Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 27.12.2009
Janzen, F. J. & D. A. Warner (2009):
Parent-offspring conflict and selection on egg size in turtles. – Journal
of Evolutionary Biology 22 (11): 2222-2230.
Der Eltern-Nachwuchs-Konflikt und die Selektion der
Eigröße bei Schildkröten
Es gibt eine Abwägung zwischen der Größe des Nachwuchses und der
Anzahl der Nachkommen, die einen Konflikt zwischen den Bedürfnissen der
Eltern und denen des Nachwuchses darstellen kann. Denn die Eigröße
wird durch die Gelegegröße begrenzt, wobei es nicht immer so sein
muss, dass die für die Schlüpflingsfitness optimale Eigröße
unbedingt gleich zu der sein muss, die maximal für die Fitness der
Elterntiere ist. Wir untersuchten die Eigröße bei drei
Schildkrötenarten (
Apalone mutica,
Chelydra serpentina
und
Chrysemys picta), um zu analysieren, ob die optimale
Eigröße bezogen auf die Schlüpflinge sich von der auf die
Muttertiere bezogene unterscheidet. Obwohl generell der Schlupferfolg bei
größeren Eiern höher lag, variierte die Form der Selektion. In
den meisten Fällen lag die Eigröße, die die Nachwuchsfitness
maximierte, höher als die, die die Fitness der Muttertiere maximierte. Wir
fanden eine Übereinstimmung mit der Optimal-Theorie, wobei die mittlere
Eigröße in einer Population näher an der Eigröße
liegt, die die mütterliche Fitness maximiert, im Vergleich zu jener, die
die Schlüpflingsfitness maximiert. Diese Ergebnisse liefern Belege
dafür, dass Selektion die Fitness der Mütter maximiert, um ein
ausgeglichnes Verhältnis zwischen Eigröße und Eianzahl
einzustellen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hierbei handelt es sich um eine sehr theoretische Studie, die das belegt, was
jeder Züchter kennt. Denn da die Eigröße von der
Beckenmorphologie der Weibchen abhängt, können Eier nur maximal so
groß sein, dass sie noch abgelegt werden können. Letzteres ist mit
ein Grund, warum sehr alte und große Weibchen meist wesentlich
größere Eier legen als Jungweibchen, die ihre Erstgelege absetzen.
Auch das macht Sinn, denn welchen Selektionsvorteil hätte es, die Weibchen
an Legenot eingehen zu lassen, bloß weil die Eier zu groß
ausgefallen sind? Das ist auch mit ein Grund, warum gerade alte Weibchen, die
große Eier legen, so wichtig für den Erhalt einer Population sind,
weil bei ihnen auch der Schlupferfolg und die Schlüpflingsgröße
höher liegen, d. h. bei ihnen nähert sich die
Optimaleigröße für Schlüpflings- und Maternalefitness eher
an, als es noch bei Jungweibchen der Fall ist. Allerdings hat auch die Umwelt
einen Einfluss auf die Schlüpflingsgröße, wie etliche Arbeiten
zeigen (
Bertolero et al. 2007 a,b,
Du et al. 2007;
Litzgus &
Mousseau 2006, 2008). Nicht zuletzt sollte man aber auch
berücksichtigen, dass sich langlebige Spezies oft nach der sogenannten
„Bed hatching Theorie“ (
Litzgus et al.
2008) fortpflanzen, und man somit nicht davon ausgehen kann, dass die Weibchen
im jeweiligen Untersuchungszeitraum die Reproduktionsphase für so
erfolgreich ansehen, als dass sie wirklich versuchen würden, alle
Ressourcen in den Nachwuchs und eventuell maximal mögliche
Eigrößen und -zahlen zu investieren.
Literatur
Bertolero, A. J.-P. Nougarède, M. Cheylan & A.
Marín (2007): Breeding traits of Hermann's tortoise
Testudo
hermanni hermanni in two western populations. – Amphibia-Reptilia 28
(1): 77-85 oder
WiF-Archiv.
Bertolero, A., M. Cheylan & J.-P. Nougarede
(2007): Increase of the fecundity in Hermann's Tortoise
Testudo hermanni
hermanni in insular conditions: an opposite case of the insular syndrome?
– Revue d'Ecologie – La Terre et la Vie 62 (1): 93-98 oder
WiF-Archiv.
Du, W-G, L-J Hu, J-L Lu & L-J. Zhu (2007):
Effects of incubation temperature on embryonic development rate, sex ratio and
post-hatching growth in the Chinese three-keeled pond turtle,
Chinemys
reevesii. – Aquaculture (1-4): 747-753 oder
WiF-Archiv.
Litzgus, J. D., F. Bolton & A. I.
Schulte-Hostedde (2008): Reproductive output depends on body condition in
spotted Turtles (
Clemmys guttata). – Copeia 1: 86-92 oder
SiF-1/2009.
Litzgus, J. D. & T. A. Mousseau (2003):
Multiple clutching in southern spotted turtles, Clemmys guttata. – Journal
of Herpetology 37: 17-23 oder
WiF-Archiv.
Litzgus, J. D. & T. A. Mousseau (2006):
Geographic variation in reproduction in a freshwater turtle (
Clemmys
guttata). – Herpetologica 62 (2): 132-140 oder
WiF-Archiv.
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