Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 01.08.2010
Fritz, U., S. Gong, M. Auer, G. Kuchling, N. Schneeweiß & A.K. Hundsdörfer (2010): The world's economically most important
chelonians represent a diverse species complex (Testudines: Trionychidae: Pelodiscus). – Organisms Diversity & Evolution,
DOI 10.1007/s13127-010-0007-1.
Die ökonomisch wichtigsten Schildkröten der Welt repräsentieren einen diversen Artenkomplex
(Testudines: Trioychidae: Pelodiscus).
Pelodiscus ist eine der am weitesten verbreiteten Gattungen unter den Weichschildkröten, deren Verbreitungsgebiet vom
süd-östlichen Sibirien und Korea über das zentrale und südliche China bis nach Vietnam reicht. Aus ökonomischer
Sicht sind
Pelodiscus die wichtigsten Schildkröten der Welt, und sie werden seit Jahrhunderten in hohen Stückzahlen
gezüchtet und gehandelt, was dazu führte, dass zahlreiche Populationen auch außerhalb ihres ursprünglichen
Verbreitungsgebiets existieren. Derzeit werden mehr als 300 Millionen Schildkröten pro Jahr allein in China verkauft, wobei es sich bei
den meisten um in Farmen gezüchtete
Pelodiscus handelt. Durch ihre gute Verfügbarkeit ist
Pelodiscus auch zu
einem Modellorganismus für physiologische und embryologische Untersuchungen geworden. Allerdings ist die Diversität und Taxonomie
für
Pelodiscus nur unzureichend verstanden und eine umfassende Untersuchung unter Verwendung molekularbiologischer Techniken
wurde bislang nicht publiziert. Traditionell werden alle Populationen der Spezies
P. sinensis
(
Wiegmann, 1834) zugeordnet. Allerdings ergaben sich in den letzten Jahren Anhaltspunkte für drei Arten,
die von einigen Autoren anerkannt werden, während die meisten anderen immer noch alles zu
P. sinensis stellen. In dieser
Studie benutzten wir gehandelte Exemplare und Proben von Exemplaren mit exakter lokaler Herkunft aus Sibirien, China, und Vietnam und
analysierten 2.419 bp der mtDNS und ein 565-bp-langes Fragment des nukleären C-mos Gens, um deren genetische Diversität
aufzuzeigen und um die Daten mit jenen Sequenzdaten zu vergleichen, die von der Genbank stammen. Unsere Ergebnisse liefern Beweise für
die Existenz von mindestens sieben distinkten genetischen Linien und deuten an, dass es in den kommerziellen Zuchtfarmen zu einer deutlichen
Inzucht kommt. Die GenBank Sequenzen, die
P. axenaria (
Zhou, Zhang & Fang, 1991) zugerechnet
werden sind hochgradig distinkt. Die Validität für
P. maackii (
Brandt, 1857) aus dem
nördlichsten Teil des Verbreitungsgebiets wurde bestätigt. Im Gegenzug ist es unklar, welche Namen den verschiedenen Taxa
zugeordnet werden sollten, die in den zentralen und südlichen Teilen des Verbreitungsgebiets vorkommen. Die Diversität von
Pelodiscus mahnt zur Vorsicht bei der Benutzung dieser Schildkröten als Modellorganismen, denn die Benutzung von mehr als
einem Taxon könnte zu widersprüchlichen und nicht reproduzierbaren Ergebnissen führen. Zudem zeigen unsere Daten die
Notwendigkeit für eine neue Beurteilung des Erhaltungsstatus für
Pelodiscus. Da derzeit alle Taxa unter '
P.
sinensis' zusammengefasst werden, die von der IUCN auf der Roten Liste bedrohter Arten als gefährdet ('vulnerable') eingestuft
ist, könnte es sein, dass einige schon aktuell als stark bedroht oder hochgradig gefährdet eingestuft werden müssten.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Wie man im Artenschutz mit der Zuweisung dieser Schutzklassen umgehen sollte, wurde schon mehrmals unter den verschiedensten Aspekten
diskutiert (siehe
Turkozan et al. 2010). Ob nun wirklich physiologische oder embryologische wissenschaftliche
Daten so stark von diesen neu gefundenen abzugrenzenden Spezies beeinflusst werden, sei auch dahingestellt, denn letztendlich haben sich
Schildkröten trotz bekannter Artunterschiede als sehr robuste Studienobjekte erwiesen. Wenn wir aber z. B. auf die wissenschaftlich
exakte Bestimmung von Pivotaltemperaturen für die TSD-Typen schauen, ja dann kommt es dabei sowohl auf die Spezieszugehörigkeit an
als auch auf die Herkunft der Tiere, denn selbst auf Speziesebene hat eine
Clemmys guttata aus Kanada eine andere
Pivotaltemperatur als jene aus South Carolina, USA, und ebensolche Unterschiede dürften wohl auch zwischen den nördlichsten
P. maackii und den südlichsten
P. sinensis bestehen, wobei man aber getrost davon ausgehen kann, dass sie
während der Entwicklung kaum Unterschiede aufweisen und sehr ähnliche Embryonalstadien durchlaufen dürften. Was ich vor dem
aktuellen Hintergrund als eine sehr interessante Fragestellung in Bezug auf eine anthropogen beeinflusste aktuelle und zukünftige
Biodiversität ansehen würde, wäre die Abklärung wie sich die seit Jahrhunderten bestehende Zucht und Nutzung dieser
Schildkröten durch den Menschen auf die natürlichen Bestände ausgewirkt hat und auswirkt. Dabei meine ich weitweniger die
allseits bekannte Entnahmepraxis aus der Natur und die Bestandsreduzierungen, sondern vielmehr wie sich das auf die genetische
Differenzierbarkeit der Tiere in bestimmten Regionen des Verbreitungsgebiets ausgewirkt hat und auswirkt und ob es dabei zu
Veränderungen gekommen ist, die die Überlebensfähigkeit der Populationen negativ oder auch positiv beeinflusst haben.
Literatur
Turkozan, O., F. Kiremit, J. F. Parham, K. Olgun & E. Taskavak (2010): A quantitative reassessment of
morphology-based taxonomic schemes for Turkish tortoises (
Testudo graeca). – Amphibia-Reptilia 31 (1): 69-83 oder
WiF-Archiv.
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