Wissenschaft im Fokus
Feldman, M. L (2007): Some options to induce
oviposition in turtles. – Chelonian Conservation and Biology 6 (2):
313-320.
Einige Optionen die Eiablage von Wasserschildkröten
zu induzieren
Von 1978 bis 2006 wurde die Eiablage bei 13 Nordamerikanischen
Schildkrötenarten eingeleitet. Von 245 Indizierungen wurde 195 Mal
ausschließlich Oxytocin, 22 Mal ausschließlich das Arginin
Vasotocin, 13 Mal eine Kombination aus Oxytocin und Ketamin, 8 Mal eine
Kombination aus Propranolol und Oxytocin und 7 Mal Propranolol und AVT
verwendet. Bei wildlebenden
Chrysemys picta picta waren die Eier nach
Oxytocin-induzierter Ablage genauso lebensfähig wie die aus
natürlichen Gelegen. Die empfohlene Dosierung für die alleinige Gabe
von Oxytocin liegt abhängig von der Art bei 0,7-4,0 Einheiten je 100 g. Bei
Arten, bei denen mehr als 28 Individuen nach dieser Dosierungsempfehlung
behandeltet worden waren, wurden bei 74 % und 82 % der Anwendungen alle Eier
nach der ersten Behandlung abgelegt. Nach der zweiten Behandlung wurden zwischen
83 % und 94 % der Fälle alle Eier abgelegt. Es wäre
wünschenswert, eine Kombination leicht zu nutzender Arzneimittel zu finden,
die eine höhere Erfolgsrate nach der Erstinjektion erzielen, insbesondere
für Arten, für die bekannt ist, dass sie nicht auf Oxytocin reagieren.
Auch wenn nur wenige Tiere (13) involviert waren, so scheint sich die
Kombination von Ketamin und Oxytocin als effektiver als Oxytocin alleine
herauszustellen. Als signifikant negativer Effekt der Oxytocingabe wurde
beobachtet, dass die behandelten Schildkröten in den folgenden Tagen bis
Wochen Nistverhalten zeigten. Dieser Nebeneffekt könnte das Risiko der
Prädation oder eines Traumas bei wild lebenden Schildkröten nach der
Behandlung mit Oxytocin erhöhen. Das könnte durch die Verwendung einer
mehr physiologischen Arzneimittelkombination anstatt der alleinigen Gabe von
Oxytocin zur Induzierung der Eiablage verhindert werden. Die natürliche
Eiablage ist komplex und beinhaltet zumindest die Interaktion von den peripheren
beta-adrenergen Neuronen, AVT, und Prostaglandin F-2 Alpha (PGF). Andere, mehr
physiologische Annäherungen, die Eiablage einzuleiten, könnten auch
dadurch erreicht werden, indem man Beta-adrenergic Blocker zusammen mit Oxytocin
oder PGF, von PGF und Oxytocin, von PGF und Ketamin oder von Oxytocin und
Ketamin verabreicht.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Mich wundert schon, warum man hier nicht auch eine Vorbehandlung mit
Kalziumpräparaten vor der Oxytocingabe in Erwägung zieht, denn
hierzulande gibt es damit schon gute Erfahrungen. Zudem muss man sich fragen,
warum waren bei einem gewissen Prozentsatz der Individuen keine
vollständigen Eiablagen zu erzielen? Legenot, die den Einsatz solcher
Mittel erforderlich machen, können auch durch Vorerkrankungen der
Muttertiere zustande kommen, so dass es nicht auszuschließen ist, dass je
nach Vorschädigung der Weibchen die eine Behandlung besser und
vollständiger verläuft als die bei einem anderen Tier, das vielleicht
schon insgesamt geschwächter ist. Im letzteren Fall wäre es sehr
fraglich, ob weitere Kombinationsmöglichten die Ergebnisse verbessern
würden, denn je mehr Medikamente kombiniert werden, desto größer
könnten auch die Nebenwirkungen für die Stoffwechsel- und
Ausscheidungsorgane wie Leber und Niere werden. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein
entsprechender experimenteller Ansatz. Die Beobachtung, dass manche
Oxytocin-behandelte Weibchen selbst Tage später noch Grabbewegungen machen
kann durchaus verschiedene Gründe haben. Zum einen kann die Oxytocindosis
zu hoch gewesen sein oder die Umgebungstemperatur nach der Behandlung so
ungünstig gewesen sein, dass die Oxytocinmenge eben nicht schnell genug
abgebaut werden konnte und deshalb noch wirkt. Dass Medikamente in
Schildkröten eventuell langsamer abgebaut werden als in Säugern wurde
schon mehrfach gezeigt (s, Jacobson, E., R. Gronwall, L.
Maxwell, K. Merrit & G. Harman (2005): Plasma concentrations of
enrofloxacin after single-dose oral administration in loggerhead sea turtles
(Caretta caretta). – Journal of Zoo and Wildlife Medicine 36 (4):
628-634 oder WiF-Archiv). Zum zweiten gibt es auch
die Möglichkeit, dass man eine solche Eiablage auch mal zu früh
induziert hat und das betroffene Weibchen eben einige Zeit später ihrem
endogenen Rhythmus folgend noch eine zusätzliche eigene
Oxytocinausschüttung aus der Neurohypophyse macht, die dann nachfolgend
Grabbewegungen zu dem Zeitpunkt induzieren würden, wo das entsprechende
Tier eventuell auf natürliche Weise abgelegt hätte. Man muss also auch
nicht in jedem Fall Nach- bzw. Nebenwirkungen vermuten, bloß weil man bei
Säugetieren einen solches Verhalten nach Auslösung von Wehen nie
beobachtet hat. Bei Säugetieren wirkt aber das nach der Geburt
ausgeschüttete Oxytocin auf die glatten Myoepithelzellen der
Milchdrüsen und fördert den Milchfluss, bei Reptilien mag es aus
Mangel an Milchdrüsen vielleicht nur die Möglichkeit geben, dass das
ausgeschüttete Oxytocin eben Eileiterkontraktionen und über das
Nervensystem Grabbewegungen induziert, bis es von der Leber vollständig
abgebaut ist. Zudem sollte man, wenn man wirklich Oxytocin zum richtigen
Zeitpunkt und mit maximaler Wirkung einsetzen möchte, vielleicht vorher den
Progesteronspiegel der Weibchen prüfen. Progesteron ist der physiologische
Gegenspieler von Oxytocin und verhindert zum Beispiel ein unphysiologisch
frühes Einsetzen der Muskelkontraktionen. Da beim normalen physiologischen
Ablagegeschehen bei allen bislang untersuchten Tieren immer vor der
Oxytocinausschüttung die Progesteronproduktion eingestellt wird,
könnte einem die Überprüfung des Progesteronspiegels durchaus ein
Indiz dafür liefern, wann Oxytocingaben sinnvoll wären. Sicher, in der
Praxis kosten solche Titerbestimmungen Geld und sind nicht überall sofort
durchführbar, aber bei wertvollen bzw. seltenen Tieren wäre ein
solches Vorgehen in einer gut ausgestatteten Tierklinik sicher sinnvoller als
mit bislang nie richtig ausgetesteten Medikamentenkombinationen wie Oxytocin und
Ketamin (Anästhetikum) zu experimentieren.
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