Wissenschaft im Fokus
Ewert, M. A., J. W.
Lang & C. E.
Nelson (2005): Geographic variation in the pattern
of temperature-dependent sex determination in the American snapping turtle
(Chelydra serpentina). – Journal of Zoology 265: 81-95.
Geographische Variationen im Muster der
temperatur-abhängigen Geschlechtsbestimmung bei amerikanischen
Schnappschildkröten (Chelydra
serpentina)
Das Geschlechterverhältnis bei amerikanischen Schnappschildkröten,
Chelydra serpentina tendiert zu Weibchen bei kühlen Temperaturen,
zu Männchen bei mittleren Temperaturen und zu Weibchen bei hohen
Temperaturen. Die Laborinkubation von Eiern bei verschiedenen konstanten
Temperaturen ergibt verschobene unnatürliche Geschlechterverhältnisse.
In dieser Studie inkubierten Eier aus verschiedenen Regionen des
Verbreitungsgebiet von
C. serpentina von insgesamt sechs verschiedenen
Breitengraden. Die Probe vom höchsten Breitengrad zeigte über einen
sehr weiten kühlen Temperaturbereich ein zum männlichen Geschlecht hin
tendierendes Geschlechterverhältnis. Diese zu Männchen tendierende
Temperaturzone sowie die sich aus den anderen fünf Proben ermittelten Werte
zeigten ein konzentrisches Arrangement, das ein ausgeglichenes
Geschlechterverhältnis bei einer Temperatur von 24,5 ºC aufwies. Es
ergaben sich Anhaltspunkte für zwei Muster für die
temperatur-abhängige Geschlechtsbestimmung (TSD) (MF = der kritische
Temperaturbereich für die durch Männchen dominierte Zone) war
signifikant assoziiert mit dem Breitengrad und mit verschiedenen publizierten
klimatischen Besonderheiten im Ursprungsbiotop (z. B. Sonnenschein und
Niederschlagsmenge). An den höchsten Breitengraden (Norden) legen die
Weibchen ihre Eier an sonnenexponierten, warmen, offenen Stellen ab. An den
niedrigen Breitengraden legen die Weibchen ihre Eier bevorzugt an beschatteten
Plätzen ab. Diese Selektion der Nistplätze sorgt dafür, dass die
Nester in Gegenden um die höchsten Breitengrade wärmer liegen als bei
niedrigen Breitengraden und nur in den dazwischen liegenden Regionen gleich
verteilt werden. Unter der Voraussetzung, dass konstante Temperaturen eine
deutlich schnellere Embryonalentwicklung in Nestern aus Regionen höherer
Breitengrade ergeben als bei Nestern in Regionen entlang niedriger Breitengrade,
scheint die Auswahl sonnenexponierter Nistplätze als zusätzliche
Anpassung an nördliche Breitengrade anzusehen zu sein, die dazu dient, die
Entwicklung zu beschleunigen (kürzere Sommer im Norden). Um die niedrigen
Breitengrade herum verhindert die Beschattung der Nester eine Überhitzung.
Wir postulieren, dass während der Evolution ein Kompromiss eingegangen
werden musste, der 1. ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis
sicherstellte und 2. die Männchen-dominierte Temperaturzone in einem
Bereich hält, der die Fitness der männlichen Nachkommen garantiert
(also infertile Zwitter ausschließt), Letzteres dürfte dazu
geführt haben, dass sich das beobachtete, konzentrische TSD-Muster
einstellte, welches sich um eine kritische Temperatur von 24,5 ºC herum
ergibt.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Wie sieht die Fitness beziehungsweise die Anlage der Genitalorgane innerhalb
dieser geschlechtsbestimmenden Temperaturzonen aus? Oder praktischer gefragt,
haben Schildkrötenweibchen eine Klitoris oder sind die Weibchen, die eine
deutlich ausgeprägte Klitoris haben, nur solche, die sich an der
Temperaturgrenze zum männlichen Geschlecht hin entwickelt haben und somit
ähnlich einem echten Zwitter beide Merkmale nur mehr oder weniger stark
ausgeprägt zeigen?
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