Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 29.11.2009
Dubois, Y., G. Blouin-Demers, B. Shipley & D.
Thomas (2009): Thermoregulation and habitat selection in wood turtles
Glyptemys insculpta: chasing the sun slowly. – Journal of Animal
Ecology 78 (5): 1023-1032.
Thermoregulation und Habitatselektion bei
Waldbachschildkröten Glyptemys insculpta: Die
langsame Jagd nach Sonne
1. Es ist nun weitgehend akzeptiert, dass Reptilien in der Lage sind ihre
Körpertemperatur über das Verhalten zu regulieren, aber diese
generalisierte Aussage basiert primär auf der Untersuchung von Echsen und
Schlangen in warmen Regionen. Weil die Präzision der
Körpertemperatur-Regulation bezogen auf einzelne Taxa und die geographische
Lage erheblich schwanken kann, sind Studien von semiterrestrischen, in
klimatischen Extremzonen lebenden Schildkröten durchaus relevant für
das Verständnis der Thermoregulation bei Reptilien.
2. Wir studierten die Thermoregulation bei 21 wild lebenden
Waldbachschildkröten (
Glyptemys insculpta) an ihrer
nördlichen Verbreitungsgrenze in Quebec unter Verwendung von
Miniaturdatenaufzeichnungsgeräten zur kontinuierlichen Messung der inneren
Körpertemperatur sowie der externen Temperatur. Wir maßen zeitgleich
außerdem die operative Umgebungstemperatur (eine lokale Temperatur, die
sich je nach Windgeschwindigkeit und Bewuchs verändert) unter Verwendung
von 23 physikalischen Modellkörpern, die innerhalb eines jeden Habitats
frei beweglich waren. Die Schildkröten wurden mittels der Radiotelemetrie
lokalisiert.
3. Das von den Waldbachschildkröten genutzte Habitat war thermisch
eingeschränkt, wobei die angestrebte Zieltemperatur nur in einem kleinen
Zeitfenster von 5 Stunden an sonnigen Tagen erreicht wurde.
Waldbachschildkröten zeigten die Fähigkeit zur Thermoregulation wie
sich an Hand der Differenz aus
Schildkröten-Körpertemperatur-Verteilung und der Nullverteilung der
operativen Umgebungstemperatur ergab, was zeigte, dass die Körpertemperatur
nahe an der angestrebten Zieltemperatur liegt. Obwohl die meisten
Schildkröten ihre Körpertemperatur zwischen 09.00 h und 16.00 h
während sonniger Tage regulierten, war die Art der Regulation ungenau, was
sich aus der Berechnung eines Index zur Thermoregulationspräzision (|
Körpertemperatur – angestrebte Zieltemperatur |) ergibt.
4. Der Vergleich der Habitatnutzung zur Gesamthabitatverfügbarkeit zeigt
eine klare Selektion für offene Habitate. Der mittlere stündliche
Stellungswechselindex (| externe Temperatur – Körpertemperatur |)
lässt vermuten, dass die Schildkröten den Wechsel von Sonne und
Schatten von 09.00 bis 16.00 h nutzten, um ihre Körpertemperatur über
die durchschnittliche operative Umgebungstemperatur zu erhöhen.
5. Basierend auf Respirometriedaten aus Laborexperimenten lässt sich
nachweisen, dass die Schildkröten damit im Vergleich zur
Temperaturkonformität mit der Umgebungstemperatur ihre Metabolismusrate um
20-26 % steigern können, was sehr wahrscheinlich ihren Energiegewinn
steigert. Dabei gehen wir davon aus, dass der Energiegewinn innerhalb dieser
klimatischen Extremsituation sehr begrenzt ist.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Zugegeben, dieses Abstract ist schwer verständlich für den Laien, weil
hier zu sehr auf die Beschreibung komplizierter Messparameter Wert gelegt wurde,
anstatt auf eine klare ergebnisbezogene Aussage. Allerdings ist diese Arbeit
trotzdem gehaltvoll, denn sie zeigt zum einen, wie sich die innere
Körpertemperatur (Messgeräte waren implantiert) zur
Carapaxoberflächentemperatur und zur aktuellen Umgebungstemperatur
verhält – z. B. liegt die Spannweite der Carapaxtemperatur bei
11,0-44,0 °C, während die innere Körpertemperatur von 9,8-34,5
°C reichte. (Allerdings liegen die Durchschnittswerte mit einer externen
Temperatur von 20,3±5,95 °C und einer Körpertemperatur von
18,7±6,0 °C bei dieser nördlich Population deutlich niedriger,
woraus man erkennen kann bei welch niedrigen Durchschnittstemperaturen diese Art
ihren Stoffwechsel realisiert). Zum anderen zeigt die Arbeit, dass diesen Tieren
eine Thermoregulation nur an wenigen sonnigen Tagen möglich ist und dass
sie dazu offene, also unbewachsene Bodenstellen finden müssen. Manche
Schildkröten plätten sogar die Vegetation, um freie Stellen zu haben.
Die Umgebungstemperatur überschreitet häufig nicht die 20 °C
Marke, und nachts sowie an bewölkten Tagen ziehen sich die Tiere in den
Bach zurück, weil das Wasser immer noch wärmer ist als die Umgebung.
Wie die Autoren anmerken, ist das mit ein Grund dafür, warum sich kaum eine
Schildkröte weiter als 250 m vom Bach entfernt. Hohe Carapax- und
Körpertemperaturen werden an sonnigen Tagen meist nur zwischen 11-15 h
erreicht, wobei die Carapaxoberflächentemperatur meist nur kurzfristig auf
35 °C ansteigen kann. Was aber trotz dieser knapp bemessenen Zeit zur
Thermoregulation erstaunlich war, ist der Befund, dass die Schildkröten nie
an ein theoretisch mögliches Temperaturmaximum und damit mögliches
Metabolismusmaximum herangehen – ein Umstand, der auch andere Gründe
wie zum Beispiel die Regulation des Wasserhaushalts zur Ursache haben kann.
Zudem sollte man auch hier nicht vergessen, dass die Schildkröten auch im
Wasser und an bewölkten Sommertagen Metabolismus machen und dass ein Teil
der Sonnenbäder nicht nur dem Metabolismus dienen könnte, sondern auch
der Vitamin-D-Versorgung. Siehe dazu auch:
Castellano et al. (2008) oder
WiF-Archiv sowie
Karsten et al. (2009) oder
WiF-Archiv. Fazit: Wenn man diesen Bericht liest
hat man eher den Eindruck hier gehaltene Waldbachschildkröten leiden eher
an zu viel Hitze als an zu kühlen ungünstigen Wetterlagen.
Literatur
Castellano, C. M., J. L. Behler & G. R. Ultsch
(2008): Terrestrial movements of hatchling wood turtles (
Glyptemys
insculpta) in agricultural fields in New Jersey. – Chelonian
Conservation and Biology 7 (1): 113-118.
Karsten, K. B., G. W. Ferguson, T. C. Chen & M. F.
Holick (2009): Panther Chameleons,
Furcifer pardalis,
Behaviorally Regulate Optimal Exposure to UV Depending on Dietary Vitamin D-3
Status. – Physiological and Biochemical Zoology 82 (3): 218-225.
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