Wissenschaft im Fokus
Fleming G. J. (2008): Clinical Technique:
Chelonian shell repair. – Journal of Exotic Pet Medicine 17 (4): 246-258.
Klinische Technik: Schildkrötenpanzerreparatur
Tausende von wild lebenden Sumpfschildkröten und Landschildkröten
werden während eines Jahres durch Autos verletzt, wobei die meisten wohl
ums Leben kommen. Etliche der Schildkröten, die solche Unfälle
überleben, werden zu den Stationen von Wildhütern und Veterinären
gebracht. Viele Schildkröten werden älter als 50 Jahre und deshalb
kann der Tod adulter Tiere große Auswirkungen auf die Reproduktionsraten
und die Populationsdichten der betroffenen Schildkrötenspezies haben. Das
Management einer Panzerfraktur und Reparatur bei in Gefangenschaft gehaltenen
und wild lebenden Schildkröten ist nicht kompliziert, allerdings ist es
meist ein länger andauernder Prozess. Mit ein paar Teilen des
veterinärmedizinischen Equipments wie Verbandsmaterial, Antibiotika,
Analgetika (Schmerzstiller) und ein paar Monaten der Rehabilitation kann jeder
Tierarzt Panzerfrakturen erfolgreich bei Schildkröten behandeln. Obwohl die
meisten Techniken zur Behandlung wild lebender Schildkröten entwickelt
wurden, können sie natürlich auch zur erfolgreichen Behandlung von
Verletzungen bei in Gefangenschaft gehaltenen Schildkröten eingesetzt
werden.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Hierbei handelt es sich um eine sehr interessante und ausführliche
Arbeit und ich möchte fast sagen, der Autor hat das Abstract in einer sehr
bescheidenen Art formuliert, denn diese 13 Seiten umfassende Arbeit enthält
neben den hilfreichen und erklärenden Abbildungen wirklich viele Aspekte
auch für die komplizierteren Frakturen wie Mehrfach- bzw.
Mosaikbrüche. Dennoch macht der Autor in seiner bescheidenen praktischen
Art deutlich, dass eine der wichtigsten Voraussetzung gute klimatische und
Haltungsbedingungen sind, welche die Selbstheilungskräfte der Tiere
unterstützen. Letzteres kann man nur unterstreichen. Denn wer kennt sie
nicht, die Bilder aus den natürlichen Biotopen unserer Europäischen
Landschildkröten, die man dort nicht selten auch mit ausgeheilten alten
Panzerverletzungen findet, die wohl auch ohne jedes Zutun eines Tierarztes, wenn
auch nicht immer kosmetisch perfekt, verheilt sind, weil die Schildkröten
eben in einer „optimalen“ Umwelt (Heimat) alles hatten, was zur
Genesung von Nöten war. Gerade bei diesen unterstützenden
Maßnahmen muss man hierzulande leider oft erleben, dass selbst sich als
reptilienerfahrene Tierärzte ausweisende (vielleicht Anfänger)
Praktiker versagen, allein aus einem Mangel an Artenkenntnis – geschweige
denn, dass ausreichende Kenntnisse zur Physiologie bzw. Biochemie der
betroffenen Spezies vorliegen, obwohl Letzteres fast schon eine unabdingbare
Voraussetzung für den Einsatz von Medikamenten ist. Hier muss man
allerdings auch zugeben, dass für die so genannten Exoten eben noch sehr
wenig bekannt ist, aber selbst das Wenige, was bekannt ist, wird nicht selten
übersehen oder ignoriert (siehe Perpinan, D., S. M.
Hernandez-Divers, K. S: Latimer, T. Akre, C. Hagen, K. A. Buhlmann & S. J.
Hernandez-Divers (2008): Hematology of the Pascagoula map turtle
(Graptemys gibbonsi
) and the southeast Asian box turtle
(Cuora amboinensis
). – Journal of Zoo and Wildlife Medicine 39:
460-463 oder WiF-Archiv). Sofern die Halter dann
ihre Tiere noch zuhause versorgen können, mag es noch gehen, da die meisten
sich wohl um optimale Haltungsbedingungen für ihre speziellen Pfleglinge
bemühen, aber was, wenn die Schildkröten in der Praxis verbleiben
sollen?
