Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 14.11.2010
Hetenyi, N., T. Satorhelyi & H. Hullar (2010): Keeping and nutrition of European tortoises Literature
review. – Magyar Allatorvosok Lapja 132 (4): 223-229.
Haltung und Ernährung von europäischen Landschildkröten, ein Literaturreview.
Bei Schildkröten wie auch bei anderen Reptilien lassen sich die häufigsten Erkrankungen auf eine falsche Ernährung oder
falsche Haltungs- (Umgebungs-) Bedingungen zurückführen. Für europäische Landschildkröten empfiehlt sich als bestes
Einstreu normale Erde, die mit Kalksteingrit gemischt werden kann. Um eine optimale Körpertemperatur aufrecht zu erhalten, sollte man
sie während des Tages bei 24-28 °C und nachts bei 18-22 °C unterbringen. Europäische Landschildkröten sind herbivor
und daher sollte ihre Nahrung zu 70-80 % aus Gartenkräutern (z. B. Löwenzahn, Vogelmiere) bestehen, die zu 15-20 % mit
Gemüsesorten und auch zu 5-15 % mit Früchten ergänzt werden sollten. Das empfohlene Kalzium-Phosphor-Verhältnis im
Gesamtfutter sollte bei 2-3:1 liegen. Dieses Verhältnis kann verschoben werden, indem man Früchte mit hohem Phosphat Gehalt wie
Banane, und Aprikose als Futter nutzt. Anhand der veterinärmedizinischen Praxis und Erfahrung beziehen sich die meisten
ernährungsbedingten, auch oft tödlich endenden, Erkrankungen auf einen Mangel an Kalzium und Phosphor. Das ist auch mit ein Grund,
warum Pflanzen mit hohen Oxalatgehalt wie Spinat und bestimmte Salate nicht empfehlenswert sind. Im Verdauungstrakt bildet das Oxalat mit
dem Kalzium unlösliches Kalziumoxalat. Die tägliche Gabe von komplexen Vitamin- und Mineralergänzungen sind wichtig. Ebenso
sollte auf eine adäquate Wasserversorgung geachtet werden.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Hierbei handelt es sich wieder einmal um einen typischen Review aus der veterinärmedizinischen Praxis, der versucht, die neuere
Literatur mit einzubeziehen und für Europäische Landschildkröten durchaus akzeptable Haltungstemperaturen empfiehlt. Auch auf
Früchte als Futter wird eingegangen. Jedoch kann sich der Artikel auch nicht von dem freimachen was in der Praxis einen Zusatzgewinn
einbringt, nämlich dem Verkauf von angeblich komplexen Vitaminmischungen, die täglich dem Futter beizufügen seien.
Es mag ja sein, dass in den veterinärmedizinischen Praxen hauptsächlich unter -sowie zu einseitig versorgte Patienten vorgestellt
werden, und man deshalb solche Empfehlungen wie tägliche Vitamingaben ausspricht.
Allerdings handelt es sich hie um Ausnahmefälle diese Schlussfolgerungen sind meiner Meinung nach nicht auf alle europäischen
Landschildkröten in menschlicher Obhut übertragbar sind.
Ich mir nicht nicht vorstellen, dass es sich neben einer gewinnbringenden und umsatzfördernden um eine sinnvolle Maßnahme handeln
soll, täglich frisches Grünfutter mit komplexen Vitaminmischungen anzureichern.
Auch hier ist dann wohl so manche Hypervitaminose vorprogrammiert. Außerdem ist es nicht sinnvoll, komplexe Vitamin-Mineralmischungen
zu verabreichen, da manche Substanzen des Gemischs sich und ihre Aufnahme im Darm selbst be- und verhindern. Das zeigt eines der wohl allen
geläufigen Beispiele, dass die gleichzeitige Gabe von Kalzium und Eisen die Eisenresorption im Darm hemmt. Kalzium hemmt zudem die
Magnesium Aufnahme und selbst für das in der Vergangenheit häufig eingesetzte Korvimin wurde festgestellt, dass die dort benutzte
Mischung so gut wie keine Aufnahme der wichtigen Substanzen Magnesium und Zink zulässt. Ebenso enthalten Vitaminpräparate oft
Thiaminchlorid (angeblich Vitamin B1), das für Tiere allerdings nicht verwertbar ist da Vitamin B1 in der belebten Natur in Form von
Thiaminpyrophosphat gebraucht wird. Es gibt zahlreiche Beispiele dieser Art, und ich denke, Sie sollten, falls Ihnen der Veterinär
ihres Vertrauens Ähnliches empfiehlt, einmal danach fragen.
Es ist schade, dass Veterinäre, die sich scheinbar nicht ausreichend mit der Biochemie der Ernährungsphysiologie beschäftigt
haben, solche Ratschläge erteilen, die letztendlich auch dem eigentlichen veterinärmedizinischen Anliegen nicht gerecht werden.
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