Wissenschaft im Fokus
Halstead, B. J., E. D. Mccoy, T. A. Stilson & H.
R. Mushinsky (2007): Alternative foraging tactics of juvenile gopher
tortoises (Gopherus polyphemus) examined using correlated random walk
models. – Herpetologica 63 (4): 472-481.
Alternative Taktiken zum Nahrungserwerb junger Gopher
Schildkröten (Gopherus polyphemus) erforscht
unter Nutzung von „correlated random walk“ Modellen
Die meisten Tiere suchen ihre Nahrung unter dem Risiko bejagt zu werden und
einem Prädator zum Opfer zu fallen. Ein Tier muss deshalb die Vorteile,
eine adäquate Ernährung zu erhalten, gegen das Risiko gefressen zu
werden, abwägen, indem es alternative und angepasste Bewegungstaktiken
entwickelt. Wir untersuchten die Bewegungstaktik, die von Gopherus polyphemus,
einer Spezies mit einem zentralen Ausgangspunkt, bei ihrer Entfernung vom
Unterschlupf angewendet wird. Wir beobachteten die Wege junger
G.
polyphemus und analysierten diese unter der Nutzung von „correlated
random walk Modellen“ (Statistisches Verfahren zur Analyse von in
Beziehung stehender zufälliger Bewegungen). Außerdem verglichen wir
die Windungen der Wege, die die Tiere bei der Futtersuche machten, mit jenen,
die sich aus einer optimalen (sprich kalkuliertem direktem Weg zum Futter)
Futtersuche bei zentralem Ausgangspunkt ergeben würde. Die beobachteten
Unterschiede zwischen dem gewählten Weg vom Unterschlupf zum Futter und dem
Rückweg zum Unterschlupf waren größer als erwartet, aber die
Wege (Hinweg/Rückweg) konnten nach den „correlated random walk
Modellen“ nicht statistisch unterschieden werden. Die Windungen, die die
Tiere einlegten, waren geringer als sie für eine optimale Futtersuche von
einem Tier mit zentralem Ausgangspunkt erwartet würden. Jugendliche
Schildkröten bewegten sich geradlinig vom Bau weg. Juvenile
Landschildkröten können die Sicherheit, nahe am Bau zu bleiben,
aufgeben, um sich bis zur Sättigung fortzubewegen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nun dieses zugegeben etwas kompliziert formulierte Abstract zeigt zwei
Dinge, die etliche kennen, die junge Schildkröten beobachtet haben, und
die man seit es Digitalkameras mit der Möglichkeit zum filmen gibt, auch
gut dokumentieren kann. Die Schildkröten laufen zwar nie ganz geradlinig
von ihrem Versteck aus los, aber sie bewegen sich so gut wie nie in einer
Spirale um ihr Versteck herum. Dieser spiralförmige Weg wäre aber
unter den Bedingungen, möglichst nahe am Versteck zu bleiben und trotzdem
eine möglichst große/lange Wegstrecke nach Futter abzusuchen, der
kalkulierte oder vorhersagbare Idealweg, der rein rechnerisch beidem –
nämlich dem Sicherheitsbedürfnis (kurzer Fluchtweg) und einer hohen
Chance Futter zu finden – gerecht werden würde. Nun gibt es aber zwei
Faktoren, die dem widersprechen könnten. Zum ersten eine tierpsychologische
Fragestellung: Verlassen sich Schildkröten mehr auf ihren Panzer oder mehr
auf ihr Versteck? Zum zweiten – und das ist wohl die entscheidende: Wie
oft kann eine Schildkröte in unmittelbarer Nähe zum Unterschlupf genug
Futter finden, wenn sie täglich die Pflanzen abfrisst? Muss sie sich nicht
zwangsläufig immer weiter weg bewegen? Auch Pflanzen haben zum Teil
Schutzmechanismen und erhöhen zum Beispiel ihren Tanningehalt nach der
ersten Beweidung, um sich etwas ungenießbarer zu machen, so dass auch das
dazu führen kann, dass – obwohl es sich um die gleiche Pflanzenart
handelt – jene, die nahe am Versteck steht und schon oft angeknabbert
wurde, nicht mehr so optimal ist wie jene, die weiter weg stehen. Als drittes
könnte man auch annehmen, dass der weitere Weg auch Chancen zum Finden
besserer Unterschlüpfe beinhaltet, und wir wissen bereits, dass
Gopherschildkröten meist mehr als eine Höhle bewohnen. Gerade bei
solchen Studien frage ich mich manchmal, ob sich der Aufwand lohnt, wenn man
nicht vorher die ökologischen und biologischen Daten zur Planung mit
heranzieht. Denn abstrakte Computermodelle und statistische Verfahren
können zwangsläufig nur sinnvolle Daten liefern, wenn man sie so
anwendet, dass die vielfältigen Möglichkeiten, die einen Einfluss auf
das wirklich zu Beobachtende haben, entsprechend mit berücksichtigt und
programmiert werden. Hier zeigen doch die Ergebnisse deutlich, dass die
Beziehung lange Wegstrecke (möglichst viel Futter) und kurzer Fluchtweg zum
Versteck (möglichst hoher Schutz) in correlated random walk Modellen viel
zu kurz greift, um das tatsächliche Verhalten der Tiere zu verstehen.
Diesbezüglich gibt es sogar noch viel mehr Parameter oder miteinander in
Beziehung stehende Faktoren als hier erörtert werden könnten. Siehe
auch.: Mushinsky, H. R., T. A. Stilson & E. D.
McCoy (2003): Diet and dietary preference of juvenile gopher tortoise
(Gopherus polyphemus
). – Herpetologica 59: 475-483 oder
WiF-Archiv; Pike, D.
A. (2006): Movement patterns, habitat use, and growth of hatchling
tortoises, Gopherus polyphemus
. – Copeia 2006 (1): 68-76 oder
SiF 3 (3) 2006.
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