Wissenschaft im Fokus
Delmas, V., A. C. Prevot-Julliard, C. Pieau & M.
Girondot (2008): A mechanistic model of temperature-dependent sex
determination in a chelonian: the European pond turtle. – Functional
Ecology 22: 84-93.
Ein mechanistisches Modell der temperaturabhängigen
Geschlechtsfestlegung für Schildkröten: Die Europäische
Sumpfschildkröte
Bei Spezies mit temperaturabhängiger Geschlechtsausprägung hängt
das Geschlechterverhältnis bei den Nachkommen von der Umgebungstemperatur
ab. Für ovipare Sauropsidenspezies beeinflusst die während der
Embryonalentwicklung innerhalb des Nests herrschende Temperatur die Entwicklung
und Ausdifferenzierung der Gonaden in einem engen Zeitfenster, welches man als
die Thermosensitive-Periode (TSP) bezeichnet.
Das Fehlen von geschlechtsspezifischen morphologischen (dimorphen)
Charakteristika bei juvenilen TSD-Spezies zusammen mit dem Fehlen von
nicht-invasiven Methoden zur Geschlechtsbestimmung ist ein großes Problem
bei Studien, die das Geschlechterverhältnis unter natürlichen
Freilandbedingungen abschätzen müssen. Einige Autoren postulieren
deshalb eine annähernde Abschätzung des Geschlechterverhältnisses
mittels eines korrelativen Ansatzes. Üblicherweise extrapolieren sie ein
empirisches Profil des Geschlechterverhältnisses als eine Funktion aus
einer konstanten Inkubationstemperatur, die zuvor für verschiedene Spezies
unter Laborbedingungen erarbeitet wurde und übertragen diese Daten dann auf
die Bedingungen im Freiland. Allerdings wurden die meisten dieser
abgeschätzten Annäherungen durch realistisch durchgeführte
Freilandexperimente widerlegt und konsequenterweise können diese
Abschätzungen nicht mehr benutzt werden, um das Geschlechterverhältnis
unter natürlichen Freilandbedingungen vorherzusagen.
Hier schlagen wir ein neues Thermal-Modell für TSD vor, wobei wir einen
mechanistischen Ansatz verwenden. Wir entwickelten dieses Modell für die
Europäische Sumpfschildkröte (
Emys orbicularis) auf der Basis
einer Sammlung publizierter Daten zu den physiologischen Entwicklungsprozessen
(z. B. Embryowachstum, Gonadenwachstum und der Enzymaktivität von
Aromatase), die dem TSD-Mechanismus zugrunde liegen. Dieser neue Ansatz
ermöglicht es, sowohl die Integration fluktuierender
Inkubationstemperaturen als auch in Kombination die Integration kumulativer und
differentieller Auswirkungen von hoher und niedriger Temperaturen bezüglich
der Geschlechtsausdifferenzierung und Geschlechtsfestlegung beim Embryo.