Kommen wir aber noch einmal kurz zurück zum Inhalt der Arbeit, die mit
einem Kapitel zur Diagnose beginnt, dann unter dem Untertitel „Exzellente
Prognose“ die Fälle schildert, die gut behandelbar sind. Diese
Beschreibung der Befundung setzt sich mit folgenden Untertiteln fort:
„Gute Prognose“, „Faire Prognose“, „Betreute
Prognose“ (Fälle mit weit offener Bauchhöhe) und
„Grabprognose“ (Euthanasie; mehr als ein Drittel des Panzers ist
nicht mehr vorhanden, etc.). Nach den Diagnoseeinteilungen folgen die Kapitel:
„Initiale Behandlung“ und „Schmerzbehandlung“, gefolgt
von einer Listung von Medikamenten, deren Dosierung, Verabreichung und
Anwendungsdauer mit anschließenden Kapiteln
„Flüssigkeitstherapie“ (zur Vermeidung von Dehydration),
„Antibiotika Behandlung“, (einschließlich begleitender
Vorsichtsmaßnahmen), „Wundversorgung“, „Reinigung und
Spülung“ (verletzter Bereiche, sterile Versorgung),
„Vakuumunterstützter Wundverschluss“, ein extra Abschnitt zur
Versorgung „Aquatischer Schildkröten“ sowie
„Unterstützende Ernährung“, „Anästhesie und
Überwachung“, „Medikamentenauswahl“,
„Radiologisches Imaging“ (Röntgen, Magnetic Resonance Imaging,
MRI), „Frakturfixation“, „Epoxy“ (Wundverschluss mit
Kunstharz), „Externe Fixierung“ (Fixierung gebrochener Panzerteile
von außen), „Entfernung von externen Fixateuren“ und
Zusammenfassung. (Wie gesagt, das ganze durchaus auch noch anschaulich
bebildert). Den Schluss bildet das Referenzverzeichnis, in dem, so bedauerlich
es sein mag, kein deutscher Beitrag zu finden ist und das nicht, weil der Autor
sich nicht die Mühe gemacht hätte, danach zu suchen, denn eine
Doktorarbeit aus der Veterinärmedizin der Universität Zürich
wurde durchaus für so wesentlich erachtet, dass sie zitiert wird.
Allerdings braucht einen Letzteres auch nicht sonderlich zu verwundern, denn
unsere reptilienerfahrenen Tierärzte hüten ihre Geheimnisse unter dem
Deckmantel der DGHT-AGARK unter Ausschluss der Öffentlichkeit und aller
anderen Mitgliedsbeitragszahler, obwohl die Angestellten der
Geschäftsstelle der DGHT, die die Tagungszusammenfassungen abfassen und
bearbeiten, von den Mitgliedsbeiträgen aller getragen werden. Auch die
Leiterin der DGHT-AGARK wird als Mitarbeiterin der DGHT-Geschäftsstelle
wohl ihre Arbeitszeit und Dienstreisen allen Mitgliedern der DGHT in Rechnung
stellen und nicht der AGARK (Sicher mögen manche sagen, das tut sie auch
für andere Arbeitsgemeinschaften, aber alle anderen Arbeitsgemeinschaften
tagen auch öffentlich und leisten somit einen Beitrag zur Weiterbildung
aller DGHT-Mitglieder!) Zudem scheinen unsere Tierärzte viel Zeit damit zu
verbringen, anderen, die mal eine Panzerfraktur erfolgreich ausgeheilt haben und
dies veröffentlichen, um Möglichkeiten zur erfolgreichen Behandlung
aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen, Fehler zu unterstellen, anstatt sich
selbst die Mühe zu machen, einmal etwas ähnlich Fundiertes, das nur
annähernd der oben angeführten Arbeit entsprechen würde, zu
publizieren. Denn dann wüsste man als Terrarianer wenigstens, an wen man
sich im Bedarfsfall beruhigt wenden könnte. Siehe Anmerkungen der
Arbeitsgruppe Amphibien- und Reptilienkrankheiten zum Artikel „Behandlung
einer schweren Panzerfraktur bei einer griechischen Landschildkröte
(Testudo hermanni boettgeri
)“ Autor Gerhard
Jennemann „Schildkröten im Fokus“ 3/08 publiziert in
elaphe
16 (2008) Heft 4, Seiten 30-32. Gerhard
Jennemann verfügt aus gegebenem Anlass über eine Genehmigung
zur Sektion, führt selbst Einweisungen zur Sektion von Reptilien für
interessierte Studenten der Veterinärmedizin der Universität
Gießen durch und ist weiß Gott kein Anfänger für und in
Röntgendiagnostik – auch bei Reptilien. Die besten
