Wissenschaft im Fokus
Heithaus, M. R., A.
Frid, A. J.
Wirsing, L. M.
Dill, J. W.
Fourqurean, D.
Burkholder, J.
Thomson, & L.
Bejdero (2007): State-dependent risk-taking by
green sea turtles mediates top-down effects of tiger shark intimidation in a
marine ecosystem. – Journal of Animal Ecology 76 (5): 837-844.
Eine zustandsabhängige Risikoabwägung bei der
Suppenschildkröte mediiert die „top-down“ Auswirkungen der
Bedrohung durch Tigerhaie in einem maritimen Ökosystem
- Systemübergreifende Vorhersagen in Bezug auf die Rahmenbedingungen, die
die Dynamik innerhalb von Lebensgemeinschaften und ihren Ökosystemen
bestimmen, sind bis heute kaum bekannt, zum Teil bedingt durch das Ignorieren
der Bedrohungen durch Beutegreifer. Ferner ist bis heute unbekannt, welches
Maß an individuellen (individuenabhängigen) Details in solchen auf
die Lebensgemeinschaft bezogenen Vorhersagemodellen benötigt wird.
- Kürzlich durchgeführte Studien für kurzlebige Spezies lassen
vermuten, dass stadienabhängige Entscheidungen wenig zu unserem
Verständnis der Dynamiken in Lebensgemeinschaften beitragen.
Körperkonditionsabhängige Entscheidungen von lang lebenden Herbivoren,
die unter Bejagungsdruck stehen, könnten aber größere
Auswirkungen auf dem Niveau der Lebensgemeinschaft haben. Allerdings wurden
solche Möglichkeiten bislang speziell in maritimen Systemen kaum
untersucht.
- In der relativ reinen Seegras-Lebensgemeinschaft der Shark Bay, Australien,
beobachteten wir, dass die herbivoren Suppenschildkröten (Chelonia
mydas Linnaeus, 1758), die durch die Tigerhaie
(Galeocerdo cuvier Peron & LeSueur,
1822) bedroht werden, ihre Mikrohabitate in Abhängigkeit von ihrer
Körperkondition auswählen. Suppenschildkröten, die eine schlechte
Körperkondition haben, selektieren profitable (nährstoffreiche)
Hoch-Risiko-Mikrohabitate (Hohe Gefährdung durch Haie), während
Schildkröten mit guter Körperkondition die häufigeren sichereren
aber nährstoffärmeren Mikrohabitate bevorzugen. Allerdings, wenn das
Bejagungsrisiko niedrig war (z. B. durch Ausgrenzung der Haie) wanderten auch
jene Schildkröten mit guter Körperkondition in die
nährstoffreicheren Mikrohabitate.
- Diese konditionsabhängige Wahl des Lebensraums von Schildkröten
zeigt, dass Tigerhaie das raum-zeitliche Muster der Habitatnutzung der weidenden
Schildkröten beeinflussen. Ebenso hat dies Einfluss auf die Dynamiken
innerhalb des Ökosystems (Verhaltens-mediierte indirekte
Interaktionsmuster). Daraus lässt sich folgern, dass zustandsabhängige
Entscheidungen von Einzelindividuen unter bestimmten Umständen einen
bedeutenden Einfluss auf die Dynamiken innerhalb von Lebensgemeinschaften
haben.
- Unsere Studie lässt vermuten, dass der Rückgang großer
Exemplare von Haien größere Auswirkungen auf die Ökosysteme
haben wird, als man meinen könnte, wenn man die nicht- (direkt) letalen
Auswirkungen dieser Top-Prädatoren auf die mittelgroßen Konsumenten
außer acht lässt.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Salopp gesagt trifft auch hier mein Spruch: Es ist immer so, wie im wahren
Leben! Ein schönes Beispiel dafür, wie sich verschiedene Arten
innerhalb eines Ökosystems beeinflussen. Ebenso zeigt uns diese Arbeit
welche Abwägungen Lebewesen, hier Suppenschildkröten, treffen
müssen, um möglichst erfolgreich in einem bestimmten Biotop zu
überleben. Dennoch zeigt die Arbeit, dass die Schildkröten die
nährstoffreichen Mikrohabitate bevorzugen und bei fehlendem Bejagungsdruck
nutzen, ja, wenn sie geschwächt sind, sogar essentiell brauchen. Deshalb
sollte man sich schon fragen, warum in manchen Biotopen Schildkröten nicht
immer die ergiebigsten Habitate besiedeln? Wie das natürliche Verhalten
aber hier zeigt, wäre es völlig falsch, daraus den Schluss zu ziehen,
dass keine nährstoffreiche Nahrung benötigt wird. In anderen Biotopen
müssen die Tiere eventuell andere Kompromisse eingehen, um ihr
Überleben zu sichern (siehe auch: Stevenson et
al. (2007): Population size, habitat choice and sexual dimorphism of the
Amazonian tortoise (Geochelone denticulata
) in Tinigua National Park,
Colombia. – Amphibia-Reptilia 28 (2): 217-226 oder
WiF-Archiv. Auch hier könnten die
ergiebigsten, fruchtreichsten Habitate jene sein, in denen der Jaguar bevorzugt
auf Jagd geht). Unter gewissen Umständen können es sogar
großflächige Umweltveränderungen sein, die Tiere zu gewissen
Anpassungen, Kompromissen oder Veränderungen zwingen. Die Frage ist, ob wir
diese Veränderungen noch als solche erkennen, insbesondere dann wenn sie
sich in der Vergangenheit ereigneten? Z. B. gibt es Berichte, dass
Waldbestände in bestimmten Lebensräumen schon vor Hunderten von Jahren
verschwunden sind z. B. auf Sri Lanka. Deshalb frage ich mich auch, ob es
wirklich dem natürlichen „Urzustand“ entspricht, dass
Sternschildkröten dort höckeriger sein sollen als andernorts, wenn man
Jungtiere aber feucht genug aufzieht, auch glatte Tiere heranwachsen. Liegt es
also in der Natur von Sternschildkröten höckerig heranzuwachsen oder
liegt es nur daran, dass der vor 800 Jahren gerodete Urwald das Klima in den
meisten Mikrohabitaten so veränderte, dass eben heute noch die Mehrzahl der
wild lebenden Exemplare höckeriger aufwachsen, weil 800 Jahre eben immer
noch zu kurz sind, um die gesamte Physiologie langlebiger Reptilien den
Veränderungen optimal anzupassen? Wenn Letzteres der Fall sein sollte,
würde zwar die Aussage, dass auch in der Natur höckerige
Sternschildkröten vorkommen immer noch zutreffend sein, aber man sollte
sich als Ökologe fragen, auf welchen angeblich
„natürlichen“ Lebensraum man diese Aussage beziehen
möchte.
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