Wissenschaft im Fokus
Freedberg, S., R. M.
Bowden, M. A.
Ewert, D. R.
Sengelaub & C. E.
Nelson (2006): Long-term sex reversal by oestradiol
in amniotes with heteromorphic sex chromosomes. – Biology Letters 2 (3):
378-381
Langzeit Geschlechtsumwandlung durch Östradiol in
Amnioten mit heteromorphen Geschlechtschromosomen
Östradiolgaben während der Embryonalentwicklung bei Reptilien ohne
heteromorphe Geschlechtschromosomen führt zu einer Geschlechtsumwandlung
bei den männlichen Embryonen, so dass sie sich normal weiblich entwickeln.
Gleiches geschieht aber nicht bei Vögeln und Säugetieren, die
heteromorphe Geschlechtschromosomen haben. Bislang ist es unbekannt, ob es
während der Evolution heteromorpher Geschlechtschromosomen in Amnioten zu
einer gleichzeitigen Unempfindlichkeit gegenüber Östradiol kam oder ob
die Assoziation zwischen Östradiolunempfindlichkeit und heteromorphen
Geschlechtschromosomen auf phylogenetischen Unterschieden zwischen den Taxa
beruht. Schildkröten stellen ein ideales System dar, um die potentielle
Beziehung zwischen Östradiolunempfindlichkeit und
Geschlechtschromosomheteromorphie zu studieren, denn es gibt Spezies mit
heteromorphen Geschlechtschromosomen, die den Spezies verwandtschaftlich sehr
nahe stehen, die keine heteromorphen Geschlechtschromosomen ausprägen. Wir
untersuchten diese Beziehung und Langzeiteffekte für die
Geschlechtsbestimmung anhand von Gaben von Östradiol-17 beta bei
Staurotypus triporcatus und
Staurotypus salvinii, zwei
Schildkrötenarten mit männlicher Heterogametie. Nachdem die
Schildkröten für drei Jahre im Labor aufgezogen worden waren, fanden
wir bei östradiolbehandelten Tieren eine follikuläre Morphologie und
Müllergänge, die identisch mit der von unbehandelten normalen Weibchen
war. Die anscheinend dauerhafte Geschlechtsumwandlung lässt vermuten, dass
der evolutionäre Übergang zwischen Systemen ohne heteromorphen zu
einem mit heteromorphen Geschlechtschromosomen nicht mit fundamental
unterschiedlichen Mechanismen bezüglich der Östradiolsensitivität
einherging.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine gute wissenschaftliche Fragestellung und eine klare experimentelle
Antwort (siehe auch Freedberg et al. 2006: Journal
of Herpetology 40 (1): 95-98 oder kommentiertes Abstract in
SiF 04/06).
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