Wissenschaft im Fokus
Cash, W. B. & R. L.
Holberton (2005): Endocrine and behavioral response
to a decline in habitat quality: effects of pond drying on the slider turtle,
Trachemys scripta. – Journal of Experimental Zoology Part A
Comparative Experimental Biology 303 (10):872-879.
Endokrine und Verhaltensänderungen als Folge einer
Abnahme der Habitatqualität: Effekt der Gewässeraustrocknung bei der
Schmuckschildkröte, Trachemys scripta
Untersucht wurden die Auswirkungen einer experimentell simulierten
Teichtrockenlegung auf das Verhalten und die Kortikosteron
(Stresshormonausschüttung) bei
Trachemys scripta unter
Freilandbedingungen.
Die Schildkröten wurden in einem experimentellen und einem Kontrollteich
gehalten, jeder 12×15 m groß und von einem Zaun umgeben. In den
Teichen befanden sich Lebendfallen. Der Wasserspiegel des experimentellen Teichs
wurde über acht Tage hinweg um 10 cm pro Tag gesenkt, bis er völlig
trocken gefallen war. Die Schildkröten reagierten auf das Trockenfallen,
indem 75 % der Tiere der experimentellen Population auswanderten. Die
auswandernden Schildkröten hatten signifikant erhöhte
Kortikosteronwerte zur Zeit 0 (Blutentnahme während der ersten 10 min nach
Ergreifen = 4,48 ng/mL+/-0,503SE) verglichen zu jenen, die im Kontrollteich
gefangen wurden (Zeit 0=0,954 ng/mL+/-0,121SE), wobei alle anderen Parameter
konstant gehalten wurden. Die Auswanderung der Schildkröten erfolgte
während der letzten 72 Stunden wobei die Wassertiefe nur noch 30 cm betrug
und die durchschnittliche Wassertemperatur 30,8 ºC und darüber
erreichte. Zusätzlich wurde der Einfluss von Feder-ausgelösten
Lebendfallen untersucht. Schildkröten (n=6), die in den Lebendfallen
für 45-110 min verbleiben mussten, zeigten eine charakteristische
Kortikosteron-Antwort (Zeit 0 Minuten = 0,957 ng/mL+/-0,091SE; Zeit 30 Minuten =
2,85 ng/mL+/-0.131SE), was zeigt, dass diese Fangmethode allein noch zu keiner
wesentlichen Kortikosteronausschüttung führt. Die Befunde
bestätigten unsere Vermutung, dass Schildkröten als eine Reaktion auf
das Trockenfallen ihrer Gewässer mit Abwanderung reagieren und dass dies
mit einem Anstieg in der Kortikosteronkonzentration einhergeht. Diese Daten
stützen die Ansicht, dass Kortikosteron bei der Vermeidung von Stress
beiträgt und es somit den Tieren erlaubt, auf Störungen in ihrer
Umwelt zu reagieren.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Gerade die letzte Schlussfolgerung stellt eine interessante
Betrachtungsweise zur Wirkung des Kortikosterons aus verhaltensbiologischer
Sicht dar. Sicher profitieren die Tiere davon, dass sie unter
Kortikosteroneinfluss, sagen wir einmal „leidensfähiger“ sind
und den Stress im Überlebenskampf ertragen können, der mit
beschwerlichen Wanderungen über trockenes Land verbunden ist.
Nichtsdestotrotz hilft ihnen das Kortikosteron aus endokrinologischer Sicht nur
ihre letzten Stoffwechselreserven zu mobilisieren, in der Hoffnung ein neues
Gewässer noch vor der Erschöpfung oder Austrocknung zu finden. Das
sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass danach eine
Erholungsphase eintreten muss, während derer eine Regeneration der damit
verbundenen negativen Effekte auf die Gewebe gegeben sein muss, um langfristige
negative Effekte auszuschließen. Insofern bleibt Kortikosteron immer ein
Marker für eine Stressreaktion, ausgelöst durch eine als „extrem
belastend“ oder „gefährlich“ empfundene Situation.
Insofern scheint Austrocknung eine als lebensbedrohlicher empfundene Situation
darzustellen, als die Eiablage, denn während der durchaus auch
anstrengenden Wanderungen und Grabaktivitäten zu und an den
Nistplätzen wurden bislang noch keine Anstiege in der
Kortikosteronkonzentration gefunden.
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