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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 20.12.2015 Share it on Facebook


Kuchling, G. (2006): An ecophysiological approach to captive breeding of the swamp turtle Pseudemydura umbrina. In: Artner, H., Farkas, B. & V. Loehr (Eds.); Turtles: Proceedings of the International Turtle & tortoise Symposium, Vienna 2002. – Edition Chimaira, Frankfurt, pp. 196–225.

Ein ökophysiologischer Ansatz zur Nachzucht der Falschen-Spitzkopfschildkröte, Pseudemydura umbrina in menschlicher Obhut.


Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese umfassende Arbeit hat kein Abstract und behandelt in mehreren Unterkapiteln die Taxonomie, das Aussehen, den Erhaltungsstatus, frühere Nachzuchtversuche, die Rettungsaktionen zur Arterhaltung, die Erfassung der weiblichen Reproduktionszyklen, Ökologie, ökophysiologische Zuchtvoraussetzungen, den Aufbau einer Nachzuchtstation, das Management der Zuchttiere, Klimatische Faktoren, Nahrung, Fütterungszyklen, Saisonale Zyklen, das Verpaarungsmanagement, das Genetisches Management, Inkubation, Schlupf, Schlupfraten, die Aufzucht der Jungschildkröten und Diskussion. Hier möchte ich nur kurz anfügen, dass es sich bei Pseudemydura umbrina um eine der seltensten Schildkröten der Welt handelt deren Bestand zur damaligen Zeit (1987) durch den Habitatverlust äußerst gefährdet war und weniger als 50 Individuen umfasste. Deshalb hatten auch schon vorher Zoofachleute versucht die Art nach zu züchten was aber so gut wie nicht gelang da es nur zu sporadischen Reproduktionsansätzen kam wobei kaum Schlupf- geschweige denn Aufzuchterfolge zu verzeichnen waren. Dabei sollte man beachten, dass diese Schildkröten nur unweit ihres natürlichen Vorkommen also klimatisch unter eigentlich optimalen Bedingungen aber anscheinend dennoch falsch gehalten wurden. Deshalb war es wie im Titel erwähnt eine Grundvoraussetzung die ökophysiologischen Ansprüche in Abhängigkeit zu den klimatischen Bedingungen zu etablieren die erst den Nachzuchterfolg ermöglichten. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Anpassung war auch die Einhaltung einer langen Ruhephase und die gezielte Fütterung während der Aktivitätszeit. All das will ich aber hier nicht weiter ausführen, da sie es im Orginal viel besser und anschaulicher nachlesen können. Sie werden sich also fragen warum ich gerade dieses „alte“ Proceedingskapitel als Weihnachts- und Neujahrsanfang des WiF-Online Teils gewählt habe? Der Grund ist ein Thema das in dieser Arbeit eigentlich die Nebensache spielt und die heute immer mehr zur ich möchte fast schon etwas zynisch sagen zur „Pseudohauptsache“ deklariert wird, nämlich der Tierschutz. Nun ist mir sicher klar, dass ich mit dieser Aussage etliche vor den Kopf stoße. Aber wir sollten schon einmal ernsthaft darüber nachdenken und genau hinschauen, denn auch ich möchte nicht das Lebewesen gequält werden und insofern bin ich mit dem Tierschutzgedanken und seinem Anliegen d‘accord. Allerdings beschreibt in dieser Arbeit Kuchling, dass er froh war, dass er dieses Nachzuchtprogramm damals noch so einfach ohne Tierschutz etablieren konnte und bedankt sich eigentlich noch bei den Administratoren des damaligen Tierschutzes dafür, dass er damals noch das Okay dazu bekommen hat. Wobei es Zweifel daran gibt ob das heute aktuell überhaupt noch möglich wäre. T’ja und da sind wir dann bei dem Punkt angekommen den ich eigentlich adressieren möchte. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war die zur Zucht zur Verfügung stehenden ursprünglichen 50 Spitzkopfschildkröten auf 17 Individuen zusammengeschrumpft wobei einige der Tiere noch der Natur entnommen worden waren, da sie wohl in ihren zwei zusammengeschrumpften natürlichen Lebensräumen sich auch nicht mehr fortpflanzten. Hier war es so, dass der Autor feststellte, dass die Schildkröten wenn der Sumpf während des späten Frühjahrs austrocknete in höher gelegene Gebiete abwandernden und eine Aestivationsphase einlegten während dieser Ruhephase begann bei den Weibchen die Eientwicklung. Die Paarung findet im Winter im Wasser statt, denn diese Schildkröte ist im kühlen australischen Winter aktiv. Zudem setzten die Weibchen nur reife Eier an wenn sie zur richtigen Zeit eine gute Körperkondition hatten ansonsten brachen sie die Eireifung ab. Um diese Kondition zu haben brauchten sie stressfreie Bedingungen und vergleichsweise sehr viel Nahrung in kurzer Zeit (also keine Einheitsfütterung übers ganze Jahr) weil die Schildkröten daran angepasst sind in der kurzen Regenzeit das reichliche Angebot an Kaulquappen und Wasserinsekten, Schnecken etc. abzuschöpfen. Kurz gesagt die erfolgreiche Rettung der Art durch Nachzucht in Gefangenschaft im Zoo von Perth und am Wildlife Forschungszentrum für Arterhaltung und Landmanagement gelang nach der Umstellung der Haltungsbedingungen und unter Verwendung eines Kunstfutters (Schildkrötenpudding ala Prof. Sachsse publiziert von Pauler, 1981).
