Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 13.09.2009
Ferguson G. W., A. M. Brinker, W. H. Gehrmann, S. E.
Bucklin, F. M. Baines & S. J. Mackin (2009): Voluntary Exposure of
Some Western-Hemisphere Snake and Lizard Species to Ultraviolet-B Radiation in
the Field: How Much Ultraviolet-B Should a Lizard or Snake Receive in Captivity?
– Zoo Biology, DOI: 10.1002/zoo.20255.
Frei gewählte UVB-Strahlungsexposition von einigen
Schlangen- und Echsenspezies im Freiland: Wie viel Ultraviolett B sollte eine
Echse oder Schlange in Gefangenschaftshaltung erhalten?
Studien zur frei gewählten Exposition in der UVB Strahlung der Sonne
(Sonnenexposition) im Freiland wurden in den südlichen USA und auf Jamaika
bei 15 Arten von Echsen und Schlangen durchgeführt, die unterschiedliche
Habitate besiedeln. Die verschiedenen Spezies wurden vier Zonen mit
unterschiedlichen UVB Strahlungsintensitäten zugeteilt, welche von einem
mittleren UV-Index von 0,35 für die Zone 1, bis zu 3,1 für die Zone 4
reichten. Wir präsentieren hier Richtlinien für die UVB-Exposition bei
Gefangenschaftshaltung für die untersuchten Spezies, aber auch für
andere Spezies, für die bekannt ist, dass bezüglich der
Sonneneinstrahlung ähnliche Habitate bevorzugen. Die erhobenen Messdaten
wurden für alle Arten während der Mittagszeit und während der
Frühjahrsfortpflanzungssaison erhoben, einer Zeit, für die bekannt
ist, dass die Sonnenexposition der Tiere maximal ist. Bei zwei Arten der Gattung
Sceloporus, die noch eingehender untersucht wurden, zeigten sich
signifikante Unterschiede in Bezug auf die Sonnenexposition in Abhängigkeit
von Tageszeit und zwischen den verschiedenen Jahreszeiten. Daraus wurde auch
klar, dass Ganztagesstudien über die gesamte Aktivitätsperiode einer
Spezies notwendig sind, um ein umfassendes Bild bezogen auf das natürliche
Expositionsmuster (Verhalten) für eine bestimmte tagaktive Reptilienart zu
erhalten. Die Umgebungs- und Körpertemperatur und die notwendige
Thermoregulation sowie der UVB/Vitamin-D-Photoregulationsmechanismus
beeinflussen die UVB- Exposition. Regressionen werden vorgestellt, die es
erlauben, die Messdaten umzurechnen, die man mit verschiedenen Detektoren
unterschiedlicher Sensitivität erhält. Daten, die man im
natürlichen Sonnenlicht misst, lassen Vorhersagen über das
Vitamin-D-Synthesepotential zu, die direkt vergleichbar sind mit Messdaten, die
man unter künstlichen Lichtquellen erhält, die eine vergleichbare
Lichtwellenlängenverteilung zum Sonnenlicht aufweisen.
Forschungsansätze zur Erweiterung unseres Wissens über die Vitamin-D-
und UVB-Bedürfnisse squamater Reptilien in Tierhaltungen werden diskutiert.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Auch diese Arbeit belegt in eindrucksvoller Weise die Notwendigkeit der
UVB-Exposition bei Reptilien und wie sie diese artspezifisch, je nach
Lebensraumanpassung und ökologischer Einnischung nutzen. Auch den Verweis,
dass eine besonders intensive Exposition und Regulation während der
Reproduktionsphasen erfolgt, sollte man hier zur Kenntnis nehmen.
Diese Ergebnisse rufen möglicherweise – genau wie der informative
Vortrag von
Sarina Wunderlich am 06.09.2009 bei der
DGHT Nachzuchttagung – erneut Diskussionen hervor, wie zuverlässig
Messgeräte zur UVB Messung überhaupt sein mögen. Da jedoch die
Autoren der Arbeit auch die Vitamin-D-Syntheserate bestimmt haben, ist der
Zusammenhang eindeutig belegt (s. dazu auch
Karsten
et al. 2009 oder
WIF-Archiv). Insofern liegt hier
ein wichtiger Beitrag zur Haltungsoptimierung von Reptilien,
einschließlich der Schildkröten, vor.
Was bei dieser Arbeit auch noch einmal herausgestellt wird – und ebenso im
Vortrag von Frau
Wunderlich zum Ausdruck kam
– ist die Temperaturabhängigkeit der Vitamin-D-Synthese in der
Reptilienhaut. Dieser wichtige Faktor wurde schon von
Tian et al. (1994) beschrieben. Und ohne mich
selbst rühmen zu wollen, hatte ich diese Daten zusammen mit eigenen schon
1995 bei der fünften AGARK Tagung in Frankfurt vorgetragen und schriftlich
abgefasst (
Bidmon 1995). Dennoch ist das leider
offensichtlich immer noch nicht überall bekannt. So verbreitet
Köhler (2009) die unsinnige Empfehlung, junge
Schildkröten lieber auch bei kalten Umgebungstemperaturen zur Vitamin
D-Synthese in die Sonne zu stellen, anstatt eine entsprechende Lampe im
entsprechenden Abstand und Temperaturgradienten zu nutzen.
