Wissenschaft im Fokus
Booth, D T. (2008): Swimming for your life:
locomotor effort and oxygen consumption during the green turtle (Chelonia
mydas) hatchling frenzy. – Journal of Experimental Biology 212 (1):
50-55.
Um sein Leben schwimmen: Fortbewegungsaufwand und
Sauerstoffverbrauch während des Wegschwimmens von
Suppenschildkrötenschlüpflingen (Chelonia
mydas)
Der Aufwand beim Schwimmen und der damit verbundene Sauerstoffvervrauch wurde
bei frisch geschlüpften Schlüpflingen von
Chelonia mydas ab
dem Zeitpunkt, wo sie das Wasser erreichten, simultan und kontinuierlich
während der ersten 18 Stunden des Schwimmens in ihrem Leben gemessen. Der
Sauerstoffverbrauch (als Maß für die Stoffwechselaktivität)
korrelierte stark mit der Schwimmaktivität während der ersten 12
Stunden, was klar zeigt, dass das Schwimmen durch einen hauptsächlich
aeroben (Sauerstoffverbrauchenden) Stoffwechsel ermöglicht wird. Die Muster
des Schwimmaufwands und der Sauerstoffverbrauch konnten in drei distinkte Phasen
eingeteilt werden: (1) eine rasche Erschöpfungsphase mit einer Dauer von 0
bis 2 Stunden, in der der durchschnittliche Schwimmaufwand sich von
anfänglich 45 auf 30 mN verringert und der Sauerstoffverbrauch von 33 auf
18 ml/h abnimmt; (2) die langsamere Erschöpfungsphase von 2 bis 12 Stunden,
in der der Schwimmschub von 30 auf 22 mN sinkt und der Sauerstoffverbrauch von
18 auf 10 ml/h abfällt; und (3) die ausdauernde Schwimmphase, die zwischen
12 und 18 Stunden erreicht wird, mit einem durchschnittlichen Schwimmschub von
22 mN und einem Sauerstoffverbrauch von durchschnittlich 10 ml pro Stunde. Die
Abnahme des Schwimmvorschubs kam durch eine Kombination aus Verlangsamung der
Beinbewegungsrate nach einer anfänglichen Spitzenschlagfrequenz und einer
Abnahme beim durchschnittlichen Kraftaufwand sowie einer Abnahme der Zeit
zustande, in der mit maximaler Kraft ausgeführte Schwimmbewegungen
durchgeführt wurden. Folglich lässt sich daraus schließen, dass
die Schlüpflinge ihren Kraftaufwand und Schwimmvorschub sofort beim
Eintauchen ins Wasser maximieren, also zu einer Zeit, in der hohe
Schwimmgeschwindigkeit im flachen Wasser die Chance, Beutegreifern zu entkommen
und damit die Überlebenschance drastisch erhöht, bevor die relativ
sicheren tiefen Gewässer außerhalb der Küstenriffregionen
erreicht werden.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Auch hierbei handelt es sich um eine schöne Studie, die uns klar zeigt,
wie Evolution und Selektion nicht nur die Form und Gestalt eines Lebewesens
optimieren, sondern wie auch die physiologischen und biologischen Parameter des
Stoffwechsels einem Selektionsdruck unterliegen. Da solche Vorgänge meist
einer hormonellen Regulation unterliegen, kann man davon ausgehen, dass auch
hier die Selektion eingreift. Ich kann schon nachvollziehen, dass so manche/r
ehrfürchtig meinen mag, wie kann dies alles ohne Einwirken einer
höheren Gewalt entstanden und koordiniert worden sein? Dennoch möchte
ich gerade zum 200 Geburtstag von Charles Darwin
daran erinnern, was Evolution und Selektion bedeutet und was Selektionsdruck und
Lebensraumanpassung für das Überleben einer jeden Spezies (unserer
eigenen eingeschlossen) bedeuten. In religiösen Glaubensgemeinschaften kann
man auch um Vergebung bei begangenen Umweltsünden bitten oder Beichten oder
anderweitig sein Gewissen beruhigen. In der wirklichen Umwelt gibt es solche
abstrakten Gewissensberuhigen abstrakt denkender Lebewesen nicht, dort werden
Frefel mit dem langfristigen Erlöschen von Populationen und ganzen Spezies
(abstrakt ausgedrückt) bezahlt. Daran sollte sich die Politik erinnern und
orientieren! Um es noch etwas aktueller zum Ausdruck zu bringen und auch
anzudeuten, dass Charles Darwin und
Abraham Lincoln etwas mehr als nur ein
gemeinsames Geburtsdatum haben, dem sei das Editorial „Humanity and
Evolution“ (Nature 457: S. 763-764, 2009) empfohlen, von dem selbst so
manches Kirchenoberhaupt noch etwas lernen könnte. Und hüten Sie sich
auch bei der Beurteilung von wissenschaftlichen Aussagen vor den oft
reißerisch klingenden monokauslen Schlussfolgerungen einiger Zeitgenossen,
denn wer das Gesamtbild nicht sehen will, wird die belebte Umwelt nicht
begreifen können. (Siehe auch Kommentar zu: Boyle, M.
C. & C. J. Limpus (2008): The stomach contents of post-hatchling
green and loggerhead sea turtles in the southwest Pacific: an insight into
habitat association. – Marine Biology 155 (2): 233-241 oder
WiF-Archiv.
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