Wissenschaft im Fokus
Herbst, L., A. Ene,
M. Su, R. Desalle & J.
Lenz (2004): Tumor outbreaks in marine turtles are not due to recent
herpesvirus mutations. – Current Biology, 14: R697-R699.
Das Auftreten von Tumoren bei
Meeresschildkröten wird nicht ausgelöst durch vor kurzem erfolgte
Mutationen bei Herpesviren
Dieser Kurzreport hat kein Abstract. Er beschreibt die phylogenetische Abstammung
und Aufspaltung der Schildkröten-Herpesviren, wie sie sich auf bestimmte
Spezies verteilen und welche Unterschiede und Mutationen zwischen atlantischen
und pazifischen Populationen auftreten. Dabei wurden im wesentlichen 5 Stämme
des Chelonian-Fibropapilloma assoziierten Herpesvirus (C-FP-HV) identifiziert.
Untersucht wurden
Chelonia mydas,
Caretta caretta und
Lepidochelys kempi. Drei fast identische Stämme A,B und C traten bei
Schildkröten aus den Gewässern um Florida auf. Zudem eine Variante D, die
bei Tieren vor Florida und North Carolina gefunden wurde und etwa 5,6 % Unterschiede
zu dem A,B und C Stamm zeigte. Wohingegen die um Hawaii gefundene pazifische Variante
2,2 % Unterschied zu den atlantischen Formen zeigte. Daraus geht hervor, dass die
Variante mit dem größten Unterschied im gleichen Verbreitungsgebiet wie
die Formen A,B, und C auftritt. Die Variante A wurde bei
C. mydas und
C. caretta gefunden während C aus C. carreta und L. kempi isoliert
wurde. Die Autoren beschreiben noch weitere Details, allerdings scheint mir wichtig,
dass der Vergleich dieser C-FP-HV Viren mit dem Genom aus allen bekannten Herpesviren
zeigt, dass diese Viren sehr alt sind, ca. 300 Millionen Jahre. Selbst die jüngsten
Mutationen sind nicht jünger als maximal 1,6 Millionen Jahre, wahrscheinlich aber
wesentlich älter, wenn man die Daten noch durch geologische Veränderungen mit
einbezieht. Daraus schließen die Autoren, dass die Viren zwar Tumorgewebe besiedeln
und sich dort auch gut vermehren können, dass es aber äußerst
unwahrscheinlich ist, dass sie die Ursache für das explosionsartige Auftreten
solcher Tumore sein können, da Schildkröten eigentlich schon seit Jahrmillionen
und fast seit ihrer gesamten Evolution als Träger dieser Viren an diese angepasst
sind. Da sich selbst die fast identischen C-FP-HV Typen vor ca. 0,6-1,6 bzw. vor 7,9-8,9
Millionen Jahren aufgespalten haben und man bei den erkrankten Schildkröten je
nachdem die eine oder andere Virusvariante findet. müsste zudem bei allen Typen
eine unabhängige Mutation erfolgt sein. die sie zur Tumorinduktion befähigt,
allerdings gibt es dafür weder Anzeichen und auch nach statistischen Kalkulationen
ist diese Möglichkeit als unwahrscheinlich auszuschließen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Diese Befunde zeigen zumindest, dass sich die Wissenschaft auch weiterhin auf die
Erforschung anderer Faktoren, die als Auslöser der Tumorerkrankungen infrage kommen,
konzentrieren sollte, denn sonst besteht die Gefahr, dass wir einem Epiphänomen
nachjagen, das nur Geld kostet, aber den Meeresschildkrötenpopulationen in ihrem
Überlebenskampf kaum weiterhilft.
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