Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 28.02.2010
Catry, P., C. Barbosa, B. Paris, B. Indjai, A. Almeida, B. Limoges, C. Silva & H. Rio Pereira (2009):
Status, Ecology, and Conservation of Sea Turtles in Guinea-Bissau. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 150-160.
Status, Ökologie und Schutz von Meeresschildkröten in Guinea-Bissau.
Diese Arbeit liefert erstmals einen Überblick über die Vorkommen von Meeresschildkröten in Guinea-Bissau. Sie beschreibt
Daten zu deren Ökologie und analysiert Bedrohungen und Initiativen zum Schutz. Die Suppenschildkröte (
Chelonia mydas) ist
die bei weitem häufigste und verbreitetste Art unter den fünf, die auf Guinea-Bissau nachgewiesenermaßen nisten. Zwischen
ca. 7.000 und 29.000 Suppenschildkrötengelege werden pro Jahr an der global betrachtet bedeutenden Lokalität, der Poilao Insel,
abgelegt, zusätzlich werden dann noch einige hundert weiterer Nester auf den umgebenden Inseln abgelegt. Es gibt sehr markante
artspezifische Unterschiede in Bezug auf die Nistsaison, wobei Suppenschildkröten und Echte Karettschildkröten (
Eretmochelys
imbricata) hauptsächlich während der Regenzeit und die Bastardschildkröten (
Lepidochelys olivacea) und
Lederrückenschildkröten (
Dermochelys coriacea) während der Trockenzeit nisten. Anhand von Befragungen der
Bevölkerung entlang der Küsten ergab sich, dass so weit sich die Befragten zurückerinnern konnten, die
Schildkrötenpopulationen gegenüber früher deutlich abgenommen haben. Als Hauptursachen für die Bedrohung gelten das
Absammeln der Gelege und das Wildern von adulten ablegenden Weibchen sowie der unbeabsichtigte Beifang durch die Fischerei. Eine der
wichtigsten Errungenschaften zum Meeresschildkrötenschutz besteht darin, dass alle Spezies gesetzlich unter Schutz gestellt wurden,
wobei auch die bedeutendsten Niststrände innerhalb des Area-Networks geschützt wurden. Zusätzlich gab es erhebliche
Fortschritte, Siedlungen und fremde Fischer dort zu entfernen und umzusiedeln, wo große Schildkrötenansammlungen auftreten und wo
es zu hohen Beifangmengen gekommen war. Als negativ muss vermerkt werden, dass der Schutz in den Nationalparks unzureichend ist. Das
Hauptproblem dabei scheint die lasche Durchsetzung der nationalen Rechtsvorschriften durch die Parkverwaltungen zu sein, was dazu
führt, dass bei den Bewohnern und den Fischern ein relatives Gefühl der Sicherheit vorherrscht, wenn sie gegen die Vorschriften
handeln.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Eine schöne Arbeit zur Lagebeschreibung, bei der sich ähnliche Aspekte erkennen lassen, wie sie auch schon von Madagaskar in Bezug
auf die Strahlenschildkröten bekannt sind (siehe Kommentar zu
Paquette et al. 2009). Allerdings
möchte ich, um diese vergleichsweise armen Länder nicht nur zu kritisieren, auch einmal daran erinnern, wie sich unser reiches
Deutschland verhält, z. B. als es darum ging, die Lebensräume für eine sogar auf Ebene der EU geschützten Art zu
erhalten und nach Möglichkeit nicht dem Braunkohleabbau zu opfern (siehe Kommentar zu
Cheung & Dudgeon
2006). Vergleicht man das einmal mit Guinea-Bissau, wo sogar Fischer für den Schildkrötenschutz umgesiedelt wurden, dann ist das
doch ein etwas fragwürdiges Verhalten. Sollten wir uns bei solchen Politikern, die anscheinend längst das Regieren aufgegeben
haben und mit denen die Lobbyisten der Großkonzerne spielen können, wie sie wollen, wirklich wundern, warum beim letzten
Klimagipfel in Kopenhagen nichts herausgekommen ist?
