Wissenschaft im Fokus
Cheek, A. O. (2006): Subtle sabotage: endocrine
disruption in wild populations. – Revista de Biologia Tropical 54: 1-19
Suppl. 1.
Subtile Sabotage: Unterbrechhung des Endokriniums in wild
lebenden Populationen
Welchen Stellenwert hat die Störung der endokrinen Funktionen in Bezug auf
die Gefährdung wild lebender Populationen? Diese Übersichtsarbeit
bezieht sich auf kausale Kriterien, die sich aus dem Studium wild lebender
Populationen von Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren
ergeben haben, um Antworten auf drei Fragestellungen zu liefern: (1) Wurden
endokrine Veränderungen dokumentiert, die durch die Exposition mit
kontaminierten Substraten verursacht wurden? (2) Wurden individuelle negative
Effekte dokumentiert, die Auswirkungen auf ganze Populationen haben können.
(3) Wurden bislang schon Auswirkungen auf ganze Populationen nachgewiesen?
Für Fische gibt es möglicherweise Auswirkungen auf dem
Populationsniveau durch eine auf individueller Ebene nachgewiesene Störung
der Fertilität. Gute Nachweise, die einen direkten Zusammenhang zwischen
Störungen der Fertilität mit einer Störung des endokrinen Systems
zeigen, liegen vor. Bei Amphibien kommt es weltweit zu
Populationsrückgängen, die vielfache und regionalspezifische Ursachen
haben, wobei die durch Kontaminationen verursachte Unterbrechung des
Sexualzyklus eine der vielfältigen Ursachen darstellt, die das
Populationswachstum senken. Bei Reptilien sind insbesondere lokale Populationen
des Alligators betroffen, für die eine direkte Toxizität nachgewiesen
ist, die die Populationserholung dadurch verlangsamt, dass der Sexualzyklus
gestört ist, wobei insbesondere die Femininisierung der Männchen durch
eine chronische Langzeitkontamination nachgewiesen ist. Im Gegensatz zu den
Alligatoren sind Schnappschildkröten aus stark belasteten Biotopen bekannt,
die eine starke Ausprägung sekundärer weiblicher Geschlechtsmerkmale
zeigen, wobei es auch zu Störungen der geschlechtsspezifischen Entwicklung
kommt, allerdings ist deren Populationsdichte dort am höchsten, wo auch die
höchsten Kontaminationen nachgewiesen wurden. Bei Vögeln wurden
Populationsrückgänge nachgewiesen, die in einem direkten Zusammenhang
mit der durch p,p'-DDE-verursachten Abnahme der Eischalendicke stehen was zum
sofortigen Verbot der Ausgangssubstanz DDT in den USA und Europa führte.
Regionale Populationen einiger Greifvögel sind immer noch von einer
erhöhten Sterberate bei den Küken durch zu dünne Eischalen
betroffen, die sich auf PCB und DDT zurückführen lässt, aber
direkte Nachweise einer endokrin bedingten Störung konnten kausal bislang
nicht belegt werden. Bei Säugetieren wurden kontaminationsbedingte
hormonelle Störungen bei Seelöwen und Eisbären dokumentiert,
allerdings auch hier fehlen eindeutige Beweise, dass die endokrinen
Störungen in direktem Zusammenhang mit den Populationsrückgängen
stehen. Obwohl eine Störung des endokrinen Systems selten der einzige Grund
für die Populationsabnahme darstellt, so könnte sie doch
unterschwellig die sexuelle Entwicklung und das Geschlechterverhältnis
sowie die metabolischen Kompensationsmechanismen gegen Umweltstress sabotieren.
Es ist unwahrscheinlich, dass endokrine Störungen eine Art über ihr
gesamtes Verbreitungsgebiet zum Aussterben bringen können, allerdings in
Kombination mit anderen Faktoren wie Habitatverlust, Bejagung und globaler
Klimaveränderungen könnte es zur regionalen Ausrottung beitragen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Sicher mag der Autor Recht haben, dass eine Störung oder Unterbrechung
endokriner Entwicklungs- und Fortpflanzungszyklen nicht ad hoc zum Aussterben
führt. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass gerade
endokrine Prozesse langsam wirken, so dass es oft schwer ist, direkte
Zusammenhänge zu erkennen, die aber dennoch langfristig gravierende Folgen
haben können. Was sicherlich auch auffällt, ist die Feststellung, dass
beim Alligator (TSD; Männchen bei höherer Temperatur) durchaus auch
primäre Geschlechtsmerkmale betroffen sind, während bei der
Schnappschildkröte nur sekundäre Geschlechtsmerkmale betroffen sein
sollen. Warum nun gerade Schnappschildkröten trotz der körperlich
nachweisbaren Veränderungen auf Populationsniveau so unerwartet reagieren,
mag vielfältige Gründe haben, aber einer könnte durchaus auf den
fehlenden Geschlechtschromosomen und der Temperatur-abhängigen
Geschlechtsbestimmung (TSD-Typ II) beruhen. Die Temperatur wirkt hier über
die Regelung von Hormontitern, so dass gerade Belastungen mit weiblichen
Geschlechtshormonen auch Temperatur-unabhängig zur Entwicklung von Weibchen
beitragen können. Daraus würden dann mehr weibliche Tiere
heranwachsen. Da aber in wild lebenden Populationen die zu den Nistplätzen
wandernden Weibchen im Straßenverkehr hohe Verluste erleiden, könnte
das die höheren Populationsdichten in belasteten Gebieten erklären,
wenn die Verluste durch ein Mehr an weiblichem Nachwuchs abgemildert
würden. Warum der Alligator als TSD-Spezies im Gegensatz zur
Schnappschildkröte nicht profitiert, mag an seiner Nistbiologie liegen, da
die Eier in den aufgeworfenen Nisthügeln wohl wesentlich weniger von im
Wasser gelösten Hormonen beeinflusst werden als die mit der Bodenfeuchte
direkt in Kontakt stehenden vergrabenen Eier der Schildkröten. Somit kann
es durchaus sein, dass bei den Schildkröten schon Weibchen schlüpfen,
während beim Alligator Männchen schlüpfen, deren Penis und
Gonaden nur verkümmert heranwachsen, sobald sich die Tiere in Wasser
aufhalten, das mit endokrin wirksamen Substanzen kontaminiert ist. Bei
langlebigen Arten würde ein anfänglicher Mangel bei den
Nachwuchsmännchen kaum auffallen, solange genug Altmännchen da sind,
um alle Weibchen zu befruchten. Das wäre doch mal eine medienwirksame,
wissenschaftliche Fragestellung: Können in Ballungsräumen die
Populationen bestimmter Spezies, die keine Geschlechtschromosomen besitzen
(kurz- bis mittelfristig) von der Einnahme der Pille profitieren?
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