Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 07.03.2010
Buhlmann, K. A., T. S. B. Akre, J. B. Iverson, D. Karapatakis, R. A. Mittermeier, A. Georges, A. G. J. Rhodin, P.
P. Van Dijk & J. W. Gibbons (2009): A Global Analysis of Tortoise and Freshwater Turtle Distributions with Identification of
Priority Conservation Areas. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 116-149.
Eine globale Analyse der Verteilung von Landschildkröten und Wasserschildkröten mit der Identifizierung von
Erhaltungsschutzgebieten mit hoher Priorität.
Derzeit gibt es ca. 317 anerkannte Spezies von Wasserschildkröten und Landschildkröten auf der Welt. Von denen, für die wir
Untersuchungsdaten in Bezug auf die Rote Liste der IUNC haben, gelten 63 % als gefährdet, 10 % als hochgradig bedroht, so dass wir
davon ausgehen können, das 42 % aller bekannten Schildkröten als gefährdet gelten. Ohne eine gerichtete Strategie für
die Planung von Erhaltungsmaßnahmen könnte ein signifikanter Anteil der Schildkrötendiversität während dieses
Jahrhunderts verloren gehen. Im Hinblick auf die anstehenden Erhaltungsbemühungen sammelten wir alle bekannten Museums- und
Literaturaufzeichnungen für alle weltweit bekannten Land- und Wasserschildkröten, um deren Verbreitung zu dokumentieren und um die
Regionen zu identifizieren, denen eine gewisse Priorität in Bezug auf die Erhaltungsmaßnahmen zukommt. Wir konstruierten
projizierte Verbreitungskarten für jede Art, indem wir ein geographisches Informationssystem mit definierten hydrologischen Einheiten
(Kompartimenten, HUCs) entwickelten. In diesem gab es verifizierte Punktlokalitäten (Orte), zu denen dann die HUCs in Beziehung gesetzt
wurden, so dass sie die Punktlokalitäten einer Wasserscheide oder einer physiogeographischen Region miteinander verbanden, die
vergleichbare Habitate und Höhenlagen aufwiesen. Wir analysierten dann insgesamt 305 Schildkrötenspezies und ordneten jeder eine
von sieben geographischen Regionen auf der Welt zu. Das Muster der globalen Verteilung von Schildkrötenarten wurde bestimmt, und es
wurden dann Regionen mit einer besonders hohen Artenvielfalt identifiziert. Es gab weltweit nur zwei Regionen, in denen 18 oder 19 Spezies
zusammen in einzelnen (individuellen) HUCs vorkamen. Als nächstes verglichen wir die Artenverteilung mit den schon existierenden
globalen Erhaltungsstrategien (GCSs) und etablierten die Regionen höchster Priorität zur Erhaltung der Biodiversität. Das Vorhandensein einer Art in einer GCS wurde definiert als ? 5 % ihres Verbreitungsgebiets. Von den so festgelegten 34
Biodiversitäts-Hotspots enthielten zusammen 28 die projizierten Verbreitungsgebiete von 192 Schildkrötenarten mit 74 endemisch
vorkommenden. Die 5 Regionen mit höchster Biodiversität beherbergen 72 Arten darunter 17 Endemiten und 16 weitere Wildregionen
enthalten 52 Arten einschließlich einer endemischen Spezies. Für 116 Schildkrötenspezies liegen weniger als 50 % ihres
Verbreitungsgebiets in schon existierenden GCSs (57 Spezies) oder ihr Verbreitungsgebiet liegt in gar keinem GCS, was auf 59 Spezies
(19,3 %) zutrifft, so dass viele Land- und Wasserschildkröten GCS derzeit ohne überleben müssen. Für jede dieser 116
Arten identifizierten wir eine Prioritätsökoregion für zukünftige Erhaltungsmaßnahmen, und wir identifizierten
basierend auf der Ansammlung (Häufung) von Ökoregionen 3 neue globale Prioritätsregionen für Schildkröten.
Zu diesen zählen die südlichen USA, die Tieflandregionen der Gangesebene und die küstennahen australischen
Schildkrötenprioritätsareale.