Röntgenaufnahmen für anatomische Zwecke von Reptilien und Amphibien,
die ich kenne, stammen von ihm, insbesondere weil er dafür in der Regel ein
Gerät zur Mammographie benutzt, was gerade bei kleinen Individuen eine
wesentlich feinere Auflösung bietet, als alles was man an
Röntgengeräten in den meisten Veterinärpraxen zu sehen bekommt,
wo es im Fall von Exoten manchmal auch noch an der Handhabung mangelt. Dass man
in manchen Notfällen nicht immer auf ein solches Gerät
zurückgreifen kann, ist klar und auch die oben angeführte Arbeit von
Fleming beschreibt zwar die radiologische
Diagnostik, verweist aber darauf, dass sie nicht unbedingt vor der
Erstversorgung erfolgen muss und dass sie eigentlich nur dann von Anfang an
zwingend geboten ist, wenn die Panzerfraktur den Bereich der Wirbelsäule
mit einschließt, weil hier eben von Anfang an abzuklären ist, wie
stark das Rückenmark verletzt ist und wie man bei der Frakturbehandlung
vorzugehen hat, um eine Rückenmarksbeeinträchtigung so gering wie
möglich zu halten, da die Schildkröte andernfalls eine dauerhafte
Querschnittslähmung davon trägt. Gerhard
Jennemann hat, da er nicht selbst vor Ort war, den Besitzer gebeten, die
entsprechenden Röntgenaufnahmen und Behandlungen in einer Tierarztpraxis
durchzuführen. Die betreffende Tierärztin, die sich zwar selbst als
nicht reptilienerfahren bezeichnet, ist eine Studienkommilitonin einer der
unterzeichnenden Tierärztinnen des AGARK-Beirats, gleiche Universität
fast identischer Jahrgang und hat laut eigenen Aussagen im Studium eben an
dieser Hochschule nichts von der Behandlung von Reptilien im offiziellen Studium
vermittelt bekommen. Ein Ausbildungsschwachpunkt, der auch heute noch bei
Durchsicht der Curricula (Lehrpläne) der meisten deutschen
Universitäten besteht. Insofern kann man den unterzeichnenden
Veterinären nur anerkennend zugestehen, sich eben selbst im Bereich
Reptilien- und Amphibienmedizin weiter qualifiziert zu haben. Die Standards
solcher bislang selbst initiierter Weiterbildungen sind allerdings nirgends
festgelegt oder evaluierbar, zum Teil auch deshalb, weil man innerhalb der
entsprechenden Verbände bislang keine Themenkataloge erarbeitet und
veröffentlicht hat, die im Sinne einer Ausbildung und qualifizierten
Nachwuchsförderung dienen könnten. Allerdings was mich selbst als
nicht direkt betroffenen Leser solch einer Anmerkung der Arbeitsgruppe
Amphibien- und Reptilienerkrankungen verwundert, ist die Anmaßung, einer
approbierten Veterinärmedizinerin (Fachkollegin), die so ehrlich ist
zuzugeben, dass sie sich mit der Behandlung von Reptilien nicht gut auskennt,
auch gleich zu unterstellen, dass sie erstens nicht röntgen kann, und
zweitens keine Röntgenbilder mit diagnostizieren kann. Oder meinen Sie,
dass eine Tierärztin, wenn sie anderer Meinung als Herr
Jennemann gewesen wäre, diese nicht
geäußert und danach gehandelt hätte, zumal dies alles in ihrer
Praxis und unter ihrer Überwachung passierte? Sie verfügt über
ein digitales Röntgengerät und der einzige Fehler, der vielleicht von
Gerhard Jennemann als Autor gemacht wurde, war,
dass er nur von einem Röntgenbild geschrieben hatte, obwohl laut
entsprechender Aussagen mehrere gemacht wurden (Allerdings welchem Leser der
Schildkröten im Fokus hätte es genutzt zu wissen, dass 3 von
Nöten sind, denn wie Gerhard Jennemann im
letzten Abschnitt seines Berichts ausführt, sollte man auf das Röntgen
keinesfalls verzichten, weil man am falschen Ort sparen will und weil wohl jeder
Terrarianer zwecks einer Röntgendiagnostik einen Arzt oder Tierarzt
aufsuchen muss, werden diese Fachkollegen doch dafür Sorge tragen, dass
eine entsprechende Anzahl aussagekräftiger Bilder für die
Diagnoseabsicherung gemacht werden. Wo liegt da der Fehler? Da ich
