Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 02.01.2011
Ennen J. R., J.E. Lovich, B. R. Kreiser, W. Selman & Carl P. Qualls (2010): Genetic and Morphological
Variation Between Populations of the Pascagoula Map Turtle (Graptemys gibbonsi) in the Pearl and Pascagoula Rivers with Description
of a New Species. – Chelonian Conservation and Biology 9(1): 98-113 pp.
Genetische und morphologische Variation zwischen den Populationen der Pascagoula-Landkartenschildkröte
(Graptemys gibbonsi) im Pearl- und Pascagoula-Fluss einschließlich der Beschreibung einer neuen Art.
Kryptische oder unbeschriebene Arten stellen ein großes Problem für die Erhaltungsbiologie dar. Das Management von verschiedenen
nicht weiter differenzierten Arten als eine kollektive Einheit kann dazu führen, dass es zum Verlust bis dato nicht erkannter
genetischer Variation und einzigartiger Populationen, und möglicherweise zum Aussterben noch nicht entdeckter Taxa kommen kann.
Im Gegensatz zu anderen Arten aus ihrer Klade ist die Pascagoula-Landkartenschildkröte (
Graptemys gibbonsi) aus derzeitiger
Sicht nicht nur auf ein Flusssystem (oder ein Kluster mit Hauptfluss und Nebenzuflüssen) beschränkt, sondern findet sich in zwei
Flusssystemen, dem Pearl- und Pascagoula-Fluss. Wir analysierten erstmals
G. gibbonsi-Proben aus beiden Flüssen sowohl
morphologisch als auch molekular um den Status dieser bislang wenig untersuchten Art zu erfassen.
Wir verglichen das Ausmaß der genetischen Differenzierung (mitochondriale DNS; mtDNS) der
G. gibbonsi Populationen mit
Mitgliedern der
pulchra-Klade, sowie zwischen
Graptemys oculifera und
Graptemys flavimaculata. Wir fanden
signifikante Unterschiede der Carapaxmuster sowie morphologische Unterschiede zwischen den
G. gibbonsi-Proben vom Pearl- und
Pascagoulafluss.
Unsere mtDNS-Sequenzen zeigten größere genetische Unterschiede zwischen den
G. gibbonsi-Proben vom Pearl- und
Pascagoulafluss als zwischen den beiden klar anerkannten, reziprok sympatrischen Arten,
G. oculifera (Pearlfluss) und
G.
flavimaculata (Pascagoulafluss).
Es zeigten sich jedoch nur moderate Abweichungen im Vergleich zu den Mitgliedern der
pulchra-Klade. Basierend auf dem Grad der
Differenzierung in Bezug auf die Morphologie, die Zeichnungsmuster und die mtDNS und in Bezug auf die allopatrische Verbreitung der Spezies,
beschreiben wir diese als eine neue Art aus dem Pearlfluss. Die Art
G. gibbonsi ist somit auf den Pascagoulafluss beschränkt.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Hierbei handelt es sich um eine gute systematische Arbeit die sicherlich berechtigt darauf verweist, dass beim gemeinsamen Management
eigentlich getrennter Arten genetische Variabilität auf Artebene eingebüßt wird oder langfristig verloren gehen kann.
Allerdings muss man hier ganz klar abgrenzen was mit Variation gemeint ist. Besonders im englischen Sprachgebrauch wird der Bergriff
„variation“ zum einen benutzt, um ein hohes Maß an Genfluss in einer Population oder Art zu beschreiben oder so wie hier,
wo „variation“ im Sinn eines klaren Artunterschieds gebraucht wird. In Bezug auf die Biotop Anpassung und ökologische
Einnischung in ein ganz bestimmtes Habitat ist die Aufrechterhaltung eines Unterschieds (Populations- oder gar Artunterschieds) sinnvoll.
Geht es aber darum sich verändernden Umweltbedingungen und sich damit auch verändernden Habitaten anzupassen kommt dem Genfluss
innerhalb einer taxonomischen Einheit (Population, Art) eine große Bedeutung zu. Gerade bei der Betrachtung dieses letzten Aspekts und
im Hinblick auf das langfristige Überleben kann sogar die genetische Aufhebung einer Artgrenze zur Erhöhung des Genflusses in der
neuen Hybrideinheit ein das Überleben sichernder Vorteil sein, weil er das Anpassungspotential erhöht. Arten die sich so isoliert
haben und die so individuenschwach geworden sind, dass sie einen beträchtlichen Anteil ihres Anpassungspotentials eingebüßt
haben unterliegen einem hohen Risiko auszusterben, denn sie könnten nur noch in sich unwahrscheinlich langsam verändernden
Habitaten überleben, da sie mehr Zeit benötigen den Verlust an genetischer Variabilität auszugleichen. Dass es dabei nicht
nur um theoretische Überlegungen geht zeigen etliche niedere Organismen die bei Besiedlung neuer Lebensräume ihre
Arteigenständigkeit aufgeben um als neue Hybridart erfolgreicher zu sein. Für die Arterhaltung sind also beide Überlegungen
wichtig und ein auf langfristiges Überleben ausgerichtetes Arterhaltungsmanagement sollte beide Aspekte berücksichtigen, denn wie
gesagt auch in der anthropologisch beeinflussten Evolution wirkt die Selektion, wobei in biologischen Systemen Fehlmanagement genauso mit
dem Tod bezahlt wird wie in der nicht vom Menschen gesteuerten Arterhaltung auch.
Literatur
Edwards, T., C. J. Jarchowa, C. A. Jones, & K. E. Bonine (2010): Tracing Genetic Lineages of Captive Desert
Tortoises in Arizona. – Journal of Wildlife Management 74 (4): 801-807. Oder
WiF-ARchiv.
Howeth, J. G., S. E: McGaugh & D. A. Hendrickson (2008): Contrasting demographic and genetic estimates of
dispersal in the endangered Coahuilan box turtle: a contemporary approach to conservation. – Molecular Ecology 17: 4209-4221. Oder
WiF-ARchiv.
Zum Seitenanfang