Wissenschaft im Fokus
Dodd, C. K. & M. J. Dreslik (2008): Habitat
disturbances differentially affect individual growth rates in a long-lived
turtle. – Journal of Zoology 275: 18-25.
Störungen des Habitats haben differentielle
Auswirkungen auf die individuellen Wachstumsraten bei langlebigen
Schildkröten
Störungen helfen oft bei der Unterteilung ökologischer Gemeinschaften,
und deren Einflüsse haben Konsequenzen bezüglich der
Populationsdynamiken und des langfristigen Fortbestands der Art. Sollte sich die
Störung der Ressourcen (-verfügbarkeit) auswirken, kommt es oft zu
einem Kompromiss bezüglich der Reproduktionsrate und des individuellen
Wachstums, was in der Folge bei Tieren, deren Geschlechtsreife vom Erreichen
einer Mindestgröße abhängt, Auswirkungen auf deren Zeitpunkt
haben kann. Wir benutzten eine über 14 Jahre erhobene Datensammlung aus
einer Fang-Wiederfangutersuchung, um die Auswirkungen von katastrophenartigen
Stürmen und dem Entfernen nicht einheimischer Vegetation auf die
individuellen Wachstumsraten bei der langlebigen Schildkröte
Terrapene
carolina bauri zu analysieren. Die Wachstumsraten adulter Männchen
nahmen nach der Störung um 19 % zu, während die Wachstumsraten der
Weibchen um den gleichen Prozentsatz sanken. Bei juvenilen Schildkröten
schnellten die Wachstumsraten nach oben, aber bei Erreichen des Subadultstadiums
sanken die Zuwachsraten nach einer Störung, was bei den Weibchen wesentlich
ausgeprägter als bei den Männchen zu beobachten war. Nach einer
Störung verkürzte sich bei den Männchen die Zeit bis zum
Erreichen der Geschlechtsreife um etwa ein Jahr (von 10,8 auf 9,5 Jahre), die
Geschlechtsreife der Weibchen verzögerte sich um etwa 2,5 Jahre (von 8,5
auf 11,0 Jahre), und das Subadultstadium verlängerte sich von 2 auf 3,5
Jahre. Bei gleicher Ressourcen- und Lebensraumverfügbarkeit für die
adulten Schildkröten stellen wir die Hypothese auf, dass adulte Weibchen
die Ressourcen stärker für die Reproduktion als für den eigenen
Zuwachs nutzen, wohingegen Männchen die Ressourcen verstärkt für
den Zuwachs nutzen. Bei den Subadulten sinken die Zuwachsraten unabhängig
vom Geschlecht, was vermuten lässt, dass in diesem Stadium weniger
hochwertige Beute für kleinere Schildkröten nach einer Störung
vorhanden ist. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass Störungen in den
Habitaten die individuellen Wachstumsraten differentiell in Abhängigkeit
vom Geschlecht und Lebensstadium beeinflussen, was im Endeffekt Auswirkungen auf
den Zeitpunkt der Geschlechtsreife hat. Bei langlebigen Wirbeltieren haben
Störungen, die sich auf die Entwicklungsparameter wie die Wachstumsrate
auswirken, sehr wahrscheinlich auch Auswirkungen auf die Populationserholung und
könnten eine Erklärung dafür sein, warum
Schildkrötenpopulationen sich nur sehr langsam nach solchen
katastrophenartigen Störungen erholen, obwohl die Überlebensrate der
Adulten dabei hoch ist.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Auch hier wieder eine interessante Arbeit, die einen deutlichen Einfluss von
Störungen auf die individuellen Entwicklungsgeschwindigkeiten zeigt. Wie
diese sich bei verschiedenen Spezies auswirken ist unklar, aber auch bei der
Haltung sollte man im Auge behalten, dass gerade bei Wildfängen, Transport,
Quarantäne, häufiges Umsetzen bis zum Endbesitzer und eine meist
unausweichliche Nahrungsumstellung und klimatische Anpassung massive Eingriffe
(Störungen im Sinne der obigen Arbeit) bedeuten. Auch unter solchen
Bedingungen muss man mit derartigen Verschiebungen in der normalen
geschlechtsspezifischen Entwicklung rechnen. Dabei liefert die obige Arbeit zwar
naheliegende, aber nur einseitige Hypothesen zur Erklärung der
Beobachtungen. Denn die Hypothesen beschränken sich nur auf die Aspekte der
Nahrungsverfügbarkeit bei adulten und subadulten Schildkröten. Dennoch
sollte man auch andere durch massive Landschafts- oder Umweltveränderungen
hervorgerufene Stressfaktoren nicht ganz außer acht lassen, denn auch die
könnten zu solch differentiellen Reaktionen der Tiere führen (siehe
auch Tracy, C. R., K. E. Nussear, T. C. Esque, K.