Die signifikante Konsistenz bezogen auf die tatsächlich beobachteten und
die mit dem Modell vorhergesagten Geschlechterverhältnisse, die sich sowohl
für konstante als auch für fluktuierende Inkubationstemperaturen
belegen ließen, gibt Hoffnung, eine effiziente Methode zur Vorhersage der
Geschlechterverhältnisse unter natürlichen Freilandbedingungen an der
Hand zu haben. Die zuverlässige Validierung dieses neuen Modells kann
sowohl weit reichende Einsichten für das Verständnis der
TSD-Mechanismen liefern, als auch Erkenntnisse zur Einschätzung der
evolutiven und ökologischen Konsequenzen für die natürlichen
Populationen erbringen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Siehe auch Leblanc, A. M. & T. Wibbels
(2008): Effect of daily water treatment on hatchling sex ratios in a turtle with
temperature-dependent sex determination. – Journal of Experimental Zoology
Part A: Ecological Genetics and Physiology 311 (1): 68-72. oder
WiF-Archiv). Hier handelt es sich um eine sehr gute
und vorausschauende Studie, die einen für die Ökologie und
Arterhaltungsbiologie brauchbaren Ansatz liefert. Das einzige bedauernswerte
daran ist, dass für zeitnahe Entwicklung und Evaluierung solcher Methoden
eine relativ hohe Anzahl eigentlich geschützter und bedrohter Individuen
geopfert werden müssen, da man das Geschlecht der Schlüpflinge immer
noch anatomisch-histologisch durch die Sektion bestimmt. Es wundert mich schon
etwas, dass es bis dato keine Ansätze dazu gibt, zu untersuchen, ob nicht
die hoch auflösenden Imagingverfahren, die sich heute auch schon im unteren
dreistelligen Mikrometerbereich bewegen, zur Geschlechtsbestimmung am lebenden
Tier eingesetzt werden können. Sicher, manche Freilandökologen
mögen noch gar nicht wissen, dass es diese Möglichkeiten gäbe,
weil sie eben mit den physikalischen Methoden nicht vertraut sind. Andererseits
ist aber auch eines der Argumente das nötige Geld, denn solche Scanner sind
teuer. Allerdings, solche Versuchsvorhaben müssen beantragt werden und
werden von den entsprechenden Ethikkommissionen nach dem Tierschutzgesetz
begutachtet und genehmigt. Spätestens da sollte man meinen, dass sich
zumindest die Tierschützer für nicht invasive Methoden stark machen.
Wenn man sich manchmal vor Augen hält, welch fragwürdige, aber
vielleicht medienwirksame Vorschriften auf nationaler und EU-Ebene ersonnen
werden, fragt man sich wirklich, ob dieses Geld nicht auch in praktisch
umsetzbare Experimente fließen könnte, die zumindest diese
bedauernswerten Umstände für die Zukunft ändern könnten.
Klar kann man sich die Frage stellen: „Warum Geld in solche Projekte
stecken?“ Aber wenn man sowohl den Tierschutz ernst nehmen will, als auch
ein wissenschaftliches Interesse daran hat, wie sich z. B. die globale
Erwärmung auf solche bedrohten Arten auswirken könnte, sollte man sich
auch nicht davor scheuen, etwas zu investieren. Alles andere könnte man
wohl eher als inkonsequentes Handeln bezeichnen und sollte sich dann aber auch
die Frage stellen, warum finanzieren wir Grundlagenforschung in diesem Bereich
überhaupt? Aber was beschweren wir uns, man kann zwar den Forschern
vielleicht vorwerfen, dass sie diese Dinge nicht selbst medienwirksamer publik
machen, genauso wie man den Tierschützern und deren politischer Lobby
vorwerfen kann, sie seien mehr an medienwirksamen Verboten interessiert, als an
praktisch umsetzbaren zielorientierten Verbesserungen. Aber letztendlich sind es
unsere Steuergelder, die sowohl auf nationaler Ebene wie auch auf der Ebene der
Europäischen Union in diese Maßnahmen fließen, und da sollten
wir uns alle als Steuerzahler aufgerufen fühlen, dafür zu sorgen, dass
man diese Mittel sinnvoll und möglichst zielgerichtet einsetzt. Deshalb
liegt es eigentlich auch an jedem selbst, sich dort entsprechend
öffentlichkeitswirksam zu artikulieren. Und eines ist auch klar, wenn man
das gezielt und sachgerecht tut, braucht man sich wohl auch zukünftig
weniger Sorgen um die unsachlichen Argumentationen radikaler Tierschützer
zu machen. Denn sachgerechtes Engagement kann manchmal selbst auf politischer
Ebene die Spreu vom Weizen trennen. Siehe auch Kommentar zu:
Freedberg, S., C. E. Nelson & M. A. Ewert
(2006): Estradiol-17 beta induces lasting sex reversal at male-producing
temperatures in kinosternid turtles. – Journal of Herpetology 40 (1):
95-98 oder SiF 3 (4).
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