Wissenschaft im Fokus
Du, W-G, L-J Hu, J-L Lu & L-J. Zhu (2007):
Effects of incubation temperature on embryonic development rate, sex ratio and
post-hatching growth in the Chinese three-keeled pond turtle, Chinemys
reevesii. – Aquaculture (1-4): 747-753.
Auswirkungen der Inkubationstemperatur auf die embryonale
Entwicklungsrate, das Geschlechterverhältnis und das
Schlüpflingswachstum bei der Chinesischen Dreikielschildkröte,
Chinemys reevesii
Das Verstehen des Einflusses der Inkubationstemperatur auf Embryos und
Schlüpflinge kann wichtige Erkenntnisse für die Haltung und die
Arterhaltung von Schildkröten liefern. Allerdings fehlen solche Daten
für die meisten der asiatischen Schildkröten. Wir inkubierten Eier der
Chinesischen Dreikielschildkröte (
Chinemys reevesii) bei sechs
konstanten Temperaturen (24 °C, 26 °C, 28 °C, 30 °C, 32 °C
und 34 °C), um die Auswirkungen der thermalen Umweltbedingungen auf den
Embryo zu testen, wobei wir die Inkubationsdauer, die Schlupfrate,
Schlüpflingsgröße und Schlüpflingsmasse, das
Geschlechterverhältnnis und das Schlüpflingswachstum ermittelten. Die
Inkubationsdauer (ID) nahm in einer nicht-linearen Weise mit zunehmender
Temperatur (T) ab, und kann anhand der folgenden Gleichung annäherungsweise
ermittelt werden: ID=42.74*exp(4,30/(T-17,28). Eier, die bei 32 °C und
34 °C inkubierten, hatten niedrigere Schlupfraten als jene, die bei 24
°C, 26 °C und 28 °C inkubiert worden waren. Die Schildkröte
zeigte ein Männchen-Weibchen-Muster, das der temperatur-abhängigen
Geschlechtsfestlegung folgte (MF oder TSD-Typ Ia), mit mehr Männchen bei
den kühleren Temperaturen von 24 °C und 26 °C und mehr Weibchen bei
den höheren Temperaturen von 30 °C, 32 °C und 34°C. Die
Beziehung zwischen Geschlechterverhältnis (SR) und Temperatur (T) kann mit
folgender Gleichung beschrieben werden, SR=0,025+0,923/(1+exp(-(T-30,03)/0,009))
(boolean AND)0,006. Die Schlüpflinge aus Eiern, die bei 24 °C, 26
°C und 28 °C inkubiert worden waren, waren größer und
schwerer im Vergleich zu jenen, die bei 30 °C, 32 °C und 34 °C
erbrütet worden waren. Allerdings verschwand der Einfluss der Temperatur
auf die Schlüpflingsgröße im Alter von drei Monaten (die Tiere,
die bei 30 °C und 32 °C inkubiert worden waren, wuchsen schneller),
während die, die bei 34 °C inkubiert worden waren verstarben. Auch nach
drei Monaten wuchsen die weiblichen Schlüpflinge aus den Eiern, die bei 30
°C und 32 °C inkubiert worden waren, signifikant schneller als die
Männchen, die aus Eiern mit 24 °C und 26 °C stammten, und auch die
Weibchen aus bei 28 °C inkubierten Eiern wuchsen signifikant schneller als
die Männchen, die sich bei 28 °C entwickelt hatten. Im Gegensatz dazu
gab es keine Unterschiede in Bezug auf die Zuwachsrate bei
gleichgeschlechtlichen Schlüpflingen aus unterschiedlichen
Inkubationstemperaturen (Also Männchen, die bei 24 °C geschlüpft
waren, wuchsen genauso schnell wie die bei 28 °C geschlüpften). Die
beobachtete Dichotomie bezüglich der Wachstumsrate zwischen
Schildkröten, die bei höherer versus jenen, die bei tieferen
Temperaturen inkubiert worden waren, können also als geschlechtsspezifische
Unterschiede angesehen werden. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass
Inkubationstemperaturen von 28-30 °C als die geeigneten zur Inkubation von
C. reevesii gelten, weil sie eine hohe Schlupfrate und eine hohe
Überlebensrate liefern und zudem ein sehr rasches Schlüpflingswachstum
unter diesem Temperaturregime garantieren. Kleine Schlüpflinge können
sogar den Größenunterschied nach dem Schlupf ausgleichen, wenn
entsprechend optimale Haltungsbedingungen vorherrschen, da bei dieser Spezies
die Größe zum Zeitpunkt des Schlupfs keinen Einfluss auf das
spätere Wachstum hat.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine sehr schöne ausführliche Arbeit mit Daten, die direkt
für die Tierhaltung anwendbar sind. Zwar wurden auch hier nur konstante
Inkubationstemperaturen getestet, die den fluktuierenden im Freiland nicht ganz
entsprechen, aber sie liefern für die meisten Terrarianer trotzdem
brauchbare Daten. Auch wenn C. reevesii
noch keine bedrohte Spezies
ist, sollten wir uns dennoch klar machen: Hätten unsere herpetologischen
Interessensverbände solche Untersuchungen in der Vergangenheit genauso
unterstützt wie sie Entdeckungsreisen- und Sammelreisen für
Systematiker unterstützten, hätten wir solche Daten vielleicht auch
schon für jene Arten, die heute als stark bedroht gelten und die nun so
streng geschützt sind, dass es schon schwierig wird, damit zu forschen. Bei
den meisten in solchen Gruppierungen organisierten Mitglieder handelt es sich
doch um Terrarianer, die mit ihren Beiträgen Forschungssubventionen
aufbringen. Da frage ich mich schon, warum dann der Hauptteil gar nicht zur
Förderung von Arbeiten eingesetzt wird, die Ergebnisse liefern, die der
Terrarianer direkt im Sinne einer Haltungsoptimierung oder im Bereich der
Veterinärmedizin zur Gesunderhaltung seiner Pfleglinge einsetzen kann? Wer
heute den verantwortungsvollen Umgang, die Haltung und auch die Vermarktung im
Sinne der Arterhaltung und im Sinne des Tierschutzes für die Zukunft
aufrecht erhalten will, sollte sich wirklich auch öffentlichkeitswirksam
dieser Aufgabe stellen. Denn daraus erwachsen die Erfolge, die man gegen den
ständigen Ruf nach Beschränkungen ins Feld führen könnte,
weil das Dinge sind, die sich direkt auf das beziehen, was hier vor Ort an
öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen erreichbar ist. Wie ich aus
eigenen Anfragen erkenne, sind solche Daten auch für andere außerhalb
Deutschlands wichtig. Wie sonst wäre es zu erklären, warum
Ausländer nach deutschsprachigen Sonderdrucken zu bestimmten Themen fragen.
Das medienwirksame Verbreiten von spektakulären Wiederentdeckungen von
ausgestorben geglaubten Amphibien auf anderen Kontinenten ist zwar interessant
und stimmt zuversichtlich, sie nützen uns hier im eigenen Land oder der EU
aber wenig beim Einsatz für eine verantwortungsvolle, tierschutzgerechte
Exotenhaltung, die sich auch in gesellschaftspolitisch akzeptabler Form zum
Ausdruck bringen lassen muss. Siehe auch: Delmas, V., A.
C. Prevot-Julliard, C. Pieau & M. Girondot (2008): A mechanistic
model of temperature-dependent sex determination in a chelonian: the European
pond turtle. – Functional Ecology 22: 84-93 oder
WiF-Archiv.
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