Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 18.10.2009
Huang, Y., X. Huang, H. Liu, J. Gong, Z. Ouyang, H.
Cui, J. Cao, Y. Zhao, X. Wang, Y. Jiang & Q. Qin (2009): Complete
sequence determination of a novel reptile iridovirus isolated from soft-shelled
turtle and evolutionary analysis of Iridoviridae. – BMC Genomics 10 (1):
224.
Die komplette Sequenzbestimmung für einen neuen
Reptilieniridovirus aus einer Weichschildkröte und die evolutionäre
Analyse der Iridoviridae
Hintergrund: Weichschildkröteniridovirus (STIV) ist die Ursache für
eine schwere systemische Erkrankung bei kultivierten Weichschildkröten
(
Trionyx sinensis). Nach unserem Wissen bezieht sich die einzige
verfügbare molekulare Information über STIV auf das sehr stark
konservierte Major Capsid Protein. Die komplette Sequenz des STIV Genoms ist
bislang nicht verfügbar. Deshalb wird die Identifizierung der Genomsequenz
von STIV und eine detaillierte bioinformatische Analyse des Genomgehalts und des
Evolutionsstatus das Verstehen der taxonomischen Elemente von STIV erleichtern
und dazu beitragen die Pathomechanismen einer durch Reptilienviren verursachten
Erkrankung besser zu verstehen. RESULTS: Wir bestimmten die komplette
Nukleotidsequenz des STIV Genoms unter Gebrauch der 454 Life Science
Sequenzierungstechnologie. Das STIV Genom ist 105.890 bp lang mit einer
Basenkomposition von 55.1% G+C. Computer-unterstützte Analysen zeigen, dass
das STIV Genom 105 potentielle offene Leserahmen (ORFs) enthält welche
für Polypetide mit Aminosäuren von 40 bis 1,294 Aminosäuren
kodieren und etwa 20 mikroRNS-Kandidaten benötigen. Unter den
möglichen Proteinen zeigen etwa 20 eine Homologie mit den
ursprünglichen Proteinen der nukleären und zytoplasmatischen
großen DNS-Viren (NCLDVs). Vergleichende Genomanalysen zeigten dass STIV
den höchsten Grad an Sequenzkonservierung und eine co-lineare Anordnung der
Gene zum Froschvirus 3 (FV3) aufweist, gefolgt vom Tigerfroschvirus (TFV) dem
Ambystoma tigrinum-Virus (ATV), dem Singapur Grouper-Iridovirus (SGIV) dem
Grouper-Iiridovirus (GIV) und anderen Iridovirus-Isolaten. Die phylogenetische
Analyse basierend auf den konservierten Core-Genen und der kompletten Gensequenz
von STIV wurde mit den anderen Virusgenomen durchgeführt. Zudem lässt
die Analyse von Genaufnahme- und Genabgabe-Ereignissen innerhalb der Familie der
Iridoviren vermuten, dass die Gene die von den Iridoviren abgelesen werden sich
dahingehend evolvierten um die Adaptation (Anpassung) an verschiedene
natürliche Wirtsspezies zu begünstigen. Schlussfolgerung: Diese Studie
lieferte die komplette Genomsequenz von STIV. Die phylogenetische Analyse ergab
das STIV und FV3 Stämme derselben Virusspezies darstellen die zu der
Gattung der Ranaviren innerhalb der Familie der Iridoviridae gerechnet werden
müssen. Unter der Annahme einer Virus-Wirts-Coevolution und den
phylogenetischen Beziehungen zwischen den Wirbeltieren vom Fisch bis zum Reptil
postulieren wir dass Iridoviren von Reptilien auf Amphibien und umgekehrt
übertragen werden können und dass STIV und FV3 Stämme der
gleichen Virusspezies innerhalb der Gattung Ranaviren darstellen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Auch hier wieder ein klarer Beleg dafür, dass China sich langsam aber
sicher eine Führungsrolle in Bezug auf die Reptilienpathologie und die
entsprechende veterinärmedizinische Versorgung erarbeitet. Ein Umstand, der
so bedauerlich es auch sein mag, von den wirtschaftlichen und
ernährungspolitischen Notwendigkeiten in China getragen wird. Ich denke
für die Reptilienmedizin wird dort schon mehr getan als hier in Europa, wo
es zwar einen Liebhabermarkt für Reptilien gibt, der aber trotz des
Seltenheitswerts mancher Arten bislang nicht ausreichte, auch die
veterinärmedizinische Forschung zu beflügeln. Hier konzentriert man
sich wohl eher darauf, auszuprobieren mit welchen für Säugetiere
entwickelten Medikamenten man eventuell auch Heilungserfolge bei Reptilien
erzielen kann. Man mag zwar den Chinesen vorwerfen, dass sie ihre
Schildkrötenbestände zumindest in der Vergangenheit geplündert
haben, aber wie wir hier sehen, sie tun an anderer Stelle auch etwas für
die Tiere. Diese Art der Forschung wird dringend benötigt, nicht nur der
Schildkrötenfarmer wegen, sondern auch dafür, später einmal
gesunde Tiere für die Wiederansiedlung in Naturschutzgebieten zu haben.
Diesbezüglich muss man sogar sagen, dass wir hierzulande als Endverbraucher
aus dem Tierhandel auch nicht gerade wenig zur Ausbeutung natürlicher
Bestände während der letzten Jahrzehnte beigetragen haben, und viele
rechtfertigten ihr Tun mit der so genannten Erhaltungsnachzucht. Allerdings ist
eine Erhaltungsnachzucht ohne entsprechende Weiterentwicklung einer begleitenden
veterinärmedizinischen Forschung vor dem Hintergrund der weltweiten
Ausbreitung der diversen reptilien- und schildkrötenassoziierten Erreger
ein hoffnungsloses Unterfangen. Dementsprechend muss man hierzulande die
liebhaberbasierte „Erhaltungszucht“ ohne entsprechende
Förderung reptilienspezifischer veterinärmedizinischer Forschung wohl
eher als blauäugige Liebhaberei, denn als Erhaltungszucht im eigentlichen
Sinn einschätzen. Siehe auch
Xu et el.
(2009).
Literatur
Xu, Z., G. L. Wang & P. Nie (2009): IgM, IgD
and IgY and their expression pattern in the Chinese soft-shelled turtle
Pelodiscus sinensis. – Molecular Immunology 46 (10): 2124-2132
oder
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