Nicht viel besser scheint es aber auch Tierärzten zu ergehen, denn in der
aktuellen Marginata 6(3), S. 4 liest man einen Kommentar
(
Biron 2009) zu einer der oben zitierten Arbeiten
(
Karsten et al. 2009), in dem Herr
Biron klar zum Ausdruck bringt, dass oral
verabreichtes Vitamin D anscheinend nicht wirkt. Wenn dem so wäre, warum
sollte man es dann überdosieren können? Außerdem berichtet ja
die dort kommentierte Arbeit von
Karsten et al.
(2009) gerade, dass in diesem Fall Chamäleons oral mit dem Futter
aufgenommenes Vitamin D anscheinend wahrnehmen können, und wenn sie oral
genug haben sich nicht noch zusätzlich übermäßig der Sonne
aussetzen. Also einen besseren Beleg für die Wirksamkeit von oral
aufgenommenem Vitamin D bei Reptilien kann man sich gar nicht vorstellen. Kann
da jemand nicht lesen oder sich von veralteten als falsch erkannten
Pseudoerkenntnissen freimachen?
Der einzige wirkliche Vorteil der UVB induzierten Vitamin D Synthese besteht
darin, dass es in keinem Fall zu einer Überdosierung kommt, weil vom
Blutkreislauf nicht schnell genug abtransportiertes Vitamin D in der Haut unter
UVB-Strahlung weiter in unwirksame und nicht toxische Metabolite umgewandelt
wird (siehe
Bidmon 2001 und die dort zitierte
Literatur). Sollte also der Informationsfluss, der eigentlich der Weiterbildung
und Fehlervermeidung dienen sollte, so langsam und mangelhaft sein, dass selbst
die Editoren solcher Journale nicht in der Lage sind, Falsches von Wahrem zu
unterscheiden und somit nur dazu beitragen, Unwahrheiten und
Fehleinschätzungen zu verbreiten, muss man sich fragen ob ein Verzicht auf
das Abdrucken solcher Texte nicht besser gewesen wäre. Denn so können
diese Informationen eher den Pfleglingen schaden als nützen. Da lobe ich
mir dann doch lieber solche Arbeiten, wie die oben angeführte oder einen
ehrlichen Vortrag einer jungen Diplom-Physikerin, die vielleicht nicht so viel
über das wahre Leben von Reptilien weiß, die aber zumindest den
messbaren Spektrenbereich der einzelnen Messgeräte und der Lampen richtig
vorstellt. Ansonsten kann ich nur appellieren das Niveau gedruckter Information
nicht auf unrecherchiertes, privates „online“ Diskussionsniveau
absinken zu lassen!
Literatur
Bidmon, H.-J. (1995): 1,25-Dihydroxyvitamin D3
rezeptive Organe in Amphibien und Reptilien: Hinweise auf multiple endokrine und
neuroendokrine Funktionen von Vitamin D. – Protokolle der 5. Tagung der
AGARK der DGHT Frankfurt. DGHT-Schriftensammlung, Rheinbach S. 1-9.
Bidmon, H.-J. (2001): Regulation der Ruhephasen bei
Schildkröten: Was ist bekannt und welche Konsequenzen ergeben sich für
die erfolgreiche Haltung? – Radiata, Haan, 10 (4): 3-19.
Biron, K. (2009): Marginata 6 (3) S. 4
Karsten, K. B., G. W. Ferguson, T. C. Chen & M. F.
Holick (2009): Panther Chameleons, Furcifer pardalis, Behaviorally
Regulate Optimal Exposure to UV Depending on Dietary Vitamin D-3 Status. –
Physiological and Biochemical Zoology 82 (3): 218-225 oder
WiF-Archiv.
Köhler, H. (2009): Spektrum: Temperatur- und
UVB-Messungen an europäischen Landschildkröten im natürlichen
Mikrohabitat. – Minor 8 (3): 20-30.
Tian, X. Q., T. C. Chen, & M. Allen (1994):
Photosynthesis of previtamin D3 and its isomerisation to vitamin D3 in the
Savanna monitor lizard. – S. 893-894 in:
Norman, A.
W., R. Bouillon, M. Thomasset & W. de Gruyter (Hrsg.): Vitamin D a
pluripotent steroid hormone: Structural studies, molecular endocrinology and
clinical applications. – Berlin, Germany.
Wunderlich, S. (2009): UVB-Beleuchtung im Terrarium
DGHT – Nachzuchttagung (Karlsruhe) Zusammenfassungen S. 27-28
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