Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 29.11.2009
Gong, S.-P., A. T. Chow, J. J. Fong & H.-T.
Shi (2009): The chelonian trade in the largest pet market in China:
scale, scope and impact on turtle conservation. – Oryx 43: 213-216.
Der Schildkrötenhandel auf dem größten
Tiermarkt in China: Ausmaß, Ausblick und Auswirkungen für den
Schildkrötenschutz.
China ist der größte Verbraucher von Schildkröten auf der Welt,
und der internationale Handel wurde als die größte Bedrohung für
asiatische Schildkröten bezeichnet. Im Markt für lebende
Schildkröten in China gibt es zwei Hauptrichtungen: Erstens für
Ernährung und für traditionelle chinesische Medizin und zweitens als
Haustiere einschließlich der Tiere, die von Buddhisten aus religiösen
Gründen ausgesetzt werden. Der Nahrungsmittelmarkt macht quantitativ
gesehen den größten Teil des Handels mit Schildkröten aus. In
den letzten Jahren hat allerdings der Haustierhandel dramatisch zugenommen. Der
Yuehe Haustiermarkt in Guangzhou ist der größte Haustiermarkt in
China, wo lebende Schildkröten und andere Tiere angeboten werden. Um die
potentiellen Auswirkungen des Handels mit Schildkröten zu verstehen,
unternahmen wir sieben Erhebungen auf dem Yuehe Haustiermarkt zwischen August
2006 und März 2008. Über 39.000 Individuen von zu 61 Arten
gehörenden Schildkröten wurden erfasst (19,1 % der global insgesamt
gehandelten 319 Arten). Fünfzehn (24,6 %) dieser Arten sind in China
einheimisch, und 46 (75,4 %) stammen aus anderen Ländern. Zwei Arten werden
als Grad II Schlüsselarten bezeichnet, die durch den Staat in China streng
geschützt sind. Achtunddreißig (62,3 %) der Arten sind bei CITES
gelistet (vier in CITES Anhang I, 26 in CITES II und acht in CITES III). Vier
der Arten sind auf der Roten Liste der IUCN Red List als vom Aussterben bedroht
(Critically Endangered), 16 als stark bedroht (Endangered) und 19 als
gefährdet (Vulnerable) eingestuft. Unsere Erhebungen verdeutlichen den
zunehmenden Schildkrötenbedarf und zeigen, dass der illegale Haustierhandel
sehr deutliche Auswirkungen in Bezug auf die Schutzbemühungen zur Erhaltung
der Bestände haben wird. Wir geben weiterhin Empfehlungen für
gesetzliche Regelungen und Strafverfolgung sowie für den Schutz.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Die Arbeit schildert zwar bedrohliche Zustände, aber waren oder sind wir in
den westlichen Industrienationen wirklich so viel besser? Siehe dazu
Ceballos & Fitzgerald (2004),
Rivalan et al. (2007) und
Türkozan et al. (2008).
Dennoch sind in China die Ausmaße halt zur Zeit noch etwas dramatischer,
nicht zuletzt, weil diese Art des Handels auch noch in der Öffentlichkeit
stattfindet. Aber ich denke, die Arbeit macht deutlich, dass China sich wandeln
will und das Problem erkennt. Dabei muss man den Chinesen gerechter Weise
zugestehen, dass sie mit alteingesessenen Traditionen in Bezug auf die
Ernährung, die Medizin und im Fall der Buddhisten mit der Religion zu
kämpfen haben, die sich nur schwer und langsam verändern lassen. China
könnte es aber noch schaffen, zumindest so lange sich die für die
Umsetzung der Schutzmaßnahmen verstärkt einsetzenden Politiker nicht
von demokratischen Wahlen abhängen (so leid einem diese Feststellung auch
tut). Allerdings dauert es meist ein bis zwei Generationen Traditionen
auszumerzen, und das sehen wir auch hierzulande. Denn so etwas gibt es auch in
Europa, denn auch hier kennt man immer noch alteingesessene, die sich vom
illegalen Import kaum trennen können, und manche – egal welche
Verdienste, sie sich in den Augen mancher Terrarianer als Tierbeschaffer
erworben haben mögen –, werden auch heute noch durch Ehrungen
dafür ausgezeichnet, anstatt dass man sich klar distanziert. Letzteres
sollte auch zum Nachdenken Anlass geben! Denn so passt man alte Traditionen ganz
sicherlich nicht an die aktuellen Notwendigkeiten an, weder bei uns noch in
China.
In Bezug auf die buddhistischen Praktiken siehe auch Kommentare zu:
Gong et al. (2009) oder
WiF-Archiv,
Morales Perez &
Serra (2009) oder
WiF-Archiv.
Literatur
Ceballos, C. P. & A. A. Fitzgerald (2004): The
trade in native and exotic turtles in Texas. – Wildlife Society Bulletin
32 (3): 881-892.
Gong, S., H. Shi., Y. Mo, M. Auer, M. Vargas-Ramirez, A.
K. Hundsdörfer & U. Fritz (2009): Phylogeography of the
endangered black-breasted leaf turtle (
Geoemyda spengleri) and
conservation implications for other chelonians. – Amphibia-Reptilia 30:
57-62.
Morales Perez, J. & A. S. Serra (2009): The
Quaternary fossil record of the genus
Testudo in the Iberian Peninsula.
Archaeological implications and diachronic distribution in the western
Mediterranean. – Journal of Archaeological Science 36 (5): 1152-1162.
Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall,
F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans
stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife
makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading
activity. – Nature 447: 529-530.
Türkozan, O., A. Özdemir & F. Kiremit
(2008): International Testudo Trade. – Chelonian Conservation and Biology
8 (2): 269-274.
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