Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 10.12.2007
Browne, C. L. & S. J.
Hecnar (2007): Species loss and shifting population
structure of freshwater turtles despite habitat protection. – Biological
Conservation 138 (3-4): 421-429.
Artenverlust und Verschiebungen in der
Populationsstruktur von Süßwasserschildkröten trotz
Habitatschutz
Veränderungen in der Struktur von Populationen und Lebensgemeinschaften
können wesentliche ökologische Konsequenzen haben, und sofern sie
durch den Menschen verursacht werden, geben sie Anlass über
Erhaltungsmaßnahmen nachzudenken. Allerdings sind die Anzeichen, diesen
Stress und die Auswirkungen zu erkennen, nicht immer gegeben. Schildkröten
sind langlebig, und das Vorhandensein von adulten Exemplaren kann einen eine
gesunde Population vorgaukeln, obwohl das Fehlen eines Zuwachses die Existenz
längst bedroht. Wir beobachteten und fingen zwei Jahre lang
Schildkröten in Point Pelee National Park, Ontario, Kanada, und verglichen
dann unsere Ergebnisse mit jenen, die vor 30 Jahren erhoben worden waren, in
Bezug auf i.: relative Häufigkeit der einzelnen Spezies; ii.:
Geschlechterverhältnis; iii.: Veränderungen der Altersstruktur
über 3 Dekaden. Die Ausrottung der Tropfenschildkröte seit 1972-1973
hat die Lebensgemeinschaft des Parks verändert. Ebenso fanden sich
Anhaltspunkte dafür, dass die Amerikanischen Sumpfschildkröten
abnahmen. Die Geschlechterverhältnisse waren mit einer Ausnahme bei allen
Spezies gleich geblieben, da nur bei der Zierschildkröte eine Verschiebung
hin zu mehr Männchen signifikant war. Die Größenzusammensetzung
für Amerikanische Sumpfschildkröten und Schnappschildkröten hatte
sich hin zu größeren Tieren verschoben, was andeutet, dass sehr alte
Tiere dominierten. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass ein Mangel an Zuwachs
durch Jungschildkröten ursächlich für diese Verschiebung bei der
Größe war. Eine starke Ausbeutung der Nester durch eine dichte
Waschbärpopulation könnte der Hauptfaktor für den Mangel an
Zuwachs sein, obwohl ein großer Teil des Parks als
Schildkrötenhabitat besonders geschützt ist. Trotz dieses Schutzes hat
Point Pelee schon vor Jahrzehnten eine Art komplett verloren, und nur eine Art
bildet noch eine gesunde stabile Population. Unsere Studie illustriert sehr
deutlich, dass der alleinige Habitatschutz keine Garantie für die Erhaltung
von Arten darstellt, wenn die Bedrohungen vielfältige Ursachen haben und
zeigt, wie wichtig es ist, gerade die langlebigen Spezies gut zu
überwachen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine Feststellung, die wohl zutreffend ist und von vielen übersehen
wird. Denn wenn man unter Schutz nur das Ausklammern des menschlichen Einflusses
versteht, begeht man auch einen Fehler und verursacht eine Veränderung
gerade dann, wenn Populationen an menschliche Aktivitäten – zumindest
an jene aus vergangen Zeiten – angepasst sind, wie zum Beispiel an die
landwirtschaftliche Nutzung durch Weidevieh. Es sollte auch einleuchten, dass
unter bestimmten Bedingungen in Gebieten, für die eine Nutzung durch den
Menschen untersagt wird und in der jegliche Form der Bejagung unterbleibt,
bestimmte Arten explodieren können, wie beim Waschbär, der wohl in
Kanada und im Norden Amerikas während der letzten 300 Jahre als Pelztier
von den unteren Schichten der Bevölkerung genutzt wurde. Vielleicht machen
wir hier auch wieder einen semantisch bedingten Fehler und sollten besser den
Begriff Habitatschutz durch Habitaterhaltung oder Habitatpflege ersetzen. Auch
unsere Naturschützer hierzulande sollten sich darüber einmal Gedanken
machen. Warum gibt es zum Beispiel in Deutschland stark genutzte
Truppenübungsplätze und bewirtschaftete Steinbrüche sowie
Kiesgruben, in denen bestimmte Arten seltener Amphibien florierende
Populationen aufbauen und aufrecht erhalten, während in so manchem streng
geschützten Natur- bzw. Landschaftsschutzgebiet von ständig
rückläufigen Zahlen berichtet wird? Siehe auch Abstracts und
Kommentare zu: Averill-Murray & Averill-Murray
(2005): Regional-scale estimation of density and habitat use of the Desert
Tortoise (Gopherus agassizii
) in Arizona. – Journal of
Herpetology 39 (1): 65-72 oder WiF-Archiv;
Bjurlin & Bissonette (2004): Survival during
early life stages of the desert tortoise (Gopherus agassizii
) in the
south-central Mojave desert. – Journal of Herpetology 38: 527-535 oder
WiF-Archiv; Bowne et
al. (2006): Connectivity in an agricultural landscape as reflected by interpond
movements of a freshwater turtle. – Conservation Biology 20 (3): 780-791
oder WiF-Archiv; Tracy,
et al. (2006): The importance of physiological ecology in conservation biology.
– Integrative and Comparative Biology 46 (6): 1191-1205 oder
WiF-Archiv.
Zum Seitenanfang
Tipp:
Benutzen Sie die Suchfunktion unserer Homepage, so können sie
einfach und schnell unsere Seiten nach einem bestimmten Begriff durchsuchen.