Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 12.09.2010
Hansen, D. M., C. J. Donlan, C. J. Griffiths, & K. J. Campbell (2010): Ecological history and latent
conservation potential: large and giant tortoises as a model for taxon substitutions. – Ecography 33 (2): 272-284.
Die ökologische Vergangenheit und ihr latentes Erhaltungspotential: Große und Riesenschildkröten als ein
Modell für Taxonsubstitutionen.
Es begann in den späten siebziger Jahren (1970), als Ökologen anfingen die Rolle zu entschlüsseln, die kürzlich
ausgestorbene große Wirbeltiere in der Evolutionsökologie und den Dynamiken von Ökosystemen spielten. Drei Dekaden
später sind es nun die Praktiker, die die Rolle der ökologischen Vergangenheit für die Arterhaltungspraxis analysieren, und
einige plädieren für die Restaurierung der ökologischen Funktionen (Gleichgewichts) und deren evolutives Potential, indem man
einen Ersatz für die ausgerotteten Taxa einführt, indem man sie durch funktionell gleichwertige Taxa (Arten) ersetzt – also
ausgestorbene Spezies durch andere heute noch verfügbare substituiert. Dieser pro-aktive Ansatz zur Biodiversitätserhaltung birgt
Kontroversen. Allerdings ist das Auswildern von solchen Artersatz-Spezies oder der Einsatz anderer ökologischer Analoge heute ein
integrativer Bestandteil von Arterhaltungs- und Restaurierungsprogrammen weltweit. Es gibt zunehmend empirische Belege, die zeigen wie die
Taxonsubstitutionen (Ersatzarten) ökologische Funktionsabläufe wieder restaurieren können und das evolutive Potential
(Anpssungspotential) aufrecht erhalten können. Allerdings gibt es einen wichtigen Aspekt, der die Nutzung solcher Ersatzarten und deren
Auswirkungen einschränkt, da es keinerlei praktische Richtlinien gibt, die vorgeben, wie und unter welchen Bedingungen solche
Maßnahmen durchzuführen sind. Während die Richtlinien der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur durchaus eine Option
darstellen, sind sie in ihrer derzeitigen Form dafür nicht brauchbar. Wir empfehlen daher notwendige Ergänzungen zu diesen
Richtlinien, die ausdrücklich die Belange der Taxonsubstitution adressieren. Ein zweites Problem bezieht sich auf die empirische
Evaluation solcher Maßnahmen, da es sich bei den meisten Projekten um Auswilderungen großer Tiere auf relativ großen
Flächen handelt, sodass allein die Dimensionen problematisch für eine Überwachung und die Evaluation sind. Wir
präsentieren und diskutieren hier Befunde mit großen und Riesenschildkröten (Familie: Testudinidae) als brauchbare Modelle
zur schnellen Generierung empirischer Erhebungen, die den Nutzen der Taxonsubstitution innerhalb eines relativ kleinen überschaubaren
Rahmens aufzeigen. Weltweit wurden mindestens 36 Arten von großen bzw. Riesenschildkröten seit dem späten Pleistozän
ausgerottet, sodass derzeit noch 32 Spezies existieren. Wir untersuchen dabei das latente Erhaltungspotential, die Vorteile und Risiken die
Landschildkröten zur Taxonsubstitution als einer Strategie zur Restaurierung gestörter Ökosysteme besitzen. Wir stellen
hervor, welche Rolle das insbesondere für Inseln spielt, und Erhaltungspraktiker beginnen ausgestorbene Landschildkröten in diesen
Ökosystemen durch noch rezente Spezies zu ersetzen, um die tragende Funktionen und die Schlüsselrolle zu ersetzen, die die
ausgerotteten Arten in diesen Ökosystemen spielten.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Eine schöne und überfällige Übersichtsarbeit zum Thema, das mit 123 Literaturzitaten umfassend bearbeitet wurde. Siehe
auch die Anmerkungen zu
Moolna (2008) und
Griffiths et al. 2010.
Literatur
Griffiths, C. J., C. G. Jones, D. M. Hansen, M. Puttoo, R. V. Tatayah, C. B. Mueller & S. Harris (2010):
The Use of Extant Non-Indigenous Tortoises as a Restoration Tool to Replace Extinct Ecosystem Engineers. – Restoration Ecology 18 (1):
1-7 oder
WiF-Archiv.
Moolna A. (2008) Preliminary observations indicate that giant tortoise ingestion improves seed germination for
an endemic ebony species in Mauritius. – African Journal of Ecology 46: 217-219 oder
WiF-Archiv.
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