Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 29.11.2009
Edge, C. B., B. D. Steinberg, R. J. Brooks & J. D.
Litzgus (2009): Temperature and site selection by Blanding's Turtles
(Emydoidea blandingii) during hibernation near the species' northern
range limit. – Canadian Journal of Zoology – Revue Canadienne de
Zoologie 87 (9): 825-834.
Temperatur- und Ortswahl bei der Amerikanischen
Sumpfschildkröte (Emydoidea blandingii)
während der Überwinterung nahe ihrer nördlichsten
Verbreitungsgrenze
Viele Tiere, die in nördlichen Klimaten leben, legen während des
Winters längere Ruhephasen ein. Solche Tiere zeigen eine Reihe von
Anpassungsformen in Bezug auf ihre Physiologie und ihr Verhalten, die dazu
beitragen, die damit verbundenen Gefahren für das Überleben zu
minimieren. Im Zusammenhang mit der Überwinterung gibt es drei große
Gefahren für das Überleben: Metabolische und respiratorische Acidose
(Übersäuerung), Einfrieren und Beutegreifern zum Opfer zu fallen. Die
Auswahl der Überwinterungslokalitäten sollte daher dazu beitragen,
diese Gefährdungen zu minimieren. Wir maßen während zweier
Winter den gelösten Sauerstoffgehalt, die Wassertiefe und die Temperatur in
den Überwinterungsorten der Schildkröten (
Emydoidea blandingii
(
Holbrook, 1838)) und an Messstationen, die
zufällig in sechs unterschiedlichen Habitattypen verteilt worden waren, im
Algonquin Park, Ontario, Kanada. Die Wassertiefe und der gelöste
Sauerstoffgehalt unterschieden sich in den Überwinterungslokalitäten
der Schildkröten nicht von jenen, die in an den zufällig verteilten
Messstationen gemessen wurden. Im Gegensatz dazu waren die daraus abgeleiteten
Körpertemperaturen (die nahe 0 °C lagen) signifikant niedriger und
weniger variabel als die Wassertemperaturen an den zufällig gewählten
Messstationen. Unsere Daten und andere aus der Literatur lassen vermuten, dass
es zwei Alternativen für die Selektion von brauchbaren
Überwinterungsplätzen für gegenüber Sauerstoffmangel
tolerante Schildkröten gibt. In Gebieten, wo es die zeitweilige
Möglichkeit gibt, Sauerstoff aus der Luft zu atmen, wählen die
Schildkröten Orte, an denen die Eisdecke nicht über den ganzen Winter
geschlossen bleibt. Jedoch in Gebieten, wo es so kalt ist, dass die Eisdecke den
Zugang zu Luftsauerstoff unterbindet, suchen die Schildkröten Stellen auf,
an denen die Wassertemperatur nahe 0 °C bleibt.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Wieder eine schöne Arbeit, die uns Daten zur Überwinterungsphysiologie
liefert, die, so glaube ich, eine gewisse Allgemeingültigkeit haben, da
wechselwarme Schildkröten bei den kühlsten für sie tolerierbaren
Überwinterungstemperaturen zwei Vorteile haben. Ihr Stoffwechsel bleibt
niedrig und ihr Energieverlust bleibt gering. Dass Letzteres besonders dort
wichtig ist, wo kein Zugang zu Atemluft besteht, ist fast schon
selbstverständlich. (Siehe dazu
Hout-Daubremont et al. 2003 oder
WiF-Archiv,
Jackson 2004
oder
WiF-Archiv,
Jackson et al. 2007 oder
SiF-4/2007). Nun mag man sich fragen, wie weit
könnte diese Allgemeingültigkeit gehen und würde sie auch auf an
Land überwinternde Arten zutreffen? Hier kann nur feststellt werden, dass
auch dort bei den niedrigsten tolerierbaren Überwinterungstemperaturen der
Energieverbrauch am geringsten ist und mit je mehr unverbrauchter Energie die
Schildkröten erwachen, je besser können sie Schlechtwetterphasen nach
der Überwinterung überstehen und je mehr Energie haben. Weibchen
für den ersten Reproduktionszyklus nach der Winterruhe zur Verfügung.
Literatur
Hout-Daubremont, C., S. D. Bradshaw, F. W. Bradshaw G.
Kuchling & C. J. Grenot (2003): Variation of plasma sex steroid
concentrations in wild and captive populations of Hermann's tortoise
(
Testudo hermanni hermanni) in southern France. – General and
Comparative Endocrinology 130: 299-307.
Jackson, D. C. (2004): Surviving extreme lactic
acidosis: the role of calcium lactate formation in the anoxic turtle. –
Respiratory Physiology & Neurobiology: 173-178.
Jackson, D. C., S. E. Taylor, V. S. Asare, D. Villarnovo,
J. M. Gall & S. A. Reese (2007): Comparative shell buffering
properties correlate with anoxia tolerance in freshwater turtles. –
American Journal of Physiology – Regulatory, Integrative and Comparative
Physiology 292 (2): R1008-R1015.
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