Wissenschaft im Fokus
Caldwell, I. R. & V. O.
Nams (2006): A compass without a map: tortuosity
and orientation of eastern painted turtles (Chrysemys picta picta)
released in unfamiliar territory. – Canadian Journal of Zoology –
Revue Canadienne de Zoologie 84 (8): 1129-1137.
Ein Kompass ohne Landkarte: Richtung und Orientierung bei
der östlichen Zierschildkröte (Chrysemys picta
picta), ausgesetzt in einem unbekannten
Territorium
Orientierungsmechanismen erlauben es Tieren, die Zeit, während der sie sich
in gefährlichen Gebieten Ressourcen (z.B. Nahrung aufzunehmen) verschaffen,
durch gezieltes Vorgehen zu minimieren. Die Identifizierung der von den Tieren
benutzten Mechanismen kann schwierig sein, aber die Untersuchung der Wege der
Tiere, die sie in bekannten oder unbekannten Territorien nutzen, kann hilfreiche
Anhaltspunkte liefern, welche Art von Mechanismus wann benutzt wird.
Semi-aquatische Schildkröten sind bekannt dafür, dass sie einen
„Homing-Mechanismus“ in bekannter Umgebung benutzen, um in ihr
Heimatgewässer zurückzufinden, wenn sie an Land sind. Allerdings ist
kaum etwas darüber bekannt, wie sie einen Lebensraum (Gewässer) in
unbekanntem Habitat lokalisieren würden. Wir testeten die Richtungsfindung
und Orientierung an 60 östlichen Zierschildkröten (
Chrysemys picta
picta (
Schneider, 1783)). Wir setzten dazu die
Schildkröten an 20 Aussetzungspunkten aus, die in 5 unterschiedlichen
Entfernungen und in zwei unterschiedlichen Richtungen zu zwei Gewässern in
einem für die Tiere unbekannten Territorium lagen. Die
Schildkrötenspuren wanderten ziemlich gerade (fraktale Dimensionen zwischen
1.1 und 1.025), die Wanderungen waren aber unabhängig von der Entfernung
zum Gewässer nicht zum Wasser gerichtet (V-Test; u < 0.72; P > 0.1).
Die Schildkröten behielten ihre einmal gewählte Wanderrichtung bei,
konnten aber das Wasser nicht finden oder waren nicht motiviert genug, um es zu
finden. Zusätzlich fanden wir, dass ihre Wege bezogen auf eine große
Distanz geradliniger verliefen als auf kurze Distanzen betrachtet, was nicht
hätte sein dürfen, wenn die Tiere korrelierte zufällige
Wanderrichtungen eingeschlagen hätten. Schildkröten müssen
deshalb einen Referenzstimulus zur Navigation in unbekannter Umgebung nutzen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nun, die Studie zeigt eigentlich nur, dass Schildkröten einen Stimulus
oder Kompass nutzen, nur welcher (Magnetfeld, Sonne, Mond oder Sterne) bleibt
offen. Diesbezüglich ist die Studie für mich auch unzureichend
geplant, denn wenn Tiere aus zwei unterschiedlichen Richtungen gerichtet vom
Wasser weglaufen, gibt es eigentlich nur eine Erklärung für dieses
Phänomen: Die Schildkröten orientieren sich so, als würden sie
von Land aus zu ihrem angestammten Heimatgewässer zurückkehren wollen.
Das würde aber bedeuten, dass man eine solche Studie nur dann sinnvoll
auswerten und die Ergebnisse interpretieren kann, wenn man vorher die
Heimatgewässer-gerichtete Orientierung jedes Tieres im bekannten Habitat
kennt, denn nur dann hätte man einen Anhaltspunkt, wie sich jedes Tier in
unbekannter Umgebung orientiert und man könnte dann auch untersuchen, ob
sich die gewählte Richtung und damit die Orientierung in Abhängigkeit
von Tageszeit oder Wetterlage ändert. Denn egal welchen Kompass die Tiere
nutzen, solange sie kein Wasser sehen oder riechen können, haben sie ja nur
den Kompass, um sich zu orientieren und da ist dann wohl die gewohnte Richtung
auch in unbekannter Umgebung die Vielversprechendste. Letztendlich
schließt diese Studie nur aus, dass die Zierschildkröten aus den
getesteten Entfernungen Wasser riechen oder sehen können.
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