Gerhard Jennemann gut kenne und weiß, dass er
einen Hang zur Einfachheit auch bei schwierigeren Themen hat, was ihm die
Studierenden bei den Histologiefortbildungen auch meist durch volle
Hörsäle honorieren, denke ich fast, er hat es einfach in diesem Sinne
nicht weiter erwähnt). Auch wird hier unterstellt, dass Kittharz
zeitlebens im Körper der Schildkröte verbleibt und Alkohol zur
Desinfektion nur denaturiert und austrocknet. Bezüglich der Eignung des
Kittharzes empfehle ich die oben angeführte Arbeit, und bezüglich der
Verwendung von Alkohol wie auch von Wasserstoffperoxidlösungen während
operativer Eingriffe selbst am Menschen empfehle ich einmal die praktische
Teilnahme am Operationsgeschehen in einer deutschen Klinik. Über die
Verwendung von Propolis in der klassischen Medizin und Homöopathie
erübrigt sich jegliche Diskussion, das kann jeder genauso gut bei
Wikipedia nachlesen. Wer sich nun noch aus eigenem Interesse über das
Wohlergehen der behandelten Griechischen Landschildkröte erkundigen
möchte, der wende sich doch an den Besitzer Herrn
Axel Prutz in Braunfels (der der Namensnennung
übrigens ausdrücklich zugestimmt hat, frei nach dem Motto, wer nichts
zu verbergen hat, braucht sich vor Kritik nicht zu fürchten, oder frei nach
Paracelsius „Wer heilt, hat Recht“).
Ich denke, man sollte solche Arten der Diskussionen nicht ausufern lassen, denn
wie heißt es so schön in der Bibel: „Der von Euch, der ohne
Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ und ich denke, wenn man sich mal
wirklich die Mühe macht, auch die Fehler reptilienerfahrener
Tierärzte/innen zu sammeln und auch in ihren Publikationen zu suchen, dann
könnte man so manche auch schwerer wiegende Kritik anbringen. Ich
würde da lieber vorschlagen, im Sinne der Gesunderhaltung unserer
Pfleglinge besser zusammenzuarbeiten, als sich gegenseitig zu beharken!
Siehe auch: Mathie, R. T., L. Hansen, M. F. Elliott &
J. Hoare (2007): Outcomes from homeopathic prescribing in veterinary
practice: a prospective, research-targeted, pilot study. – Homeopathy 96
(1): 27-34 oder WiF-Archiv, oder zur Histologie,
Jennemann, G., Wettlaufer, M. & Bidmon, H.-J.
(2006): Interesting features of Nutritional Secondary Hyperparathyroidism in two
young Greek Tortoises (Testudo graeca graeca
). – Exotic DVM
Veterinary Magazine 8 (1): 15-20 oder WiF-Archiv.
So nun bleibt mir zum Schluss notgedrungen noch ein Verweis in eigener Sache
nicht erspart, denn ich habe mich mit diesen Ausführungen etwas „in
die Nesseln gesetzt“, da ich mir erlaubt habe, in nicht ganz unkritischer
Art und Weise doch einmal die Bezeichnung DGHT außerhalb einer
DGHT-Zeitschrift öffentlich zu äußern. Sollte dies nun wie in
letzter Zeit gehäuft zu beobachten (siehe DGHT-Homepage/News vom
05.12.2008) zur Beendigung meiner mehr als 20-jährigen Mitgliedschaft
führen, keine Angst ich werde nicht mit anwaltlicher Unterstützung
darum kämpfen, denn es lohnt sich zwar für Demokratie,
Meinungsfreiheit und die Freiheit zur artgerechten und tierschutzkonformen
Tierhaltung und Tiergesunderhaltung (auch innerhalb einer für
Verbesserungen offenen DGHT) zu kämpfen, keinesfalls aber für Zensur
und einseitigen Verbandslobbyismus.
Im Übrigen sollte es, wie ich hoffe, die DGHT-AG Literatur/Geschichte auch
noch in 50 oder 100 Jahren geben, freue ich mich jetzt schon mal (in weiser
Voraussicht, dass ich mir bis dahin die Radieschen von unten anschauen kann) auf
süffisant ausformulierte Referate (a la Prof. Fritz
Jürgen Obst) über diese schriftlich festgehaltenen
zeitgeschichtlichen Possen „Deutscher Herpetologie und
Terrarienkunde“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
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