Wissenschaft im Fokus
Cheung, S. M. & D.
Dudgeon (2006): Quantifying the Asian turtle
crisis: market surveys in southern China, 2000-2003. – Aquatic
Conservation: Marine and Freshwater Ecosystems 16 (7): 751-770.
Quantitative Erfassung der asiatischen
Schildkrötenkrise: Marktüberprüfungen im südlichen China,
2000-2003
- Insgesamt wurden 950.251 Individuen während der 35 Monate dauernden
Erhebung zum Schildkrötenhandel in Hongkong, Shenzhen und Guangzhou,
südliches China, registriert, die 157 Schildkrötenspezies zuzuordnen
waren,. Alle mit Ausnahme von zwei der 157 Arten wurden in Hongkong gefunden;
Guangzhou hatte den zweiten Rang mit einer Diversität von 113 Spezies und
Shenzhen lag mit 89 Species auf Rang 3. Zusammen beinhalteten diese
Schildkrötenarten etwa 60 % der bekannten globalen Schildkrötenfauna;
124 (etwa 80 %) davon waren Süßwasserschildkröten.
- Während der Erhebung wurden 72 global als im Bestand gefährdet
eingestufte Arten in Südchina gehandelt: 13 von der IUCN als vom Aussterben
bedroht (CR=critically endangered) klassifiziert, 29 waren als stark
gefährdet (EN=endangered) eingestuft und 30 sind als gefährdet
(VU=vulnerable) gelistet. 13 Spezies standen in CITES Anhang I und 64 Species in
Anhang II. Ebenso waren acht der gehandelten Arten nach nationalem Recht in
China geschützt.
- Die Mehrheit der gehandelten Arten hatten ein Verbreitungsgebiet, das China
und die angrenzenden asiatischen Staaten einschloss oder sie stammten aus
südasiatischen Staaten außerhalb Chinas. Diese nicht in China
vorkommenden asiatischen Schildkröten (hauptsächlich Bataguridae)
repräsentierten etwa zwei Drittel der 77 Spezies aus dem
Nahrungsmittelhandel, und Schildkröten, die zu Nahrungszwecken angeboten
wurden, repräsentierten ca. 73 % der Individuen, die während der
Erhebung registriert wurden. Die meisten Arten, die als Nahrungsmittel angeboten
wurden, wurden auch zu Heilungszwecken im Handel mit Produkten für die
traditionelle chinesische Medizin angeboten und 155 der 157
Schildkrötenspezies wurden im Heimtierhandel angeboten. Etwa 81 Arten
wurden fast ausschließlich als Haustiere angeboten.
- Eine große Anzahl von Cuora galbinifrons (CR; CITES-II) (>
15.000 Individuen) waren im Angebot. Ebenso wurden große Mengen (>
210.000 Individuen) von C. amboinensis (VU; CITES-II) erfasst. Gleiches
galt auch für eine nicht zu vernachlässigende Zahl von gehandelten
Arten, die unter CR, EN und VU (Bataguriden) eingestuft sind. Die beobachtete
Menge aus natürlichen Populationen entnommener Tiere scheint für diese
nicht mehr zu verkraften zu sein.
- Die Durchsetzung der relevanten CITES Bestimmungen war während der
ganzen Erhebung stark eingeschränkt und global vom Aussterben bedrohte
asiatische Arten verblieben auch in Hongkong im Handel, obwohl die
erforderlichen Papiere und Lizenzen fehlten. Der Handel innerhalb Chinas bleibt
von den CITES-Regulierungen unberührt, könnte aber durch die striktere
Anwendung und Durchsetzung der nationalen Gesetze und durch eine Erweiterung der
Liste geschützter Arten reguliert werden.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Wenn man sich diese Zahlen vor Augen hält und selbst wenn man davon
ausgeht, dass auch in China der Arten- und Naturschutz mittelfristig forciert
werden, so erkennt man doch, dass viele der Populationen zusammenbrechen werden
und auch weiterhin Arten verschwinden dürften, denn Politik und
Gesetzgebung sind einfach zu langsam, um wirkungsvoll in diesen Prozess
einzugreifen. Ebenso wird es immer nationale und wirtschaftliche Interessen
geben, die auch vor einem Reliktbiotop streng geschützter Arten nicht halt
machen werden (das geschieht ja sogar nur bedingt in Deutschland, denn auch hier
stehen Leipziger Industriegebiete oder rheinische Kraftwerke in ehemaligen
Feldhamsterbiotopen, selbst dann, wenn es sich dabei sogar um eine nach
europäischem Recht geschützte Art handelt. Sicher, wir essen keine
Hamster und wir siedeln sie sogar um, was dann meist groß in der Presse
publik gemacht wird. Allerdings hört man vom Erfolg solcher Maßnahmen
kaum mehr etwas, wen interessiert es, wenn Jahre später die Tiere weg
sind?). Nun angesichts solcher Erfahrungen kann man eigentlich nur hoffen, dass
all jenen, die sich jetzt schon ernsthaft mit der Erhaltungszucht befassen,
diese auch gelingt und ihnen von Seiten der Politik nicht noch mehr
Beschränkungen auferlegt werden. Letztendlich gibt es heute schon Arten,
die nur noch in Gefangenschaft existieren, denn was in Südostasien im
Kochtopf landet oder als Heilmittel verzehrt wird, kann dazu nicht mehr
beitragen. Wenn laut der obigen Studie Letzteres auf zwei Drittel der
gehandelten Schildkrötenarten zutrifft, dann kann man nur von Glück
reden, wenn das verbleibende Drittel selbst dann wenn es illegal, in einer
akzeptablen Tierhaltung oder gar Zuchtgruppe landet. Allerdings sollte auch
dort, wo noch intakte Populationen vorkommen, alles zu deren Erhaltung und
Schutz getan werden, wozu wohl in erster Linie auch verbesserte Grenzkontrollen
beitragen würden. Die Frage ist eigentlich, ob in solchen Situationen
Importverbote wirklich das Überleben dieser stark bedrohten Arten sichern
oder ob sie dadurch nur einem sicheren Ende entgegen sehen? Hier sollte man
sogar ernsthaft zwischen Todimport und Lebendimport unterscheiden, denn was
nicht lebend von diesen Ländern exportiert werden kann, wird von der
einheimischen Bevölkerung verzehrt oder verarbeit z. B. Souvenirs (Sollten
die Strafen für den illegalen Import von Souvenirs nicht sogar drastischer
ausfallen, gerade weil dafür der Tod geschützter Arten so einfach
akzeptiert wurde?). Zudem treiben Verbote immer die Preise in die Höhe und
machen den illegalen Handel erst lukrativ. Es wäre viel einfacher, wenn
Interessenten unter Vorlage einer Qualifikation für solche Arten eine
Importgenehmigung erhielten, denn damit könnte geholfen werden, dass
Erhaltungszuchtgruppen aufgebaut werden können, und der Preistreiberei im
illegalen Markt wäre Einhalt geboten, auch hätte man zudem die
Möglichkeit, den Markt und die gezielte Erhaltungszucht überschaubar
zu halten.
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