Wissenschaft im Fokus
Knotek, Z., O. A.
Fischer, V. Jekl &
Z. Knotkova (2005): Fatal myiasis caused by
Calliphora vicina in Hermann's tortoise (Testudo hermanni). –
Acta Veterinaria Brno 74 (1): 123-128.
Tödlicher Madenfraß verursacht durch
Calliphora vicina bei einer Griechischen
Landschildkröte (Testudo hermanni)
Ein ausgedehnter Madenfraß wurde bei einer adulten männlichen
Griechischen Landschildkröte (
Testudo hermanni) festgestellt,
wobei der Schildkröte der vordere Teil des rechten Vorderbeins fehlte,
sodass der rechte Oberarmknochen frei lag. Eine hämatologische
Blutuntersuchung zeigte einen sehr geringen Hämoglobingehalt (37,00 g/l)
ein niedriges Zellvolumensediment (PVC = 0,17/l), starke Leukopenia (Verlust an
weißen Blutkörperchen) (WBC = 2,75g/l), extrem niedrige Glucosewerte
(0,64 mmol/l), Hyperurikämie (Gicht) (519,9 µmol/l) und eine hohe ALP
(30,10 µmol/l). Dreiundvierzig Fliegenmaden wurden mittels Pinzetten aus
der Wunde entfernt, begleitet von Spülungen mit einer niedrigkonzentrierten
Lösung aus Povidone-Jod. Der restliche Teil des Humerus wurde operativ am
Humoralgelenk entfernt. Die nekrotisierenden Randbereiche wurden entfernt und
die Öffnungen zur Körperhöhle hin wurden vernäht. Nach der
Operation reagierte die Schildkröte nur schwach auf Stimulation und
verstarb 12 Stunden danach. Eine postmortem Untersuchung zeigte nur eine
vergrößerte und gelbliche verfärbte Leber und keines der anderen
Organe zeigte eine auffällige Pathologie. Die histologische Untersuchung
zeigte eine Steatose (Fettleber) mit toxischer Nekrose im Lebergewebe.
Dreiundzwanzig Fliegenmaden wurden auf 20 g Rindfleisch bei Raumtemperatur
angesetzt, sodass nach 7 Tagen 20 Fliegenpuppen zur Verfügung standen. Nach
20-21 Tagen schlüpften 19 adulte Fliegen (Imago, 5 Weibchen, 14
Männchen), die aufgrund ihrer Morphologie als Schmeißfliegen
(
Calliphora vicina,
Robineau-Desvoidy,
1830; Diptera: Calliphoridae) identifiziert wurden. Somit ist dies der erste
beschriebene Fall einer Myasis bei einem Reptil in Tschechien.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Die Fliegenlarven von Calliphora vicina waren aber nicht schuld an
der tödlichen Erkrankung, da diese Fliegenart nur totes, abgestorbenes
Fleisch frisst, also selbst keine Wunden verursacht und solche nur befällt,
wenn verrottendes Fleisch vorhanden ist, welches sie fressen, wobei sie die
Wunde mit den in ihrem Speichel vorhandenen antibiotisch wirksamen Substanzen
desinfizieren. Gerade aus diesem zuletzt genannten Grund wurden diese
Fliegenmaden noch im ersten Weltkrieg von den Militärärzten zur
Säuberung und Desinfektion schwer zugänglicher Wunden bei Soldaten
eingesetzt. Die Schildkröte ist also an ihrer Verletzung und der Gicht
verstorben und nicht im eigentlichen Sinne an Madenfraß. Ein wirklich
lebensgefährlicher Madenfraß wird hier nur von den echten
Fleischfliegen der Gattung Sarcophaga
und einigen Goldfliegen aus der
Gattung Lucilia
verursacht, die sich auch durch das angrenzende lebende
und auch gesunde Gewebe fressen würden, bis sie dadurch den Ausfall eines
lebenswichtigen Organs verursachen.
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