem verstanden sind. Zudem sollten wir vor einer
falschen Biodiversität warnen, denn es bringt uns nicht weiter, wenn wir jeder lokalen Phänotypausprägung einen eigenen
Artstatus zu schreiben. Auch die Menschen und ihre ethnischen Gruppen lassen sich dem Phänotyp nach unterscheiden. 2010, wurde
beispielsweise ein zweites menschliches Genom für den afrikanischen Kontinent beschrieben. Trotzdem sprechen wir nicht von zwei Arten
und ich persönlich bin froh, dass etwa zeitgleich entdeckt wurde, dass noch Gene des Neandertalers in uns stecken
(
Green et al., 2010, siehe auch Anmerkung zu TURKOZAN et al. 2010), denn das dürfte es zumindest
bestimmten Politikern etwas erschweren gesellschaftlich trennende Barrieren im Sinne eines neuen Rassismus zu propagieren. Als humane
Hybridspezies waren wir in erdgeschichtlich jüngster Zeit trotz allem recht erfolgreich und wir sollten lieber diesen Erfolg sehen als
danach zu suchen wie wir ihn durch Aufspaltung und Abgrenzung zunichte machen. Insofern sollten wir als Biologen angemessen mit der
Zuweisung eines Artstatus umgehen, denn je enger wir diese wissenschaftlich angeblich geltenden Abgrenzungskriterien ziehen desto eher
liefern wir Abgrenzungskriterien für jene die sie politisch missbrauchen.
Gedanken darüber muss sich eine verantwortungsvolle Politik sowieso machen, denn auch die Forderung nach einer modernen auf das
Individuum abgestimmten Medizin und die damit verbunden molekulargenetischen Charakterisierungen werden zwangsweise so tief greifend sein,
dass wir Unterschieds – und Diversitätsprofile für bestimmte Gruppen, Familien etc. vorliegen haben die missbraucht werden
könnten.
Es spielt kaum eine Rolle, ob dabei moderne oder klassische Systematik betrieben wird, denn zwischen Grissly und Eisbär hat die
klassische Systematik weit mehr an Unterschieden zu bieten als die Molekulare. Sie sehen in der Natur sind die Grenzen fließend und
wertfrei. Unser Problem sind wie immer wir selbst und unsere Wertung und Moral. Sollte es nicht zur Freiheit des Individuums gehören
sich davon als abstrakt denkender Mensch frei zumachen? Nein, das können wir nicht – denn überspitzt ausgedrückt
– wer will schon einen „eignen Freien-Willen“ zum Preis eines Kaspar Hauser-Syndroms? Was bleibt ist ein abstraktes
Verständnis dessen was wir zum Wohle von uns erhalten und schützen wollen. Da wir nie die Zeit haben alles das was sich auch noch
im laufe der Zeit verändert zu inventarisieren sind wir auf hilfreiche Modelle angewiesen, selbst dann, wenn die von so genannten
Servicedienstleistern im Sinne der klassischen Systematik erstellt werden sollten. Der Erkenntnisstand in der Biologie und der Medizin war
immer und in jeder Epoche abhängig von technischen Errungenschaften aus anderen Fachgebieten wie Physik, Chemie und neuerdings
Elektrotechnik und Informatik. Es gäbe keine Elektrophysiologie oder Röntgendiagnostik, Computertomographie, Ultraschall oder
Endoskopie (auch zur Geschlechtsbestimmung bei Schildkröten) ohne die Errungenschaften der Physiker. Sicher als
„beschränkter“ Biologe kann ich sagen alles Hilfswissenschaften im Sinne der Biomedizin, aber letztendlich muss auch der
klassische Museumssystematiker zugeben, dass die Lupe ohne die er die kleinen so artspezifisch angeordneten Schuppen gar nicht sehen
könnte nur von Biologen benutzt wird, nicht aber von ihnen erfunden und gebaut wurde. Liebe Leser damit sind wir fast wieder am
Ausgangspunkt dessen was die obige Arbeit aus der Sicht eines klassischen Systematikers kritisch betrachtet. Vielleicht erkennen Sie ja auch
den gesellschaftlichen und ökonomischen Zündstoff der sich selbst in so doch eher am gesellschaftlichen Rande geführten
wissenschaftlichen Disputen verbirgt und dass es sich durchaus auch für jeden von uns als Steuerzahler und Finanzierer solchen Tuns
lohnt darüber nachzudenken, denn nur das kann dazu beitragen, dass vielleicht auch mal jemand einen wirklich gesamtgesellschaftlich,
innovativen Vorschlag zur Herangehensweise ersinnt.
In diesem Sinne allen Lesern ein frohes, gesundes und interessantes 2011.
Literatur
Green R. E., Krause J., Briggs A. W., Maricic T., Stenzel U., Kircher M., Patterson N., Li H., Zhai W., Fritz M. H.,
Hansen N. F., Durand E. Y., Malaspinas A. S., Jensen J. D., Marques-Bonet T., Alkan C., Prüfer K., Meyer M., Burbano H. A., Good J. M.,
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de la Rasilla M., Fortea J., Rosas A., Schmitz R. W., Johnson P. L., Eichler E. E., Falush D., Birney E., Mullikin J. C., Slatkin M.,
Nielsen R., Kelso J., Lachmann M., Reich D. & S. Pääbo
(2010) A draft sequence of the Neandertal genome. Science; 328(5979): 710-722.
Turkozan, O., F. Kiremit, J. F. Parham, K. Olgun & E. Taskavak (2010): A quantitative reassessment of
morphology-based taxonomic schemes for Turkish tortoises (
Testudo graeca). – Amphibia-Reptilia 31 (1): 69-83 oder
WiF-Archiv.
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