Wissenschaft im Fokus
Guedes, R. M. C. & G. E.
Lavalle (2004): Hepatic cirrhosis in a red-foot
tortoise (Geochelone carbonaria). A case report. – Arquivo
Brasileiro de Medicina Veterinária e Zootecnia 56: 123-125.
Leberzirrhose bei einer Köhlerschildkröte
(Geochelone carbonaria). Eine Fallbeschreibung
Diese Beschreibung hat kein Abstract, deshalb hier eine kurze Zusammenfassung:
Die Autoren beschreiben einleitend die Formen von Lebererkrankungen bei
Schildkröten, die von subklinischen Symptomatiken mit erhöhten
Leberwerten bis zum akuten Leberversagen reichen können, wobei Gelbsucht,
zentralnervöse Beeinträchtigungen und sekundäre
Nierenerkrankungen auftreten können. Es wird dann von einer
Köhlerschildkröte berichtet, die wahrscheinlich aufgrund einer
Fehlernährung eine Leberzirrhose ausgebildet hatte. Es handelte sich um ein
30 jähriges Männchen, das nach den Angaben des Halters mit
Früchten wie Tomaten, Papaya, Wassermelone, Mango und auch sporadisch mit
Salat und Wasserkresse versorgt worden war. Die Nekroskopie zeigte ein
subkutanes Ödem und Ascites (Bauchwasser (sucht)), keine Fettablagerungen
unter der Haut oder in der Bauchhöhle und ein ausgezehrtes
Erscheinungsbild. Die Leber war kleiner als erwartet und bestand aus festen,
blassen bis gelben Knötchen von 0,3 bis 1 cm Durchmesser, wie in einer
Abbildung gezeigt wird. Das gesamte Organ war davon durchsetzt und normales
Lebergewebe war nicht mehr vorhanden. Histologisch war keine normale
Leberarchitektur nachweisbar, die Organoberfläche war irregulär und
die Knötchen waren von einer dicken fibrösen Bindegewebslage umgeben.
Makrophagen mit braun-pigmentierten Einschlüssen lagen in den Septen. Alle
im Zentrum der Knötchen liegenden Hepatozyten waren ausgeweitet und glichen
Lipid(Fett)tröpfchen, die Zellkerne waren geschrumpft. Letztendlich wurde
aufgrund der makroskopischen Befunde eine Leberzirrhose diagnostiziert.
Im Weiteren wird diskutiert, welche Faktoren bei Wirbeltieren eine Leberzirrhose
bedingen können, und dass ein Verschluss der Gallengänge zur schweren
Fetteinlagerung in den Leberzellen führt, und dass diese Diagnose durchaus
zumindest nach
Frye (1981) häufig bei Reptilien
zu stellen ist. Allerdings bevor der zirrhotische Endzustand erreicht wird,
findet man eine blass-gelbe, leicht angeschwollene Leber, die, wenn entnommen
und in Wasser gelegt, oben schwimmt. Die in diesen Arbeiten gegebenen
zytologischen Befunde konnten auch bei der hier sezierten
Köhlerschildkröte gefunden werden (siehe Abbildungen), so dass der
Schluss nahe liegt, dass es sich im vorliegenden Fall um eine sekundäre
Leberzirrhose infolge einer Leberzellverfettung handelt. Es gab keine sonstigen
Anzeichen einer Leberinfektion und es wurden keine anderen infektiösen
Erreger wie Parasiten, Bakterien, Pilze oder virale Einschlüsse
nachgewiesen. Auch eine Erkrankung des Herzens oder der Gefäße, die
dazu geführt haben könnten, waren auszuschließen. Obwohl es
nicht auszuschließen ist, dass metabolische Prozesse oder Gifte als
Auslöser in Frage kommen könnten, schließen die Autoren aber
aufgrund der Vorgeschichte und der beschriebenen Ernährung mit
ausschließlich Früchten und Gemüse und unter Ausschluss von
tierischem und anderen hochwertigen Eiweißen auf eine
ernährungsbedingte Störung als wahrscheinlichste Ursache für das
Auftreten einer Fettleber mit nachfolgender Leberzirrhose, wobei trotz der
Häufigkeit einer Fettleber eine Zirrhose bei Schildkröten bislang
selten beschrieben wurde.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nun sicher ist eine Beteiligung von Giften bzw. bestimmten
Pflanzenschutzmitteln nicht ganz auszuschließen, denn in Brasilien ist der
Umgang damit weniger gut kontrolliert als hierzulande. Dennoch sollte die
veterinärmedizinische Diagnose, dass auch eine Störung im
Proteinhaushalt durch fehlende höherwertige, tierische Eiweiße als
Auslöser dieser Erkrankung bei einer Landschildkröte in Frage kommt zu
denken geben. Gerade diese südamerikanischen Landschildkrötenarten,
für die die Aufnahme von tierischer Kost in Form von Insekten, Amphibien
und Kadavern eventuell auch Pilzen des öfteren beobachtet und beschrieben
wurde könnten besonders unter dem Mangel solcher Proteine leiden. Bestimmte
essentielle Aminosäuren wie die Schwefelhaltigen könnten hier
über einen Mangel zu schweren Schäden geführt haben, insbesondere
dann, wenn ihr Fehlen nicht durch die Syntheseleistung entsprechender
Darmbakterien ausgeglichen werden kann. Allerdings, und das sollte auch nicht
ganz außer acht gelassen werden, kann die Beschränkung auf ein
geringes Futterpflanzen bzw. Fruchtsortiment auch nicht garantieren, dass die
Versorgung mit mineralischen Co-Faktoren für funktionelle Proteine wie z.
