Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 04.10.2009
Hazard, L. C., D. R. Shemanski & K. A. Nagy
(2009): Nutritional Quality of Natural Foods of juvenile Desert Tortoises
(Gopherus agassizii): Energy, Nitrogen, and Fiber Digestibility.
– Journal of Herpetology 43 (1): 38-48.
Ernährungsqualität und natürliche Nahrung
juveniler Kalifornischer Wüstenschildkröten (Gopherus
agassizii): Energie, Stickstoff und Faserverdauung
Wildlebende Kalifornische Wüstenschildkröten,
Gopherus
agassizii, fressen heute mehr verschiedene Futterpflanzen als noch vor
einigen Dekaden, denn exotische (fremde) Pflanzenarten sind während der
letzten Jahrzehnte in die Mojavewüste eingewandert. Bedenken
bezüglich der Nahrungsqualität dieser exotischen Futterpflanzen im
Vergleich zu den nativen Pflanzenarten veranlassten uns,
Fütterungsexperimente mit noch wachsenden jungen
Wüstenschildkröten durchzuführen. Wir bestimmten die
Verdaubarkeit in Bezug zum Trockengewicht, die Energie, den Fasergehalt und den
Stickstoffgehalt für vier Futterpflanzen:
Achnatherum hymenoides
(ein natives Gras),
Schismus barbatus (ein eingewandertes Gras),
Malacothrix glabrata (ein natives Kraut), und
Erodium
cicutarium (ein eingewandertes Kraut). Der größte Unterschied in
Bezug auf die Ernährung zwischen den Futtersorten ergab sich zwischen
frischen Kräutern und trockeneren Gräsern anstatt zwischen nativen und
exotischen Arten. Die zwei Grasnahrungen enthielten einen höheren
Faseranteil, und sie enthielten beide eine geringere Menge an verdaubarer
Energie im Vergleich zu den beiden Kräuterdiäten. Die Gräser
enthielten wenig Protein, und die Schildkröten verloren im aktuellen
Fütterungsexperiment an Masse und an Körperstickstoff, wenn sie Gras
fressen mussten. Das eingewanderte Kraut enthielt mehr Energie und Stickstoff
pro Mengeneinheit Trockengewicht als das native Kraut, allerdings könnte
das auch daran liegen, dass sie sich in unterschiedlichen phänologischen
Entwicklungsstadien befunden haben, so dass sie auch unterschiedliche
Fasergehalte aufwiesen, als sie für die Experimente gesammelt wurden. Die
juvenilen Landschildkröten nahmen sehr schnell an Gewicht zu, wenn sie mit
den Kräutern gefüttert wurden, wobei es auch keine Anzeichen
dafür gab, dass sie diese anders oder weniger gut als adulte
Schildkröten verdauen konnten, obwohl sie noch kleiner und nicht
geschlechtsreif waren. Die Abschätzung des Stickstoffbedarfs im Vergleich
zur jährlichen Stickstoffaufnahme mit diesen Diäten lässt
vermuten, dass das Wachstum der Jungschildkröten durch den Stickstoffgehalt
der Nahrung limitiert wird.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Wieder einmal eine durchaus schöne Arbeit, die uns eigentlich zeigt, was
junge wachsende Schildkröten wirklich brauchen, um nicht in eine
Mangelsituation zu geraten. Liest man sich den Ergebnisteil der Arbeit durch,
gab es in Bezug auf die Energie kaum nennenswerte Unterschiede zwischen den vier
Pflanzenarten, lediglich in den Gräsern lag die Energie zum
größten Teil in einer nicht verdaubaren Form vor. Schön, da
können sich sicher alle auf die Schulter klopfen, die schon immer Gras als
ballaststoffreich bezeichneten. Aber man sollte auch erkennen, dass alle
Jungschildkröten, die Gras fressen mussten, an Gewicht und an Panzervolumen
verloren und zwar signifikant. Zumindest diese zuletzt genannte Beobachtung
lässt einen doch irgendwie unweigerlich an die Arbeit von
Loehr et al. (2007), denken. Insofern sollte man
sich schon einmal die Zusammenhänge klarmachen. Denn wenn junge
Schildkröten auf ballaststoffreicher Grasdiät Protein in Form von
Stickstoff verlieren (siehe dazu auch
Bidmon
(2009)), dann haben sie zumindest dann ein Problem, wenn sie unter Stress
geraten oder mit Infektionen zu kämpfen haben. Denn eine Aktivierung sowohl
des unspezifischen angeborenen wie auch des adaptiven Immunsystems kann nur
funktionieren, wenn ausreichend Protein zur Verfügung steht, da ja jeder
Antikörper und jede neu zu bildende Abwehrzelle aus
Aminosäuresequenzen und somit aus Protein besteht. Insofern sollten all
jene, die einen immer um Rat fragen, weil sie wieder Probleme mit der
Gesunderhaltung ihrer Schlüpflinge haben, einmal über diese
Zusammenhänge nachdenken. Wohlgemerkt es geht hier nicht darum, dass Sie
Ihren Tieren eine Fettleber anfüttern sollen, aber sie sollten neben der
Hygiene bei der Aufzucht mehrerer Schlüpflinge auch die optimale
Ernährung im Auge behalten, denn für neugeborene Wirbeltiere ist der
Aufbau des Immunsystems mit eine der wichtigsten Aufgaben, die sie in ihrer
Kindheit meistern müssen, und das geht nun mal nicht ohne Protein. Dass
Schildkröten, die an Ruhephasen wie Hibernation und Aestivation angepasst
sind, in Gefangenschaft vielleicht nur schneller wachsen, weil wir ihnen diese
Ruhephasen nicht gönnen, ist ein ganz anderes Problem, das wir sicherlich
nicht dadurch beheben können, dass wir sie anstatt ruhen zu lassen auf
„Diät“ setzen. Denn das macht die Natur auch nicht, und daran
sollten sich jene auch einmal erinnern, die für naturnahe Aufzucht
plädieren. Siehe auch Kommentare zu
Ritz et
al. 2009;
Russell & Balazs (2009).
Literatur
Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und
Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie
selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen
überleben: Eine Übersicht. –
Schildkröten im Fokus 6 (1): 3-26.
Loehr, V. J., M. D. Hofmeyr & B. T. Henen
(2007): Growing and shrinking in the smallest tortoise,
Homopus signatus
signatus: the importance of rain. – Oecologia. 153 (2): 479-488 oder
Zusammenfassung und Kommentar in
SiF-3/2007
Ritz, J., C. Hammer & M. Clauss (2009): Body
size development of captive and free-ranging leopard tortoises (
Geochelone
pardalis). – Zoo Biology, DOI: 10.1002/zoo.20273 und
WiF-Archiv
Russell, D. F. & G. H. Balazs (2009): Dietary
Shifts by Green Turtles (
Chelonia mydas) in the Kane'ohe Bay Region of
the Hawaiian Islands: A 28-Year Study. – Pacific Science 63 (2): 181-192
und
WiF-Archiv.
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