Dean-Bradley, C. R. Tracy, L. A. DeFalco, K. T. Castle, L. C. Zimmerman, R. E.
Espinoza & A. M. Barber (2006): The importance of physiological
ecology in conservation biology. – Integrative and Comparative Biology 46
(6): 1191-1205 oder WiF-Archiv) Eigentlich ist es auch
bei der Betrachtung dieser Arbeiten auffällig, wie nahe am Limit
Schildkröten bezüglich der Nahrungsversorgung in ihren
Lebensräumen leben. Etwas, das man sich kaum vorstellen kann, wenn man sich
die Diskussionen über möglichst proteinarmes oder gar energiearmes so
genanntes „gutes“ Futter einmal durch den Kopf gehen lässt.
Denn schaut man zu den Zeiten nach, zu denen die Tiere in ihren
Ursprungsgebieten ihre Hauptaktivitätszeiten im Jahreszyklus haben, strotzt
es dort oft nur so von hochwertigem Futter. Zudem sind die Schildkröten
auch daran angepasst, dieses Futter für sich zu nutzen (siehe
McMaster, M. K. & C. T. Downs (2008): Digestive
parameters and water turnover of the leopard tortoise. – Comparative
Biochemistry and Physiology – Part A Molecular and Integrative Physiology.
doi:10.1016/j.cbpa.2008.06.007 oder WiF-Archiv).
Denn meist beruht die Aussage, dass Schildkröten an energiearme
Extremlebensräume angepasst sind, nicht darauf, dass sie mit einem
minderwertigen Nahrungsangebot gut auskommen – nein – diese
Anpassung an diese Extremlebensräume hat meist zur Folge, dass sie daran
angepasst sind, in einer kurzen Zeit (Regenzeit) ihren Energiebedarf mit
hochwertigem Futter zu decken und danach den Rest des oftmals extrem
energiearmen Jahres (Trockenzeit, Winter) in einem Ruhezustand zu
überdauern. Aus diesen Beobachtungen lässt sich aber nicht ableiten,
dass die Verdauungsphysiologie der Tiere an minderwertige, energie- bzw.
proteinarme Nahrung angepasst ist. Bei den extremsten Spezies wie der
Steppenschildkröte und der Wüstendosenschildkröte ist wohl eher
das Gegenteil der Fall, nämlich extrem nährstoff- und proteinreich,
aber eben nur für maximal drei Monate im Jahr. Sicher ist die
Jahresenergiebilanz dieser Schildkröten im Vergleich zu einer Ziege oder
auch einem Kamel – um bei den Herbivoren zu bleiben – extrem
niedrig, aber neun Monate Nulldiät bringt natürlich im Vergleich zu
den täglich aktiven Säugetieren ein gewaltiges Energiesparpotentiell
mit sich (Plummer, M. V. (2004): Seasonal
inactivity of the Desert Box Turtle, Terrapene ornata luteola
, at the
species' southwestern range limit in Arizona. – Journal of Herpetology 38:
589-593 oder WiF-Archiv,
Gilbertson, L. H. & W. R. Radke (2006): A new
species of Sonorella (Pulmonata: Helminthoglyptidae) from Arizona, with notes on
predation and evasive behaviours. – American Malacological Bulletin 21:
17-22 oder WiF-Archiv oder
Lagarde et al. (2003): Foraging behaviour and diet
of an ectothermic herbivore: Testudo horsfieldii
. – Ecography 26
(2): 236-242.
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