Wissenschaft im Fokus
Ceballos, C. P. & A. A.
Fitzgerald (2004): The trade in native and exotic turtles
in Texas. – Wildlife Society Bulletin 32 (3): 881-892.
Der Handel mit einheimischen und
exotischen Schildkröten in Texas
Bei den Naturschutzorganisationen wächst die Besorgnis, dass der kommerzielle Handel
mit vielen aus der Natur entnommenen Schildkröten nicht mehr von den Populationen
verkraftet werden kann. Diesbezüglich gibt es aber auf nationaler Ebene kaum
Informationen zum Handel mit Schildkröten und dessen Auswirkungen auf die Populationen,
und es gibt keine Analysen (Daten) zum kommerziellen Handel mit Schildkröten in
Texas. Um den Schildkrötenhandel in Texas für die Jahre 1995-2000 quantitativ zu
erfassen, befragten wir Regierungsorganisationen (Behörden), Tier- und
Fleischhändler, Reptilienbörsen/Ausstellungen, Zoos, Aquarien und die
Herpetologische Gesellschaft von Texas per Post, telefonisch, per E-Mail oder durch
persönliche Besuche. Wir benutzten zudem die Datenbanken im Law Enforcement Management
Information System (LEMIS) des United States Fish and Wildlife Sevices (USFWS) [vergleichbar
dem Deutschen Bundesamt für Artenschutz]. Es stellte sich heraus, dass 99 % der in der
Natur entnommenen Schildkröten im Jahr 1999 fünf Arten angehörten, allerdings
wurden insgesamt 69 einheimische und exotische Schildkrötenarten in den Tier- und
Fleischhandlungen (Amerikaner essen noch Geier- und Schnappschildkröten) angeboten.
Nichteinheimische Arten wurden sogar von Texas aus exportiert, was nahe legt, dass sie vorher
entweder aus anderen Staaten importiert und dann von Texas aus re-exportiert wurden oder dass
sie in Texas gezüchtet wurden. Leider lassen die derzeit benutzten
Überwachungssysteme zur Kontrolle des nationalen Handels mit Wildtieren nicht zu, dass
man zwischen Export und Re-Export klar unterscheiden kann, was dazu führt, dass man
die Muster (Handelswege) des Wildtierhandels nur sehr unzureichend erfassen kann. Generell
sind Schildkrötenpopulationen sehr anfällig gegenüber überhöhten
Tierentnahmen. Somit können wir derzeit nur empfehlen, dass die kommerziell genutzten
Schildkrötenpopulationen besser überwacht und erfasst werden, um Datenbanken
aufzubauen, anhand derer man Fangquoten und Größenangaben für gesammelte
Exemplare festlegen kann. Die Methoden, die in dieser Studie erprobt wurden, können
von anderen Staaten übernommen werden, um deren Wildtierhandel zu erfassen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nach dem Lesen der gesamten Arbeit komme ich zu dem Schluss, dass sich die Autoren sehr
wohlwollend ausgedrückt haben, denn, zugegeben, ihre Untersuchung förderte mehr
Informationen zutage, als man vorher hatte, aber von einer wirklichen Erfassung des
Wildtierhandels ist man noch weit entfernt. Auch hier in Deutschland fragt man sich oft,
was ist mit den offiziellen Nachzuchtstatistiken los und wo kommen alle die angeblichen
Nachzuchten, die auf so mancher Börse zu haben sind her? In seinen Worten zum
Jahresabschluss 2004 forderte der 1. Vorsitzende der DGHT zurecht zur Mitarbeit auf und
verwies darauf, dass das Bundesamt für Artenschutz sachgerechte Angaben anmahnt.
Ich frage mich allerdings, warum Finanzämter mittlerweile untereinander und mit
Banken vernetzt sind, aber dem Bundesamt für Artenschutz noch nicht einmal die Daten
der einzelnen Kreis- und Länderbehörden zur Verfügung stehen, bei denen wir
ordnungsgemäß unsere geschützten, gehaltenen bzw. nachgezogenen Arten
anmelden. Wozu nutzen unsere Behörden ihre EDV-Systeme? Natürlich bleibt die
Frage, ob wir das überhaupt wollen, denn für meinen Geschmack ist der
Biotopschutz wesentlich vorrangiger als die Handelskontrollen. Leider ist es doch so, dass
zunehmend mehr Arten heute nur noch existieren, weil sie irgendwann einmal gehandelt wurden
(Da kehren sich die Vorzeichen um: Was früher zur Ausrottung beitrug, wird jetzt zur
Erhaltungsstrategie). Im Grunde genommen sieht es doch bei genauer Betrachtung der
verfügbaren Literatur so aus, dass bei „vorrangigen“ gesellschaftlichen
Interessen selbst in den reichen Industriestaaten Biotope den Wirtschaftsplanern weichen
müssen, darüber sollten die vereinzelten, in der Presse oft überbetonten,
Errungenschaften einiger Naturschutzverbände nicht hinweg täuschen. Was
dürfen wir denn unter diesen Voraussetzungen von wesentlich ärmeren Staaten
erwarten, in denen vielleicht sogar das tägliche Überleben des Einzelnen davon
abhängt, ob er eine „geschützte“ Kreatur verzehrt oder nicht? In
Zukunft werden wir wohl alle, denen Natur- und Artenschutz oder auch nur eine
einigermaßen abwechslungsreich belebte Umwelt nicht gleichgültig sind, daran
mitarbeiten müssen, einen gangbaren, praktikablen Weg zu finden, der uns bei
zunehmenden Bevölkerungswachstum und oft „unkontrolliertem,
neokapitalistischen“ Wirtschaftswachstum in den billig-produzierenden Schwellen-
und Drittweltländern ein akzeptables Ziel erreichen lässt. Als zusätzliche
Literatur aus jüngster Zeit sei noch empfohlen: Biodiversity and Conservation 12:
991-1011; Ohio Journal of Science 104: 65-71 (Die Liste ließe sich beliebig
verlängern).
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