Sicher wir kritisieren gern den laxen Umgang mit Gesetzen in der so genannten dritten Welt, aber sind wir wirklich besser? Solange es
einzelne kleinere Betriebe oder den Bürger betrifft, mag die Durchsetzung von Rechtsvorschriften in Deutschland greifen, aber wenn es
dabei um Großkonzerne oder Banken geht, an denen die Politiker vielleicht noch mitverdienen, sind wir auch nicht besser. Oder fragen
Sie sich nicht, warum z.B. jeden Montag oder Mittwoch für einige Stunden an fast allen Tankstellen die Spritpreise um bis zu 10 Cent
sinken und um Schlag 20.00h wieder hoch gehen? Diese Schwankungen erklären sich weder durch Preisschwankungen auf dem Weltmarkt, noch
durch Kursschwankungen in Rotterdam, und somit dürfte es sie auch nicht geben, denn wozu haben wir ein Kartellamt, das Preisabsprachen
überwachen soll? Nein, bei 86 Cent Mineralölsteuer pro Liter und der zusätzlichen Mehrwertsteuer hat die Politik gar kein
Interesse, hier ein Amt aktiv werden zu lassen. Dabei geht es mir gar nicht darum, Energiepreise zu senken, denn das würde die
Umstellung auf alternative Energien negativ beeinflussen. Aber ich frage einfach, wo bleibt hier der Rechtsstaat, wenn er seine eigenen
Gesetze nicht anwenden will oder kann? Es scheint sogar so, als hätte es seit der vorletzten Regierung eine Absprache mit der
Mineralölindustrie gegeben, die Bevölkerung so zu erziehen, dass sie diese Preissprünge als normal akzeptiert. Denn ich kann
mir gut vorstellen, dass es vielen Politikern ein Dorn im Auge war, wenn gerade im Wahlkampf aus weltwirtschaftlichen Notwendigkeit ein
Preissprung nach oben erforderlich war. Wir kennen ja alle noch die überwältigende Medienberichterstattung, wenn mal das Benzin
10 oder 12 Pfennig oder Cent in früheren Jahren teuerer wurde, das hatte fast was von einer nationalen Krise und dass obwohl die
Grünen schon vor Jahren auf die Spritpreisentwicklung hingewiesen haben, die wir heute kennen und als Wahlvolk so hinnehmen. Ein
weiteres aktuelles Indiz für solche Machenschaften (siehe auch
Johns 2009) bezieht sich auch auf den
Kohlekraftwerksbau, denn als das Oberverwaltungsgericht den dagegen klagenden Bürgern Recht gab und einen Verstoß gegen den
§26 des Landesentwicklungsgesetzes feststellte und den Steinkohlekraftwerksbau in Datteln stoppte, setzte die derzeitige
Landesregierung in NRW einfach den §26 (Klimaschutz) außer Kraft und Eon kann weiterbauen (Zu Deutsch: das Klimaschutzgesetz gilt
derzeit in der gesamten BRD mit Ausnahme von NRW). Gesetze sollte man ernst nehmen, anstatt sie zur Beliebigkeit zu degradieren, aber man
sollte sich auch, ehe man anderen einen laxen Umgang damit unterstellt, an die Vorbildfunktion einer rechtsstaatlichen Demokratie erinnern,
und nicht so tun als würden einige Gesetze für zugegeben volkswirtschaftlich wichtige Branchen nicht gelten! Zudem sollten wir uns
ernsthaft fragen, ob uns als Steuerzahler diese Art der politischen Entscheidungen nicht langfristig teuerer kommen, denn wir
subventionieren jetzt der Arbeitsplätze wegen den Kraftwerksbau und Kohleabbau oder auch die Verlängerung der Laufzeiten für
Kernkraftwerke mit Steuergeldern, aber letztendlich dürfen wir auch die Behebung der dadurch verursachten Umweltschäden und
Gefährdungen tragen. Oder haben Sie schon etwas davon gehört, dass zum Beispiel die Sanierung des in der Asse nicht mehr sicher
lagernden Atommülls von der Industrie zu finanzieren wäre? Ich höre immer nur, es sei jetzt Angelegenheit des Staats und
damit des Steuerzahlers mit diesen Altlasten fertig zu werden.
Wenn wir das mal global vergleichen und eine Bilanz ziehen, dann hat Guinea-Bissau (eines der unterentwickeltesten Länder) Fischer
umgesiedelt, um Meeresschildkröten besser zu schützen, während wir in den letzen Jahren auch Menschen und ganze Dörfer
umgesiedelt haben, um den Braunkohleabbau (Garzweiler II) zu forcieren, und wir haben potentielle Feldhamsterbiotope in Kraftwerksstandorte
umgewandelt, die bei der Kohleverstromung zu noch mehr schädlichen CO
2-Emissionen beitragen. Ich frage mich wirklich, wer
hat sich im globalen Vergleich in Bezug auf Artenschutz und Biodiversitätserhaltung sowie Klimaschutz vorbildlicher verhalten?
Siehe auch
Anadonet al. 2007,
Ceballos & Fitzgerald (2004).
Literatur
Anadon, J. D., A. Gimenez, M. Martinez, J. A. Palazon & M. A. Esteve (2007): Assessing changes in habitat
quality due to land use changes in the spur-thighed tortoise
Testudo graeca using hierarchical predictive habitat models. –
Diversity and Distributions 13 (3): 324-331 oder
WiF-Archiv.
Ceballos, C. P. & A. A. Fitzgerald (2004): The trade in native and exotic turtles in Texas. –
Wildlife Society Bulletin 32 (3): 881-892 oder
WiF-Archiv.
Cheung, S. M. & D. Dudgeon (2006): Quantifying the Asian turtle crisis: market surveys in southern China,
2000-2003. – Aquatic Conservation: Marine and Freshwater Ecosystems 16 (7): 751-770 oder
WiF-Archiv.
Johns, D. (2009): The international year of biodiversity – From talk to action. – Conservation
Biology 24: 338-340.
Paquette, S. R., B. H. Ferguson, F. J. Lapointe & E. E. Louis Jr. (2009): Conservation Genetics of the
Radiated Tortoise (
Astrochelys radiata) Population from Andohahela National Park, Southeast Madagascar, with a Discussion on the
Conservation of This Declining Species. – Chelonian Conservation and Biology 8 (1): 84-93 oder
WiF-Archiv.
Zum Seitenanfang