Wissenschaft im Fokus
Boyle, M. C. & C. J. Limpus (2008): The
stomach contents of post-hatchling green and loggerhead sea turtles in the
southwest Pacific: an insight into habitat association. – Marine Biology
155 (2): 233-241.
Der Mageninhalt von Schlüpflingen der
Suppenschildkröte und Unechten Karettschildkröte im südwestlichen
Pazifik: Einblicke in die Habitatassoziationen
Aus dem Mageninhalt gewonnenen Informationen bezüglich der Ernährung
liefern viele Erkenntnisse bezüglich der Ökologie der Tiere. Gerade
bei Tieren, die eine kryptische (schwer zugängliche oder versteckte)
Lebensweise führen wie zum Beispiel
Meeresschildkrötenschlüpflinge wären die aus Nahrungsanalysen
erhaltenen Informationen oft auf andere Weise gar nicht zu bekommen. Solche
Untersuchungen zum Mageninhalt von juvenilen Meeresschildkröten zeigten,
dass sie hauptsächlich Plankton verzehren, wobei bevorzugt pleagische
Mollusken (Schnecken, Tintenfische) Krebstiere, Hydrozoen (Quallen), Sargassum
und Fischeier gefressen werden. Die Lebensweise dieser Nahrungsorganismen
lieferte die Beweise für die weit verbreitete und akzeptierte Hypothese,
dass Schlüpflingsstadien von Meeresschildkröten mit Ausnahme von
Flachrückenschildkröten (
Natator depressus) pelagisch im
Ozean leben. Da die meisten Studien bezüglich des Mageninhaltes von jungen
Meeresschildkröten an der Unechten Karettschildkröte (
Caretta
caretta) im Nordatlantik und im Pazifik durchgeführt worden waren,
liefern diese Daten nur sehr einseitige Ergebnisse. In dieser Studie untersuchen
wir die Nahrung junger Suppenschildkröten (
Chelonia mydas) und
Unechter Karettschildkröten im südwestlichen pazifischen Ozean.
Mageninhalte von 55 gestrandeten Suppenschildkröten und Unechten
Karettschildkröten wurden analysiert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass
Karettschildkröten und Suppenschildkröten im südwestlichen
Pazifik die gleiche Ernährungsökologie an den Tag legen, wobei sie
eine Vielfalt neustonischer Organismen fressen, die pelagisch und ozeanisch
leben. Die gefressenen Nahrungsbestandteile beider Spezies gehören den
gleichen taxonomischen Gruppen an, wie dies aus den früheren Studien
bekannt war, dabei kam es nur zu einigen Artunterschieden in Bezug auf jene
Spezies, die eben für die geographische Vorkommensunterschiede bekannt
sind.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine schöne Studie, die klar belegt, wie sich junge
Meeresschildkröten ernähren und die, das sollte man beachten, auch
wieder für eine als eigentlich herbivore Art (Suppenschildkröte)
belegt, dass die Jungtiere hauptsächlich karnivor leben, wobei die Autoren
klar die Notwendigkeit der Magenanalysen betonen, da im Kot gut und
vollständig Verdautes nicht mehr nachweisbar ist
(Caputo, F. P. & R. C. Vogt (2008): Stomach
flushing vs. fecal analysis: The example of Phrynops rufipes
(Testudines : Chelidae). – Copeia 2008 (2): 301-305 oder
WiF-Archiv). Für die meisten
Schildkrötenspezies ist wohl belegt, dass es zumindest bei den
Jugendstadien eine gemischte bis mehr karnivore Ernährungsphase gibt.
Dieses trifft nicht nur auf Meeres- und Süßwasserschildkröten
zu, sondern hat auch in begrenzterem Umfang für Landschildkröten seine
Gültigkeit. (siehe : Bidmon, H. (2006): Die
Aufzucht und Ernährung Europäischer Landschildkröten –
Grundlagen und Rezepte, Futtermittel und Zusatzstoffe. – S. 117-136 in:
Daubner, M. & T. Vinke (Hrsg.): Testudo –
häufig gehaltene Arten – Schildkröten im Fokus Sonderband.
– Bergheim (dauvi-Verlag), bzw. Thema „Ernährung“ im
WiF-Archiv). Nun gibt es ja neuerdings die
Hypothese, dass ein Leben an Land die höchste Stufe der
Schildkrötenphylogenie darstellen soll und dass es die Zunge der
Schildkröten sei, die ihnen eine Rückkehr ins Wasser unmöglich
machen soll (siehe Anonymus (2008): Magazin.
