Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 18.07.2010
Heiss, E., N. Natchev, C. Beisser, P. Lemell & J. Weisgram (2010): The Fish in the Turtle: On the
Functionality of the Oropharynx in the Common Musk Turtle Sternotherus odoratus (Chelonia, Kinosternidae) Concerning Feeding and
Underwater Respiration. – The Anatomical Record DOI 10.1002/ar.21185.
Der Fisch unter den Schildkröten: Über die Funktionalität des Oropharynx bei der gewöhnlichen
Moschusschildkröte, Sternotherus odoratus (Chelonia, Kinosternidae) in Bezug auf die Nahrungsaufnahme und
Unterwasseratmung.
Bei Tetrapoden dienen die Mund-Rachenhöhle und deren anatomische Strukturen hauptsächlich – aber nicht nur – zur
Aufnahme und zum Transport von Nahrung. In dieser Studie präsentieren wir Beweise für eine zweite Funktion des Oropharynx bei der
nordamerikanischen gewöhnlichen Moschusschildkröte,
Sternotherus odoratus, Kinosternidae: Aquatischer Gasaustausch. Unter
der Anwendung von Hochgeschwindigkeitsvideoaufzeichnungen können wir zeigen, dass
S. odoratus an Land Futter mit den Kiefern
ergreifen kann, aber danach nicht in der Lage ist, dieses Futter unter Zuhilfenahme der Zunge in die Mundhöhle zu transportieren, wobei
bei jedem Versuch an Land das Futter verloren wurde. Rasterelektronenmikroskopische und lichtmikroskopische Untersuchungen zeigten den Grund
dafür, da die Zunge bei diesen Schildkröten nur schwach entwickelt ist. Obwohl die Zunge sehr klein und rudimentär ist,
trägt sie verschiedene lappen-förmige Papillen, die man als eine Anpassung an eine terrestrische Nahrungsaufnahme fehl
interpretieren könnte. Vergleichbare Papillen finden sich auch auf der gesamten Mund-Rachenschleimhaut. Letztere sind, wie die
Lichtmikroskopie zeigt, sehr stark vaskularisiert (durchblutet) und spielen sehr wahrscheinlich eine wichtige Rolle für den aquatischen
Gasaustausch (Unterwasseratmung). Diese Vaskularisierung der Mundhöhlenpapillen von
S. odoratus verglichen wir dann mit jener
bei
Emys orbicularis, einer aquatischen Emydidae mit einer vergleichbaren Ökologie, die keine Unterwasseratmung zeigt.
Oropharyngealpapillen, die zur Unterwasseratmung dienen, finden sich aber auch bei Weichschildkröten (Trionychidae), einer vermuteten
Schwestergruppe der Kinosterniden. Diese Ausprägung stellt möglicherweise eine ursprüngliche Gemeinsamkeit für beide
Gruppen dar, die ihnen Vorteile in den aquatischen Habitaten bietet, die sie besiedeln.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Um Missverständnissen vorzubeugen – Natürlich können Moschusschildkröten im Wasser Nahrung aufnehmen und durch
Festhalten, Abbeißen und Einsaugen, aufnehmen und verschlucken. Aber diese Studie ist wieder einmal ein ausgezeichnetes Beispiel
dafür, wie die Umwelt, sprich die ökologische Einnischung der Tiere deren Morphologie und Physiologie beeinflusst. Ein Umstand,
der nicht deutlich genug hervorgehoben werden kann und der mit einer der Gründe dafür ist, warum es sehr schwierig und
problematisch sein kann, fossile Funde systematisch-phylogenetisch einzuordnen, weil wir meist wenig über die ökologische und
ökotrophologische Einnischung der Lebewesen wissen, oder erst aufwändige Untersuchungen dazu führen, dass man deren wahre
Lebensbedingungen erkennen kann. Siehe auch:
Scheyer & Sander (2007).
Literatur
Scheyer, T. M. & P. M. Sander (2007): Shell bone histology indicates terrestrial palaeoecology of basal
turtles. – Proceedings: Biological Science 274 (1620): 1885-1893 oder
WiF-Archiv.
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