Diese Rettung erfolgte in letzter Sekunde. In der Diskussion verweist Prof. Kuchling darauf, dass Australien damals schon eines der strengsten Gesetze zur Wildtierhaltung hatte was dazu geführte hatte, dass es im Gegensatz zu z. B. Europa kaum Privatleute gab die Erfahrung darin hatten und Grundlagen erarbeiteten. Die offiziellen Stellen wie der Zoo von Perth hatten nicht die entsprechenden Ressourcen und vor allem es fehlten die Personen die sich wirklich engagiert in die Schildkrötenhaltung eingearbeitet hatten. Etwas das oft fehlt, denn wer sollte einen Tierpfleger oder Tierarzt in etwas ausbilden wofür es keinen Ausbildungs- oder Lehrberuf gibt. Hier haben Privatpersonen, die sich aus persönlichen Eigeninteresse mit etwas engagiert beschäftigen klare Vorteile und meist auch den Willen sich Erfahrung anzueignen. Selbst Kuchling beschreibt in der Diskussion, dass er selbst trotz Biologiestudium und Ausbildung als Zoologe bei der Realisation dieses Nachzuchtprogramms allein auf seine persönliche Erfahrung als privater Schildkrötenhalter in Wien angewiesen war, denn es gab und gibt bis heute dafür keine Ausbildung. Selbst nach der Einführung der neuen Haltungsbedingungen am Zoo von Perth begann das Projekt erst zu florieren als ein speziell persönlich an Schildkröten interessierter Tierpfleger mit der Umsetzung der Maßnahmen betraut wurde. Das zeigt uns doch klar und deutlich, dass das Vorgehen von Institutionen die oft Personal nach Ausbildungszeugnissen einstellen und davon ausgehen, dass diese Personen dann per bescheinigter Ausbildungsnote alles gleich gut können sollten als unrealistischer Blödsinn einzustufen ist! Zudem ist es schwierig in solchen großen Organisationen alte Praktiken zu ändern und durch neue zu ersetzen, wobei das Schwierigste war, sowohl die Tierpfleger wie auch die zuständigen Veterinäre (Tierschutz) davon zu überzeugen die Schildkröten wirklich über 6 Monate trocken und ohne Futter zu halten, denn diese für die Populationserhaltung unabdingbare „Grausamkeit“ war nur schwer zu vermitteln. Ja und der Autor beschreibt, dass er dankbar war, dass zu dieser Zeit die Tierschutzkommitees innerhalb dieser Organisationen wie Zoos und Forschungszentrum noch nicht so etabliert waren wie heute, denn er geht davon aus, dass solche Rettungsprogramme kaum mehr so durchzusetzen wären.
