Wissenschaft im Fokus
Kristensen, K., M. Berenbrink, P. Koldkjaer, A. Abe
& T. Wang (2008): Minimal volume regulation after shrinkage of red
blood cells from five species of reptiles. – Comparative Biochemistry and
Physiology – Part A Molecular and Integrative Physiology 150 (1): 46-51.
Minimale Volumenregulation nach der Einschrumpfung roter
Blutzellen bei fünf Spezies von Reptilien
Rote Blutzellen (Red blood cells, RBCs) aus den meisten Wirbeltieren können
ihr Volumen regenerieren, nachdem sie unter hypertonen Bedingungen einer
Schrumpfung unterlagen, und die diesem Regenerationsvermögen (Regulatory
volume increase, RVI) zugrunde liegenden Mechanismen wurden intensiv untersucht.
Obwohl Reptilien phylogenetisch gesehen eine interessante Stellung innerhalb der
Wirbeltiere einnehmen, ist relativ wenig über die Funktionen ihrer roten
Blutzellen bekannt. Die hier vorgestellte Studie zeigt, dass sauerstoffbeladene
RBCs bei allen Hauptgruppen der Reptilien nach hypertoner Schrumpfung keine oder
nur eine sehr geringe RVI von weniger als 25 % zeigen. Die RBCs der Schlangen
Crotalus durissus und
Python regius, der Schildkröte,
Trachemys scripta und dem Alligator,
Alligator
mississippiensis zeigen gar keine statistisch signifikante RVI innerhalb
eines Zeitraums von 120 min nach vorheriger Schrumpfung, während die
Schienenechse
Tupinambis merianae nach 120 min eine Volumenregeneration
von 22 % zeigt. Amilorid (10(-4) M) und Bumetanid (10(-5) M) (Pharmaka) zeigten
keine Wirkung in Bezug auf die Verbesserung der RVI bei
T. merianae,
was andeutet, dass Na+/H+ Austauscher (NHE) oder der Na+/K+/2Cl(-)
Co-Transporter (NKCC) keine Rolle spielen oder für diese Pharmaka
insensitiv sind. Eine Sauerstoffentladung der RBCs von
A.
mississippiensis und
T. merianae hatte auch keinen signifikanten
Effekt auf die RVI nach Schrumpfung. Bei
T. merianae führte die
Deoxygenierung der RBCs per se zu einer Volumenzunahme, aber der Mechanismus
konnte nicht charakterisiert werden. Es scheint so, als ob die
Regulationsmechanismen, für die RVI die auf der NHE-Aktivierung beruhen,
bei den frühen Sauropsiden verlorengegangen sind, die dann die
Evolutionslinie für die modernen Reptilien und Vögel begründeten,
während sie bei den Säugetieren erhalten blieb. Eine RVI-Reaktion
wurde dann bei den Vögeln neu erfunden und zwar basierenden auf der
Aktivierung des NKCC. Alternativ, könnte das Fehlen einer RVI-Reaktion die
älteste und ursprünglichste Situation darstellen, so dass die
Tiergruppen, die eine RVI zeigen, sie mehrfach unabhängig von einander
entwickelt haben.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Klar, welchen Herpetologen und Schildkröten-Halter interessiert diese
Art von Wissenschaft? Muss man das verstehen? Nein, man muss es nicht! Aber ich
wurde einmal über meine Freunde, die Vinkes gefragt warum Schildkröten
bei zu trockener Haltung austrocknen und warum der Wasserverlust durch
Trinkwasser nicht ausgeglichen werden kann. Meine Antwort, die ich damals an
Fam. Vinke schickte tauchte dann im Testudo-Forum wieder auf und wurde auch
diskutiert. Seitdem Austrocknung nun akzeptiert ist und bekannt ist, dass der
Wasserverlust durch Trinken nicht ausgeglichen werden kann können das sogar
auch andere beobachten und ihre Haltung verbessern siehe, Radiata (2) 2008. Die
oben angeführte Arbeit liefert aber eine mögliche physiologische
Begründung dafür, warum Trinkwasser, das ja auch übers Blut die
Körperorgane erreicht, bei Reptilien Feuchtigkeitsverluste nur schwer
ausgleichen kann und warum manche Reptilien sogar in eine Mangelsituation
geraten können, wenn sie aufgrund zu trockener Haltungsbedingungen einmal
zu viel Wasser verloren haben. Bei Austrocknung wird das Blut hyperton und die
