Wissenschaft im Fokus
Enneson, J. J. & J. D. Litzgus (2008):
Using long-term data and a stage-classified matrix to assess conservation
strategies for an endangered turtle (Clemmys guttata). –
Biological Conservation 141 (6): 1560-1568.
Die Verwendung von Langzeitdaten und einer nach
Lebensstadien klassifizierten Matrix zur Überprüfung von
Erhaltungsstrategien für die bedrohte Wasserschildkröte
(Clemmys guttata)
Reptilien befinden sich in einem globalen Rückgang, und ein Drittel aller
Schildkrötenarten wird derzeit als gefährdet oder bedroht eingestuft.
Die Erhaltung von Schildkröten ist aber eine schwierige Aufgabe, die ein
Umdenken erfordert, da Schildkröten langlebig sind und eine lange Zeit bis
zur Geschlechtsreife brauchen, was letztendlich Langzeitstudien
unerlässlich erscheinen lässt, um eine akkurate Kalkulation der
Überlebensparameter zu erarbeiten. Die Tropfenschildkröte (
Clemmys
guttata) ist in Kanada als bedrohte Art eingestuft. Eine Population der
Tropfenschildkröte in der östlichen Georgian Bay, Ontario, ist derzeit
die am längsten überwachte und ökologisch untersuchte Population
(30 Jahre). Das Ziel des gegenwärtigen Projekts war es, die demographischen
Langzeitdaten zu nutzen, um eine parametrische nach Lebensstadien unterteilte
Matrix zu erstellen, um damit ein Computermodell zur Überprüfung
hypothetischer Szenarien zu erhalten, die sich aus verschiedenen
Managementmaßnahmen ergeben würden. Elastizitätsanalysen und
Simulationen zeigten, dass nur geringfügige Veränderungen in der
Überlebensrate der adulten Schildkröten die größten
Auswirkungen in Bezug auf die Wachstumsrate der Population haben und dass eine
Erhöhung der Überlebensrate bei den Jungtieren auf 100 % den
größten Effekt auf die Zuwachsrate der Population hätte. Die
Simulation von Nestschutzmaßnahmen und die Simulation von sogenannten
Headstartmaßnahmen (künstliches Aufziehen der Schlüpflinge bis
zu einer bestimmten Größe) ergaben aber, dass diese Maßnahmen
zumindest für diese Spezies sehr ineffizient Erhaltungsmaßnahmen
sind. Wir empfehlen daher, den Schwerpunkt der Erhaltungsmaßnahmen auf die
adulten und juvenilen Lebensstadien sowohl bei der Tropfenschildkröte als
auch bei anderen langlebigen iteroparen Wirbeltieren auszurichten.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Die hier durchgeführten Simulationen sind zwar auch nur Simulationen,
aber sie basieren immerhin auf Langzeitdaten, die auch einen Rückblick auf
den Erfolg der schon in der Vergangenheit durchgeführten
Erhaltungsmaßnahmen erlauben und damit auch deren Wert für die
Zukunft besser einschätzbar machen. Ob die Daten auf andere Spezies direkt
übertragbar sind, ist nicht sicher, denn auch relativ langlebige
Schildkröten können sich bestimmten populationsdemographischen
Entwicklungen anpassen (siehe Fordham, D. A., A. Georges
& B. W. Brook (2007): Demographic response of snake-necked turtles
correlates with indigenous harvest and feral pig predation in tropical northern
Australia. – Journal of Animal Ecology 76 (6): 1231-1243 oder
WiF-Archiv; Spencer, R. J., F.
J. Janzen & M. B. Thompson (2006): Counterintuitive density-dependent
growth in a long-lived vertebrate after removal of nest predators. –
Ecology 87 (12): 3109-3118 oder WiF-Archiv). Dennoch
wird hier wieder einmal sehr deutlich, welche Priorität dem Schutz und der
Erhaltung der adulten Schildkröten zukommt (siehe auch:
O'Brien, S., B. Robert & H. Tiandray (2005):
Hatch size, somatic growth rate and size-dependent survival in the endangered
ploughshare tortoise. – Biological Conservation 126 (2): 141-145 oder
WiF-Archiv). Ebenso sollte man wirklich einmal
darüber nachdenken, wie sich in manchen Biotopen die so genannten
Headstart-Maßnahmen auswirken und welche Probleme damit verbunden sind.
Denn die Jungtiere werden meist in Gefangenschaft herangezogen, und ihre
spätere Auswilderung kommt dem gleich, was man für
Umsiedlungsmaßnahmen auch erwarten muss, denn de facto bringt man
„fremde Tiere“ in eine ortsansässige Population ein. Daraus
ergeben sich ähnliche Probleme, wie sie schon aus anderen Maßnahmen
bekannt sind (siehe Bertolero, A., D. Oro, & A.
Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by
modelling adult survival: the example of Hermann's tortoise. – Animal
Conservation 10 (3): 360-368 oder WiF-Archiv;
Rittenhouse, C. D., J. J. Millspauch, M. W. Hubbard &
S. L. Sheriff (2007): Movements of translocated and resident three-toed
box turtles. – Journal of Herpetology 41 (1): 115-121 oder
WiF-Archiv; Hernandez, O.
& R. Espin (2006): Effects of reinforcement on the Arrau turtle
(Podocnemis expansa
) population in the Middle Orinoco, Venezuela.
– Interciencia 31 (6): 424-430 oder
SiF 3 (4) 2006). Ich denke, die
wissenschaftliche Abklärung dieser Problematik dürfte entscheidend
sein für die praktikable Umsetzung und den Wert so mancher bislang auch nur
hypothetisch diskutierter Wiederansiedlungsmaßnahmen von in Gefangenschaft
nachgezogenen Arten. Eines der wohl entscheidenden Probleme bei den
Headstart-Maßnahmen ist aber, dass man die ortsansässigen
Populationen, die man damit erhalten möchte, zwar mit Tieren aufstockt,
aber in keiner Weise die Ursachen, die zum Rückgang und eventuell sogar zum
Zusammenbruch der ortsansässigen Population führen, analysiert oder
gelöst hat. Denn wenn Letzteres der Fall wäre, könnte eine
Population sehr wahrscheinlich auch wieder aus eigner Kraft wachsen, wenn auch
langsamer. Übermäßig viele herangezogene Individuen in eine
geschwächte ums Überleben kämpfende Population einzubringen
könnte sogar gefährlich sein und diese zusammenbrechen lassen, wenn
durch die Neuzugänge der Konkurrenzkampf um die wenigen noch brauchbaren
von ansässigen Tieren besiedelten Mikrohabitate so stark wird, dass sich
Stress assoziierte Krankheiten oder Mangelerscheinungen ausbreiten würden
(siehe dazu: Tracy, C. R., K. E. Nussear, T. C. Esque, K.
Dean-Bradley, C. R. Tracy, L. A. DeFalco, K. T. Castle, L. C. Zimmerman, R. E.
Espinoza & A. M. Barber (2006): The importance of physiological
ecology in conservation biology. – Integrative and Comparative Biology 46
(6): 1191-1205 oder WiF-Archiv). Dass gerade die
Tropfenschildkröte als stressanfällig gilt und unter zu hohen
Populationsdichten leidet, wird jedem einleuchten, der sich mit der Nachzucht
dieser Spezies ernsthaft beschäftigt hat.
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