Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 21.11.2010
Du W.G. & R. Shine (2010): Why do the eggs of lizards (Bassiana duperreyi: Scincidae) hatch
sooner if incubated at fluctuating rather than constant temperatures?. – BIOLOGICAL JOURNAL OF THE LINNEAN SOCIETY 101(3): 642-650.
Warum schlüpfen die Eier der Echse (Bassiana duperreyi: Scinncidae) bei
fluktuierenden Inkubationstemperaturen schneller als bei konstanten Temperaturen?
Reptilieneier schlüpfen normalerweise schneller wenn sie bei wärmeren Temperaturen inkubiert werden, deshalb ist es sonderbar das
tageszeitliche Temperaturschwankungen (unabhängig von dem Mittelwert der Temperatur) die Dauer der Inkubation modulieren. Bei der
montanen Echse
Bassiana duperreyi (Scincidae), schlüpfen die Eier die bei Inkubationstemperaturen von 22 +/- 7°C > 10%
früher als deren Gelegegeschwister die bei konstanten 22°C inkubiert wurden (55 versus 62 Inkubationstage). Wir untersuchten dazu
mit einer nicht-invasiven Methode die embryonale Herzschlagfrequenz, die hochgradig mit dem embryonalen Sauerstoffverbrauch und der
embryonalen Entwicklungsgeschwindigkeit korreliert ist, um drei Erklärungsmöglichkeiten zu testen (den exponentiellen
Zusammenhang zwischen Temperatur und Entwicklungsgeschwindigkeit; die thermale Akklimatisation der Entwicklungsgeschwindigkeit; und die
fakultative n Verschiebungen im Grad der vollendeten Entwicklung vor dem Schlupf (z.B. ob ein verfrühter Schlupf auftritt).
Die Herzschlagfrequenz zeigte keine Akklimatisationsreaktion in Bezug auf die Inkubationstemperatur. Auch die Körpergröße
der Schlüpflinge zeigte keine Abweichung zwischen den beiden Gruppen. Wir fanden eine exponentielle Beziehung zwischen der Temperatur
und der Herzschlagfrequenz wobei der Auswurf des embryonalen Herzens sich sehr stark in Bezug zu einem tageszeitlichen Temperaturanstieg
vergrößerte und zwar mehr als er sich im umgekehrten Fall beim Absinken der Temperatur verringerte, was letztendlich dazu
führte dass Embryonen bei fluktuierenden Inkubationstemperaturen von 22 +/- 7°C pro Tag 7% mehr Herzschläge aufwiesen als die
Tiere die bei konstanter Temperatur inkubiert wurden. Diese nichtlineare Sensitivität der Entwicklungsgeschwindigkeit ist der Grund
dafür warum Schwankungen in der Inkubationstemperatur die Embryonalentwicklung beschleunigen und die Zeit bis zum Schlupf bei
B.
duperreyi verkürzen. Generell betrachtet besagt diese Beziehung zwischen Temperaturschwankung und Entwicklungsgeschwindigkeit,
dass die Reptilienmütter die relativ kühle Habitate besiedeln die Inkubationsdauer ihres Nachwuchses dadurch verkürzen
können indem sie Nistplätze auswählen die eine hohe Temperaturschwankung bei gleichzeitig möglichst hoher
Durchschnittstemperatur garantieren.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Liebe Leser nun werden Sie sich fragen warum ein Abstract über Eidechsen auf einer Schildkrötenplattform? Ich leiste mir diese
Ausnahme weil ich auch die interessante andere Reptilienliteratur lese und dabei wie in diesem Fall auf eine ausgesprochen gute Arbeit
gestoßen bin, die sehr viel Grundlagenwissen liefert zu einem Thema dass recht häufig auch von Schildkrötenzüchtern
diskutiert wird.
Niemand hat bisher eine sinnvolle Erklärung innerhalb der auch bei manchen Schildkröten zu beobachtenden Inkubationsphänomene
geliefert. Sicher es ist unklar ob diese Befunde auf andere Arten übertragbar sind aber die Experimente sind genial einfach und wie
gesagt nicht invasiv. Zudem hat diese Studie ökologische Konsequenzen wenn es zum Beispiel um den Schutz und das Erhaltungsmanagement
von Nistplätzen bei Populationen die nördliche Verbreitungsgebiete besiedeln geht, wie unsere heimischen
Emys orbicularis
oder die nördlichsten Vorkommen der Waldbachschildkröten Glyptemys insculpta. Auch für deren Inkubation sind in manchen
Jahren die Sonnentage sehr gering, so dass die Inkubationsdauer bis zum Schlupf möglichst kurz sein sollte. Die wichtigste Erkenntnis
dabei ist, dass es zu täglichen Temperaturanstiegen kommen muss, denn jeder dieser Anstiege scheint direkt ein Trigger für
erhöhten Stoffwechsel und damit indirekt auch ein Trigger für die erhöhte Herzfrequenz zu sein, denn letztere kann nur durch
erhöhten Stoffwechsel aufrechterhalten werden.
Zumindest ist dies die erste mir bekannte Arbeit die für diese Inkubationsphänomene eine plausible, nachvollziehbare
Erklärung liefert, die zudem gute Anhaltspunkte für das Nistplatzmanagement bietet, denn diese Temperaturschwankungen hängen
sowohl von den abiotischen Faktoren z. B. Wärmespeicherkapazität des Bodens, Wassergehalt des Bodens, Temperaturleitfähigkeit
wie auch von biotischen Faktoren wie Pflanzenbewuchs, Beschattung durch Baumkronen, etc. ab, sodass ein zielgerichtetes
Nistplatzerhaltungsmanagement dies notwendigerweise berücksichtigen sollte um die entsprechenden Eigenschaften zu erhalten oder wieder
herzustellen. Wenn man die Optimalbedingungen kennt spricht auch nichts gegen eine Wiederherstellung mit künstlichen Mitteln
anzustreben.
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