– Marginata 19: 6-7). Ich denke, solange niemand auf eine wissenschaftlich
abgesicherte Art und Weise belegt hat, wie sich anatomisch/morphologisch die
Zunge der Schildkröten zwischen diesen karnivoren Jugendstadien hin zum
mehr herbivoren Adultstadium verändert, wird zumindest der erste Teil
dieser Hypothese mehr als nur auf sehr wackeligen Beinen stehen und man kann
viel Zeit und Geld fehl investieren. Zumindest habe ich genug
Filmaufzeichnungen, wie adulte europäische und tropische als herbivor
beschriebene Landschildkröten problemlos eine Schnecke, Raupe oder
Würmer verzehren. Sicher mag es allen Schildkröten schwer fallen,
aufgrund ihres Habitus sich jagend, karnivor zu ernähren, da ihnen eine zum
Greifen und Halten geeignete Bezahnung fehlt, aber auf die konnten sie seit
Urzeiten verzichten, weil ihnen auch aufgrund ihrer Körperform die
Geschwindigkeit eines aktiv jagenden Warans oder Krokodils von vorn herein
fehlte. Insofern können sie nur langsamere lebende Beute machen oder
müssen als Lauerjäger durch blitzschnelles Einsaugen ihre Beutefische
erjagen wie Matamata oder Geierschildkröten. Sicher passt sich auch die
Zunge sowie der gesamte Verdauungstrakt dem hauptsächlich genutzten
Lebensraum und insbesondere dem jeweiligen Nahrungsspektrum an, und insofern
passen sich eben Tiere ihrer Umwelt und der darin vorhandenen Nahrung an, daraus
aber eine abstrakt erdachte Entwicklungslinie zu sehen, halte ich für
übertrieben. Zumindest gibt es auch in der Entwicklungsgeschichte der Tiere
Beispiele, bei denen sich dann eine hoch entwickelte landlebende Form wieder
zurück zum Primitiveren hin entwickelt haben müsste. Siehe z. B. unter
anderem Scheyer, T. M. & P. M. Sander (2007):
Shell bone histology indicates terrestrial palaeoecology of basal turtles.
– Proceedings: Biological Science 274 (1620): 1885-1893 oder
WiF-Archiv und Joyce, W. G.,
S. G: Lucas, T. M. Scheyer, A. B. Heckert & A. P. Hunt (2008): A
thin-shelled reptile from the Late Triassic of North America and the origin of
the turtle shell. – Proceedings of the Royal Society: Biological Science 276 (1656): 507-513 oder
WiF-Archiv). Hier sollte man aufpassen, dass man nicht
Ursache und Wirkung verwechselt und ein den Tieren eigenes Anpassungspotential,
das es ihnen ermöglichte, sich den jeweils in der Umwelt vorhanden
Nahrungsressourcen anzupassen und somit bis heute zu überleben, fehl
interpretiert. Wie oft man sich bei solchen theoretischen Überlegungen
selbst irren kann, fällt einem meist erst auf, wenn man manche
Fragestellungen mal mit einem fachfremden Kollegen/in aus Biochemie oder
Physiologie diskutiert, da man dann oft sehr viel leichter erkennt, dass die
betreffenden Lebewesen noch ganz anderen Bedingungen, Selektionsdrücken und
Anpassungsnotwendigkeiten unterworfen sind, als es die rein anatomische (sagen
wir einmal, „monokausale“) Sichtweise vermuten ließe. Dass die
Erfassung der Ernährungsökologie Erkenntnisse liefert, die direkt
für den Schutz und die Erhaltung von Arten eingesetzt werden können,
liegt auf der Hand, und das macht auch die oben vorgestellte Arbeit deutlich.
Wie aber solch wissenschaftstheoretische Hypothesen dem Naturschutz dienen,
bleibt fraglich, denn die Erkenntnis, dass eine Landschildkröte aktuell
nicht ins Wasser zurück kann, ist banal und die Konsequenz, dass man zum
Beispiel bei der Flutung eines Staussees, die im Überflutungsgebiet
lebenden Landschildkröten umsiedeln muss, um sie vor dem Ertrinken zu
retten, war uns allen auch in der Vergangenheit schon bekannt. Ob also in
phylogenetischen Zeiträumen gedacht, die Rückkehr einer
Landschildkröte ins Wasser unter sich verändernden Umweltbedingungen
durch solche Untersuchungen als unmöglich befunden werden kann oder nicht,
wird man wohl der Evolution überlassen müssen, denn mehr als die
Vermutung, dass Arten mit großer Zunge eher aussterben würden, als
sich wieder einem feuchteren Lebensraum anzupassen, werden diese Untersuchungen
nicht liefern können. Überprüfen wird es auch niemand
können, denn entweder sind die meisten Arten bis dahin ausgestorben
(deshalb sollte man nicht zu viele Ressourcen in „Theorien“ stecken,
sondern wirklich in aktuelle Schutzbemühungen investieren) oder wenn nicht,
ist es immer noch fraglich, ob unsere eigene Spezies so lange existieren
würde, um den tatsächlichen Beweis führen zu können. Denn
wenn sie sich mal anschauen, in welchen zeitlichen Dimensionen die Evolution
wirkt, muss man einfach sehen, dass viele der rezenten Schildkrötenarten
ihre Wege schon zu einer Zeit eingeschlagen hatten, als selbst das, was wir
heute als Primaten bezeichnen würden, auf diesem Planeten noch nicht
existent war. Es gibt aber durchaus auch lohnenswerte und hervorzuhebende
Bemühungen innerhalb der theoretischen Biologie, wie die Gründung des
Zentrums für Mathematische Biologie an der Tennessee University, USA, das
sich vorrangig mit der Dynamik von Tierkrankheiten (Epidemien etc.) befasst.
(Siehe Whitfield J. (2008): Mathematical biology
centre launched. – Nature 455, 11 doi:10.1038/455011a).
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