Wissenschaft im Fokus
Fong, J. J., J. F.
Parham, H.
Shi, B. L.
Stuart & R. L.
Carter (2007): A genetic survey of heavily
exploited, endangered turtles: caveats on the conservation value of trade
animals. – Animal Conservation 10 (4): 452-460.
Eine genetische Erhebung stark ausgebeuteter, bedrohter
Schildkröten: Herausstellen des Erhaltungswerts gehandelter Tiere
Asiatische Schildkröten stehen kurz vor der Ausrottung, so dass es
notwendig ist, dass die Systematik eine akkurate Bestimmung der Artenvielfalt
liefert, um die Erhaltungsmaßnahmen effektiv anzuleiten. Wir untersuchten
deshalb die Unterschiede in der mitochondrialen und nukleären DNS (mtDNS
und nuDNS) des stark gehandelten
Mauremys mutica Komplexes, einer Klade
von asiatischen Schildkröten, die die stark gefährdete
M.
mutica aus Japan, Taiwan, China und Vietnam, sowie die vom Aussterben akut
bedrohte
Mauremys annamensis aus Zentral-Vietnam beinhaltet. Wir
entdeckten mtDNS- und nuDNS-Variationen zwischen den Proben, die nicht mit der
derzeitig anerkannten Taxonomie übereinstimmen. Beide nuDNS und mtDNS Daten
lassen vermuten, dass
M. mutica paraphyletisch in Bezug zu
M.
annamensis ist. Überraschenderweise zeigt
M. annamensis eine
aus vorhergehenden Untersuchungen unbekannte mtDNS-Struktur in der Form von zwei
Kladen, die paraphyletisch zu
M. mutica sind. Diese Daten zeigen, dass
die derzeitig anerkannte Taxonomie des Mutica-Komplexes nicht der genetischen
Variabilität in unseren Proben entspricht. Unglücklicherweise basieren
viele erhaltungsorientierte Nachzuchtprogramme in Gefangenschaft auf Exemplaren,
die wie die hier untersuchten Exemplare aus dem Tierhandel stammen. Diese
Programme schließen schon Planungen mit ein solche aus dem Handel
geretteten Tiere nachzuzüchten und die Nachkommen dann wieder auszuwildern.
Da aber unsere genetischen Untersuchungen zeigen, dass die taxonomische
Identität solcher Tiere nicht der gefunden genetischen Variabiltät
entspricht, stellen wir die Effektivität dieser Nachzuchtprogramme in
Frage. Um nun die Frage der Arterhaltung anzugehen und um korrektere
Abschätzungen der evolutionären Linien innerhalb der Gattung
Mauremys abzuklären, empfehlen wir die Fortsetzung der Suche nach
wild lebenden Populationen des
Mutica-Komplexes, um neues genetisches
Material und zusätzliche Verbreitungsdaten zu erhalten. Ebenso sollten
Anstrengungen unternommen werden, (Vergleichs-) DNS aus konservierten
historischen Museumsexemplaren zu extrahieren, und zusätzlich sollte man
den Fokus der Arterhaltung weg von den Gefangenschaftsnachzuchten und hin zu den
noch vorhandenen wild lebenden Populationen und deren Habitaten richten.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Hier kann man den Autoren nur recht geben, wenn sie dafür
plädieren, die Erhaltung der noch wild lebenden Bestände in den
Vordergrund zu rücken, denn Gefangenschaftsnachzuchten haben nicht nur wie
hier das Problem, dass deren genetischer Hintergrund unklar ist, sondern dass
sie auch noch Veränderungen durch die Zuchtmethoden und der Zuchtauswahl
unterliegen und immer die Gefahr besteht, dass man bei Auswilderungsaktionen
auch Krankheitserreger mit verbreiten kann oder dass die gezüchteten Tiere
nicht mehr die Resistenz gegenüber den Krankheitserregern in den Biotopen
mit bringen, die ihnen ein Überleben ermöglichen würde (siehe
Spinks P. Q. & H. B. Shaffer (2007):
Conservation phylogenetics of the Asian box turtles (Geoemydidae,
Cuora
): mitochondrial introgression, numts, and inferences from
multiple nuclear loci. – Conservation Genetics 8 (3): 641-657 oder
WiF-Archiv). Allerdings gelten auch für diese
Arbeit die Anmerkungen wie sie zu der Arbeit von Nijman,
V. & C. R. Shepherd (2007): Trade in non-native, CITES-listed,
wildlife in Asia, as exemplified by the trade in freshwater turtles and
tortoises (Chelonidae) in Thailand. – Contributions to Zoology 76 (3):
207-211 oder WiF-Archiv vorgebracht wurden. Denn auch
die Empfehlungen in dieser Arbeit bergen das Potential, die noch verbliebenen
Vertreter des angesprochen Artenkomplexes noch schneller der Ausrottung
zuzuführen. Es sei denn, die Regierungen der Herkunftsländer dieser
Schildkröten und CITES könnten sich dazu entschließen, auch im
Vorfeld solcher Untersuchungen schon ganze Gattungs- bzw. Artenkomplexe unter
Schutz zu stellen und auf Anhang I zu listen. Aber wie gesagt, sowohl in den
Herkunftsländern als auch bei der CITES-Bürokratie ist damit wohl kaum
zu rechnen. Somit bleibt auch weiterhin die Frage, wie öffentlich sollte
diese Form des wissenschaftlichen Interesses diskutiert werden? Welche negativen
Konsequenzen sich für die Arten ergeben, wurde in einer Reihe von
Veröffentlichung klar hervorgehoben s. Stuart
et al. (2006): Scientific description can imperil species. Science 312: 1187;
Courchamp et al. (2006): Rarity value and species extinction: The anthropgenic
allee effct. – PLoS Biol. 4: e415 online und Nature und
Brook & Sodhi (2006): Rare species have to cope
not only with habitat loss, genetic bottlenecks and invasive competitors, but
also with a self-reinforcing cycle of human greed. This last threat has now been
dragged into spotlight. Nature 444: 555-557).
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