Erythrozyten schrumpfen, aber wie hier gezeigt können Reptilien im
Gegensatz zu Säugetieren und Vögeln die Schrumpfung nicht
regenerieren, auch dann nicht, wenn wieder genug Wasser da ist. Zumindest die
Roten Blutzellen können es kaum, was bedeutet, sie bleiben geschrumpft und
ihre Funktion bleibt beeinträchtigt, dass heißt aber auch, dass das
betroffene Reptil, wenn es wieder voll funktionsfähige Erythrozyten haben
will, die alten geschrumpften in Milz und Leber abbauen muss und neue in Leber
und Knochenmark bilden muss. Zudem geschrumpfte Erythrozyten platzen sowieso bei
der Milzpassage, so dass dem ursprünglichen Wasserverlust zumindest
vorübergehend ein Verlust an roten Blutzellen folgt. Können Sie sich
vorstellen, wie viel Eiweiß notwendig ist, eine komplette Neusynthese an
roten Blutzellen zu machen, wobei Sie ja sehr wahrscheinlich proteinarm
weiterfüttern. Klar, ein Großteil der Proteine aus den alten
Blutzellen würden in der Leber recycelt, aber wo kommen die anderen her,
denn alle lassen sich nicht mehr nutzen? Ich denke, die Tiere haben kaum eine
andere Wahl, als sich die fehlenden Proteine zumindest kurz- und mittelfristig
aus anderen Geweben (Bindegewebe) zu holen, wenn sie nicht auf lange Sicht auf
eine normale Funktion ihrer Erythrozyten verzichten wollen und mit permanent
verschlechterter Sauerstoffversorgung weiterleben wollen. Aber so weit lassen
sie es meistens ja nicht kommen und ziehen bevor ihre Erythrozytenfunktion
beeinträchtigt wird, erst einmal möglichst viel Wasser aus den nicht
unmittelbar überlebenswichtigen Organen ab, so dass Extreme, die auch die
Blutzellen betreffen, eher selten sind. Dabei ist es nicht überraschend,
dass der Carapax betroffen ist, denn nach neueren Befunden dient er sogar als
Flüssigkeitsspeicher (Wyneken, J. M. H. Godfrey &
V. Bels (2008): Biology of Turtles, Boca Raton 2008, S. 389). Auch
sicherlich mit einer der Gründe dafür, dass optimal hydrierte
Schildkröten höhere Temperaturmaxima tolerieren können als
dehydrierte (Plummer, M. V., B. K. Wiliams, M. M. Skiver
& J. C. Carlyle (2003): Effects of dehydration on the critical
thermal maximum of the desert box turtle (Terrapene ornata luteola
).
– Journal of Herpetology 37: 747-750 oder
WiF-Archiv). Sicher, es bleibt unklar, ob es bei
allen Schildkröten so ist, denn die obige Arbeit hat nur eine
Sumpfschildkrötenart untersucht, aber da das Phänomen wohl alle
Reptilienstammbäume mehr oder weniger stark betrifft, würde ich mal
davon ausgehen, dass auch unsere Landschildkröten dieses Problem haben. In
diesem Sinne auch ruhig mal was Kompliziertes lesen und in Ruhe darüber
nachdenken. Ob Sie nun durch lesen oder durch eigene Beobachtung zu den
richtigen Erkenntnissen gelangen, tut der Sache keinen Abbruch, Hauptsache es
hilft den Pfleglingen. Lesen hat nur den Vorteil, dass man in vielen Fällen
das Rad nicht immer neu erfinden muss, und es kann einem Sicherheit geben, dass
das, was man selbst beobachtet, trotz so manch gegenteiliger Meinung nicht so
falsch sein kann, wenn man weiß, dass andere gleiche Erfahrungen gemacht
haben. Das sollte man immer im Hinterkopf haben und widersprechen Sie auch ruhig
mal ihrem Tierarzt, wenn Ihnen etwas komisch vorkommt, auch Tierärzte
können zwangsläufig auf die Schnelle nicht alles wissen und auch so
mancher Frau oder manchem Herrn Doktor könnte nämlich nachdenken,
beobachten und nachlesen nicht schaden, wenn man sich so manche
Äußerungen einmal im Hirn anstatt nur ehrfürchtig und
respektvoll im Bauch zergehen lässt.
Zum Seitenanfang
Tipp:
Benutzen Sie die Suchfunktion unserer Homepage, so können sie
einfach und schnell unsere Seiten nach einem bestimmten Begriff durchsuchen.