Wissenschaft im Fokus
Chojnowski, J. L. & E. L. Braun (2008):
Turtle isochore structure is intermediate between amphibians and other amniotes.
– Integrative and Comparative Biology 48: 454-462.
Die Schildkröten-Isochorstruktur liegt
intermediär zwischen Amphibien und anderen Amnioten
Wirbeltiergenome sind aus Isochoren zusammengesetzt, die relativ lange (100 kb)
Regionen mit einer relativ homogenen Basenzusammensetzung (GC-reich oder
AT-reich) sind. Zudem zeigen sie scharfe Grenzen zu den benachbarten Isochoren.
Säugetiere und lebende Archosaurier (Vögel und Krokodile) haben sehr
heterogene Genome, die sehr GC-reiche Isochoren enthalten. Im scharfen Gegensatz
dazu zeichnen sich die Genome der Amphibien und Fische durch wesentlich
homogenere aus, die einen generell niedrigeren GC-Gehalt aufweisen. Weil sich
die DNS mit hohem GC-Gehalt durch eine größere
Temperaturstabilität auszeichnet, hat man sehr früh die Hypothese
vertreten, dass der höhere GC-Gehalt bei Säugern und Archosauriern
eine Anpassung an deren höhere Körpertemperatur widerspiegelt. Diese
Hypothese kann man testen, indem man die Isochorenstruktur in den verschiedenen
Kladen der Reptilien untersucht., welche die Archosaurier, die Testudines
(Schildkröten) und die Lepidosaurier (Echsen und Schlangen)
einschließt.. Zudem zeigen Reptilien verschiedene
Körpergrößen, Metabolismusraten und Thermoregulationsmuster.
Diese Studie zielt auf eine vergleichende Analyse einer neuen Gruppe von
exprimierten Genen der Rotwangen-Schmuckschildkröte und den orthologen der
Schildkrötengene im Genom von Säugern (Mensch, Maus, Hund und Opossum)
Archosauriern (Huhn und Alligator) sowie Amphibien (Krallenfrosch) ab. EST-Daten
(„expressed sequence tag data“) von einer
Schildkröten-cDNS-Sammlung, angereichert für Gene mit spezialisierten
Funktionen (Entwicklungsgene) zeigten, dass unter Verwendung des GC-Gehalts der
dritten Codonposition zur Isochorstrukturanalyse Vorsicht geboten ist und dass
man sehr genau die Auswahl der zu untersuchenden Gene treffen muss. Die stark
exprimierten Gene, bspw. „housekeeping genes“ (Gene, die immer
gebraucht werden), sind in der Regel GC-reicher als die Gene mit ganz speziellen
limitierten Funktionen. Allerdings zeigten die stark exprimierten Gene, dass
diese bei Schildkröten einen mittleren GC-Gehalt aufweisen, der zwischen
den GC-armen Genen der Amphibien und jenen der GC-reichen Gene der Säuger
und Archosauriern liegt. Es gab eine strenge Korrelation zwischen dem GC-Gehalt
aller Schildkrötengene und dem GC-Gehalt der vergleichbaren Gene anderer
Wirbeltiere, mit einer Kurve für die Beziehung von GC-Gehalt und
Isochorstruktur, die ebenfalls zeigt, dass die Isochorstruktur der
Schildkröten zwischen jener von Amphibien und jener der anderen Amnioten
liegt. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der Thermal-Hypothese für
die Isochoren-Evolution. Wir glauben aber, dass die derzeitigen ernst zu
nehmenden Modelle zur Isochorevolution immer noch unterschiedliche Modelle
beinhalten. Diese Daten erweitern die Anzahl der verfügbaren genomischen
Datensätze, die uns derzeit für Reptilien zu Verfügung stehen, so
dass weitere genomische Analysen möglich werden.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Zugegeben eine etwas theoretische Studie, die aber dennoch auf einen
wichtigen Punkt verweist! Denn wenn die Thermalhypothese zutrifft, die besagt,
dass der GC-Gehalt der Gene mit der maximal tolerierbaren und optimalen
Körpertemperatur einhergeht, dann würden die Daten für
Schildkröten klar dafür sprechen, dass deren optimale
Betriebstemperatur eben zwischen jener von Amphibien und Säugern liegt. Das
würde bedeuten, dass sie auf jeden Fall niedriger liegen sollte als die 37
°C der meisten Säugetiere und Vögel. Da davon gerade die Gene
betroffen sind, auf deren Aktivität man tagtäglich angewiesen ist
– wie die so genannten Haushaltsgene –, sollte man sich schon
fragen, ob die von manchen Veterinären immer noch nachzulesenden hohen
Temperaturen für Schildkröten, die sie angeblich zur optimalen
Verdauung benötigen, gerechtfertigt sind (s. Die Fütterung
Mediterraner Landschildkröten Bericht von Prof. Dr.
R. Hoffmann, Dr.
M. Baur, Ludwig-Maximilian-Universität
München, Lehrstuhl für Zoologie, Fischereibiologie und
Fischkrankheiten / Abteilung für Reptilienkrankheiten, Internet Stand
07.11.2008). Denn selbst eigenen Beobachtungen zufolge stellen bei solchen
Temperaturen, selbst Arten, die aus sehr warmen Gebieten stammen, ihre
Aktivität und sogar die Futteraufnahme ein, zumindest dann, wenn sie sich
nicht mehr in kühlere Unterschlüpfe zurückziehen können. Man
fragt sich auch, warum manche Arten aus solch heißen Regionen morgens bei
Sonnenaufgang fressen und dann den ganzen restlichen Tag in Höhlen bei
nicht mehr als 28,6 °C verbringen, wo sie doch genauso gut draußen bei
gemessenen 34-36°C sitzen könnten (siehe Ultsch,
G. R. & J. F. Anderson (1986): The respiratory microenvironment
within the burrows of Gopher tortoises (Gopherus polyphemus
), Copeia
1986 (3): 787-795).
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