B. jenen der oxidativen Stresskaskaden (z. B. Selen, Zink etc.) und der
Blutbildung sicher gestellt ist. Letzteres kann zu einem Funktionsmangel
führen, der auf lange Sicht durch gesteigerte Entgiftung und den Abbau
toxischer Stoffwechselnebenprodukte und deren Folgereaktionen die Leber
überdurchschnittlich belastet, wodurch, da ihre Enzymausstattung durch den
Mangel mit betroffen ist, sie sich allmählich selbst vergiftet. Deshalb
sollte man in jedem Falle eine ausgewogene Ernährung
mitberücksichtigen und sich auch wieder einmal klarmachen, dass herbivor,
mycovor und carnivor zwar eine bestimmte Form der Ernährung hervorheben,
aber dass diese Begriffe keine Ausschließlichkeitskriterien darstellen und
dass zu einer optimalen, abwechslungsreichen Ernährung eben mehr
gehört (siehe auch, Ficetola & De Bernardi
(2006): Is the European „pond“ turtle Emys orbicularis
strictly aquatic and carnivorous? – Amphibia-Reptilia 27: 445-447 oder
WiF-Archiv; Bouchard &
Bjorndal (2006): Nonadditive interactions between animal and plant diet
items in an omnivorous freshwater turtle Trachemys scripta. –
Comparative Biochemistry and Physiology – Part B Biochemistry and Biology
144: 77-85 oder WiF-Archiv). Ebenso sollte man auch
das so oft und unreflektiert propagierte
Ca2+/PO4-Verhältnis nicht als ein
Ausschließlichkeitskriterium betrachten, denn bislang ist nur beschrieben
worden, dass Psammobates geometricus Futterpflanzen mit höherem
Phosphatgehalt bevorzugt, aber der Grund, oder ob in diesen Pflanzen der
Kalziumgehalt noch höher liegt, wurde bislang nicht geklärt. Somit
bleibt nur festzuhalten, dass auch Phosphat für manche Arten bzw.
Situationen nicht unvorteilhaft zu sein scheint
(Henen et al. (2005): Lessons from the food choices
of the endangered geometric tortoise Psammobates geometricus. – South
African Journal of Science 101 (9-10): 435-438 oder
WiF-Archiv). Insofern eigentlich alles Hinweise
darauf, die Ernährung von Schildkröten nicht pauschal über einen
Ausschließlichkeitskamm zu scheren und etwas differenzierter zu
betrachten. Das Kriterium, so etwas nicht zutun, weil es viele eben
missverstehen könnten, scheint mir unangebracht – denn wer es
missverstehen will, tut es sowieso. Letzteres ist zwar nicht
„artgerecht“ aber menschlich, denn wer selbst trotz aller Warnungen
der Ärzte dem Claudia Schiffer-Phänomen bis zur Magersucht nacheifert,
überträgt diese Mentalität auch oft auf seine Pfleglinge und wie
so mancher Hausarzt beklagt, lässt sich der Widerspruch zwischen einem
gesunden Ideal und einem emotional gefühltem Idealzustand rein rational
nicht beheben. Letzteres sollte aber nicht den richtigen Umgang mit den
Sachverhalten für all jene, die ein gesundes Maß im Sinne einer
artgerechten Ernährung anstreben, beeinträchtigen. (Auch der Hausarzt
kann und darf sich nicht von diesen, wenn auch häufig von der Mehrheit,
gesellschaftlich akzeptierten, Schönheitsidealen, dazu verleiten lassen,
davon abzulassen, einen Idealzustand im Sinne der Gesundheit zu propagieren!
Das gilt natürlich auch im umgekehrten Fall, nur dass Übergewicht auch
gesellschaftlich verpönt ist!) Glauben Sie eigentlich, dass unbewusst auch
solche Phänomene unseres derzeitigen Zeitgeists die derzeitigen
Ernährungsdiskussionen bei Tieren mitbestimmen? Für die wirtschaftlich
wesentlich lukrativeren Spezies wie Hund und Katze hat sich sogar die Werbung
der Tiernahrungshersteller auf diese Phänomene eingestellt (z. B. Royal
Canin light) – Sind sie dann wirklich so irreal, wenn Großkonzerne
werbepsychologisch ihre Umsatzsteigerungen schon danach planen – oder sind
Schildkrötenliebhaber vor diesen Zeitgeistern völlig gefeit?).
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