Wissenschaft im Fokus
Howeth, J. G., S. E: McGaugh & D. A.
Hendrickson (2008): Contrasting demographic and genetic estimates of
dispersal in the endangered Coahuilan box turtle: a contemporary approach to
conservation. – Molecular Ecology 17: 4209-4221.
Die Darstellung demographischer und genetischer
Zusammenhänge in Bezug auf die Ausbreitung bei der bedrohten
Coahuila-Dosenschildkröte: Ein umfassender Ansatz zur Erhaltung
Das Überleben einer im Bestand gefährdeten Spezies ist insbesondere
vom Genfluss zwischen den einzelnen Unterpopulationen abhängig sowie dem
Grad an Konnektivität zwischen den besiedelten Habitaten innerhalb des
Verbreitungsgebiets. Das Herausarbeiten der Populationskonnektivität
über den gesamten ökologischen und evolutionären Zeitrahmen kann
neue Erkenntnisse darüber liefern, welche Faktoren die genetische
Diversität einer bedrohten Art aufrechterhalten. Wir benutzten diesen
integrativen Ansatz dazu, die Verteilung bei der hochgradig bedrohten Coahuila
Dosenschildkröte (
Terrapene coahuila) zu analysieren, die
isolierte Feuchtgebiete innerhalb des Ökosystems der Wüstenquellen der
Cuatro Cienegas, Mexiko bewohnt. Erst kürzlich erfolgte Verluste an
Feuchtgebieten hatten dazu geführt, dass sich die räumliche Verteilung
der Habitatflecken (Fragmente) und die zwischen ihnen bestandene
Konnektivität verändert hat, sodass wir vorhersagen, dass
T.
coahuila nur geringe Bewegungen (Durchmischungen) erfahren würde im
relativen Vergleich zu ihrem (historischen) Genfluss der Vergangenheit. Um die
Ausbreitungs- und Verteilungsmuster der Schildkröten zu untersuchen,
verwendeten wir die Fang-Wiederfang Technik sowohl lokal im jeweiligen
Feuchtgebiethabitat als auch auf überregionaler Ebene und zwischen den
Feuchtgebieten. Die Erhebung des Genflusses erfolgte durch die Analyse der
genetischen Variationen bei neun Mikrosatelliten-Genloci aus sieben
Unterpopulationen, die innerhalb des geographischen Gesamtverbreitungsgebiets
der Art existieren. Die Fang-Wiederfang-Ergebnisse innerhalb der lokalen
Feuchtgebiete zeigen, dass es häufiger Wanderungen zwischen den
Wasserstellen (Mikrohabitaten) gibt und dass diese Wanderungen sogar relativ
unabhängig von der Entfernung zwischen den einzelnen Lokalitäten sind.
Auf überregionaler Ebene werden die Ausbreitungsereignisse zwischen den
großräumigen Feuchtlandkomplexen relativ selten. Die vergleichende
Analyse der populationsgenetischen Struktur zeigt, dass es (historisch) in der
Vergangenheit einen stark ausgeprägten Genfluss (Global-F-ST=0.01) gab.
Allerdings zeigt die Beziehung von genetischer Isolation in Abhängigkeit
zur Entfernung über das Gesamtverbreitungsgebiet der Art, dass es auch
Ausbreitungslimitierungen auf überregionaler Ebene gibt. Unser Ansatz, die
direkten und indirekten Ausbreitungstendenzen und Beziehungen auf einer
multidimensionalen räumlichen Ebene für
T. coahuila
darzustellen ergibt erhaltenswürdige evolutionäre Trajektorien
innerhalb dieser Spezies, deren Erhaltung sowohl vom Schutz bedrohter
Feuchtlandhabitate abhängt als auch davon, dass man überregional die
Gebiete vernetzende Verbindungskorridore erhält.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Auch hier wieder eine klare Stellungnahme zur Bedeutung eines möglichst
ungehinderten Genflusses als Voraussetzung zur Arterhaltung. Hieraus leite ich
einmal ab, dass es gute Gründe dafür gibt, dass selbst bei Spezies,
deren Gesamtindividuenzahl weltweit nur minimal ist und die sich nur noch in
gezielten Nachzuchtprogrammen erhalten lassen, zumindest die Beachtung und
Maximierung des Genflusses gleichbedeutend oder gar höher zu bewerten ist
als die bloße Artreinheit. Siehe dazu Kommentare zu
Spinks P. Q. & H. B. Shaffer (2007):
Conservation phylogenetics of the Asian box turtles (Geoemydidae,
Cuora
): mitochondrial introgression, numts, and inferences from
multiple nuclear loci. – Conservation Genetics 8 (3): 641-657 oder
WiF-Archiv; Bowen, B. W. &
S. A. Karl (2007): Population genetics and phylogeography of sea turtles.
– Molecular Ecology 16 (23): 4886-4907 oder
SiF 5 (1) 2008.
Ebenso sei auf die damit fast untrennbar verbundene Bedeutung der
Konnektivität verwiesen, die für alle Spezies von eminenter
Wichtigkeit ist (Bowne D. R., M. A. Bowers & J. E.
Hines (2006): Connectivity in an agricultural landscape as reflected by
interpond movements of a freshwater turtle. – Conservation Biology 20 (3):
780-791 oder WiF-Archiv).
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