Kommentar von H.-J. Bidmon
So kompliziert kann der Versuch sein, auf dem Papier einen Plan für den weltweiten Schildkrötenschutz zu entwickeln. Dieser
zugegeben aufwändige Plan liefert einige interessante Einblicke. Allerdings frage ich mich, wie soll dieser globale Schutz
gewährleistet werden. Was dieser Plan liefert ist eine Landkarte, aus der hervorgeht, wo theoretisch schützenswerte Arten
vorkommen oder vorkamen, wenn nur Museumsexemplare bekannt sind. Somit muss man den beteiligten Wissenschaftlern durchaus für ihre
Mühe danken, nochmals einige bekannte Grunderkenntnis besser fokussiert herausgestellt zu haben. Was mir aber völlig fehlt, ist
ein Konzept wie man unter Berücksichtigung aller biologischen, sozio-ökonomischen und politischen Gegebenheit
Erhaltungsmaßnahmen realisieren will. Klar, ich will nicht undankbar wirken und eine Inventarisierung der Regionen ergibt auch Sinn,
aber ehrlich gesagt, wussten wir nicht auch vorher schon, wo die so genannten Biodiversitätshotspots in Bezug auf Schildkröten
lagen? Was fehlt, ist vielleicht gar nicht so sehr ein biologisch oder biogeographisches Konzept, sondern wir brauchen marktwirtschaftliche
und politische Konzepte wie Schutzmaßnahmen realisierbar und finanzierbar wären, denn wenn Letzteres nicht passiert, wird in 20
oder 25 Jahren wieder jemand eine Landkarte mit den zu dieser Zeit noch vorhandenen Biodiversitätshotspots auf vielleicht noch
ausgeklügeltere Weise kreieren. Auf der dürften dann schon einige Arten fehlen, oder falls man wieder auf Museumsexemplare und
alte Literaturangaben zurückgreift auch nicht, aber an der Situation zur Biodiversitätserhaltung hat sich immer noch nichts
verbessert, weil wieder nur ein „Update“ und eine andere Art von Inventarliste vorgelegt wurde. Ein Konzept wäre z. B. die
Entwicklung von miteinander vernetzten Landschaftskorridoren auf den jeweiligen Kontinenten, die es Arten ermöglichen würden, sich
veränderten klimatischen Bedingungen auszuweichen, so wie es früher gewesen ist (siehe
Loarie et al,
2009,
Loehr et al. 2009), und zwar über Staatsgrenzen hinweg. Dabei muss man die Notwendigkeiten der
Landwirtschaft und der Ernährungssituation der Bevölkerung mit einbeziehen usw. Wer das mit dem Biodiversitätserhalt wirklich
ernst meint, der kann als Biologe nur versuchen, ein Konzept zu entwickeln, das darauf abzielt, die gesellschaftspolitische Masse
„bio-psychologisch“ zu mobilisieren, denn ohne deren „Backup“ wird das nicht zu realisieren sein, und solche
Bestandslisten werden nie über das Niveau einer in bestimmten Zeitabständen neu zu erstellenden Inventarliste hinauskommen. Dass
es sich dabei nicht nur um meine persönliche Meinung handelt, sondern sich auch andere darüber Gedanken machen, können sie
auch bei
Cowling et al. (2009) nachlesen. Siehe auch
Leuteritz & Ekbia (2008),
Boyd et al. (2008),
Loarie et al. (2009).
Literatur
Boyd, C., T. M. Brooks, S. H. M. Butchart, G. J. Edgar, G. A. B. da Fonseca, F. Hawkins, M. Hoffmann, W. Sechrest, S.
N. Stuart & P. P. van Dijk (2008) Spatial scale and the conservation of threatened species – Conservation Letters 1 (1):
37-43 oder
WiF-Archiv.
Cowling, R. M., A. T. Knight, S. D. J. Privett & G. Sharma (2009): Invest in opportunity, not inventory of
hotspots. – Conservation Biology, DOI: 10.1111/j.1523-1739.2009.01342.x.
Leuteritz, T. E. J. & H. R. Ekbia (2008): Not all roads lead to resilience: A complex systems approach to
the comparative analysis of tortoises in arid ecosystems. – Ecology and Society 13(1): 1 [online] oder
WiF-Archiv.
Loarie, S. R., P. B. Duffy, H. Hamilton, G. P. Asner, C. B. Field & D. D. Ackerly (2009): The velocity of
climate change. – Nature 462: 1052-1055 oder
WiF-Archiv.
Loehr, V. J. T., M. Hofmeyr & B. T. Henen (2009): Small and sensitive to drought: consequences of
aridification to the conservation of Homopus signatus signatus. – African Journal of Herpetology 59 (2): 116- 125 oder
WiF-Archiv.
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