Wissenschaft im Fokus
Domokos, G. & P. L.
Várkonyi (2007): Geometry and self-righting
of turtles. – Proceedings of the Royal Society of London Series B:
Biological Sciences 275 (1630): 11-17.
Die Geometrie und das Umdrehverhalten von
Schildkröten
Terrestrische Tiere mit harten Schalen unterliegen einer ständigen Gefahr,
wenn sie auf den Rücken gelegt werden. Deshalb wurden vielfältige
Strategien für das Umdrehverhalten bei Käfern und Schildkröten
beschrieben, aber die exakte Rolle, die die Schalen- oder Panzergeometrie
für die Umdrehreaktion spielt, ist bis heute unbekannt. Die Strategien
basieren häufig auf aktiven Mechanismen, z. B. Käfer drehen sich
selbst um, indem sie bestimmte Bewegungen mit ihren Beinen und Flügeln
durchführen, und die eher flachen aquatischen Schildkröten benutzen
meist ihren muskulösen Hals, um sich aus der Rückenlage umzudrehen.
Andererseits haben diesbezüglich die hochgewölbten
Landschildkröten mit ihren vergleichsweise kurzen Beinen und Hälsen so
gut wie gar keine aktive Kontrolle: Bei ihnen ist es eher so, dass die Form
selbst als ein fundamentales Werkzeug dient. Basierend auf im Feld gesammelten
Daten für ein breites Spektrum an aquatischen und terrestrischen
Schildkrötenspezies entwickelten wir ein geometrisches Modell des Panzers.
Angeregt durch kürzlich errechnete mathematische Ergebnisse zeigen wir,
dass eine einfache mechanische Klassifikation des Modells sehr gut mit der
verwendeten Strategie des Umdrehverhaltens korreliert. Im speziellen zeigen wir,
dass die exakte Geometrie der hochgewölbten Panzer terrestrischer Spezies
nahezu die optimale Form für die Umdrehbarkeit hat und dass die Panzerform
einen herausragenden Faktor für Umdrehbarkeit darstellt. Unsere Studie
veranschaulicht, wie die Evolution Probleme löst, die weit von einem
trivialen geometrischen Problem entfernt sind, wobei sie einige
Schildkröten mit monostatischen Panzern ausstattete, die wunderschöne
Formen haben, die nur selten anders wo in der Natur auftreten.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine interessante Arbeit, die versucht, einen Aspekt dingfest zu machen, der
einen klaren Selektionsdruck für eine bestimmte Panzerform erkennen
lässt. Nun, wie oft im Leben mag auch das nur einer unter vielen Aspekten
sein, denn ein anderer könnte auch in Bezug zur Thermoregulation bestehen,
da flache, großflächige dünnere Panzer sich schneller passiv in
der Sonne aufheizen als eher kugelige dickere (höhere) Formen mit
vergleichsweise geringerer Oberfläche im Bezug zum Gesamtvolumen.
Nichtsdestotrotz macht die Arbeit aber deutlich, dass die Panzerform
entscheidend für das Überleben der Tiere ist. Damit stellt sich aber
auch die Frage, wie verändert sich die Überlebensfähigkeit der
Schildkröten, wenn unter den Bedingungen der Gefangenschaftshaltung die
Panzerform sehr stark von der natürlichen Form abweicht? Denn uns allen ist
nun zur Genüge bekannt, dass manche Tiere in Gefangenschaft flacher und
weniger gewölbt heranwachsen oder höckerigere Panzer ausbilden als in
ihrem natürlichen Habitat. Selbst wenn unter einer überwachten
Gefangenschaftshaltung dies kaum Auswirkungen auf ihre
Überlebensfähigkeit haben dürfte, so muss die Frage erlaubt sein,
ob sich solche Individuen dann noch für eine Auswilderung und
Wiederansiedlung eignen würden? Warum diese etwas weit gefasste Anmerkung?
Nun wer die ganze Arbeit liest, wird feststellen, dass die Autoren die Idealform
bei Sternschildkröten gefunden haben. Da fragt man sich doch, müsste
man die geometrische Idealform nicht bei mehr Arten finden, oder welche anderen
Ursachen gibt es, die dafür sorgen, dass andere Arten eben doch etwas von
der Idealform abweichen? Das ist wie beim Autobau, ginge es wirklich nur um den
geringsten Luftwiderstand, dann müssten von der Form her alle Autos gleich
aussehen.
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