Wenn ich mir überlege, dass Kuchling diese Rettungsaktion vor fast 30 Jahren realisierte und auf die Dinge (privat erworbenes Wissen) verwies, die dazu führten, dass das möglich wurde, frage ich mich wirklich ob wir die Möglichkeiten zur privaten Exotenhaltung wie wir sie derzeit hier auf politischer Ebene diskutieren gerechtfertigt sind? Was würden wir an Wissen verlieren wenn wir darauf verzichten würden? Ja selbst wir hier in Deutschland und Europa haben Erfahrung damit, denn die Nachzuchtprogramme für fast gänzlich ausgerottete asiatische Schildkröten im Zoo Münster und im Zoo Rotterdam gehen sicher auch auf das private Engagement von Elmar Meier und Henk Zwaarteporte zurück. Die Exotenhaltung sehe ich dabei auch nicht als das Problem an, denn ich kenne etliche private Halter die wirklich mehr Wissen über artgerechte Haltungsbedingen und Nachzuchtbedingungen für bedrohte Arten entwickelt haben als man an den üblichen Ausbildungsstätten wie Universitäten in einem offiziell angeboten Curriculum erlernen könnte. Ja und diese Privatleute können auch meist schnell und eigenverantwortlich handeln und Haltungs- und Zuchtbedingungen umstellen und anpassen. Sie hängen naturgemäß meist nicht unbedingt am Tropf der oftmals finanzknappen so genannten „Öffentlichen Hand“. Ja die Vergangenheit gibt diesen privaten Rettungsaktionen weltweit durchaus Recht wie in dem Buch, The invisible Arche von Barker & Barker (2014) beschrieben wird. Insofern sollten wir uns wirklich gegen ein Verbot der Exotenhaltung einsetzen. Wir sollten als verantwortliche Gesellschaft auf dieses Wissenspotential nicht verzichten, denn Lebensräume werden auch weiterhin verschwinden und entweder dem weltweiten Ausbau der Landwirtschaft, dem Verkehrswegeausbau und der Industrialisierung zum Opfer fallen. Es wäre zu kurz gedacht dies zu leugnen! Allerdings was wir heute in Anbetracht dessen was wir gelernt haben auch klar sehen sollten ist, dass der internationale Wildtierhandel auch ein zunehmend größer werdendes Problem für die Arterhaltung in der Natur darstellt. Ja und hier muss ich ganz klar dafür plädieren, dass der Handel mit Wildfängen heute nicht mehr zeitgemäß ist und den Bestand und das Überleben vieler Arten weltweit zunehmend bedroht. Zudem wissen wir, dass wir so gut wie alles was an Arten für die Exotenhaltung von Interesse ist heute schon in Europa und den USA vorhanden ist. Deshalb stellt sich klar die Frage wozu brauchen wir Importe von Wildfängen? (Siehe auch Vinke & Vinke, 2015). Wäre es nicht besser sich auf die erfolgreiche Nachzucht dessen was wir heute schon zur Verfügung haben zu konzentrieren und diese zu verbessern und zu managen. Hier können wir Arterhaltung in gemanagten Metapopulationen fördern und besser organisieren auch ohne, dass wir die Ressourcen weiter ausbeuten. Denn wir brauchen auch die Erhaltung der natürlichen Populationen, ihrer Habitate und die damit verbundene Ökosystemstabilität durch natürliche Artenvielfalt. Für mich ist es völlig unverständlich warum wir Exotenbörsen nicht als reine Nachzuchtbörsen betreiben und auch als solche deklarieren und realisieren, als auf Rechte zu pochen die sowieso langfristig unhaltbar sind und die in Übereinkunft mit der Gesellschaft und der Politik für uns Exotenhalter wohl mehr Porzellan zerschlagen als uns langfristig zielführend weiterhelfen. Ich denke wir sollten die Verantwortlichen in unseren Organisationen und Vereinen darauf hindrängen diese Zielsetzung zu vertreten und umzusetzen. Alles andere wäre eine Form von, ich möchte mal sagen, „Altersstarrsinn“ der nicht mehr zeitgemäß ist und sich langfristig als kontraproduktiv erweisen wird. Berufe und Geschäftsideen sind wie alles in der Natur und somit auch in einer lebendigen Gesellschaft dem Wandel unterworfen. Letzteres gilt auch für den Tierhandel! Übrigens große wirtschaftlich gut geführte Konzerne engagieren heute schon spezielle Unternehmensberater zur Entwicklung neuer Konzepte für nachhaltiges Produzieren und zukunftsweisendes Marketing als Investition in die Zukunft und geben ihr Geld nicht für Juristen aus die dafür kämpfen sollen die Gegenwart zu manifestieren, denn sie haben wohl zwangsweise begriffen, dass es auch weiterhin eine Gegenwart nur geben kann wenn man für die Zukunft vorausplant.
Auch in diesem Sinne nochmals einen guten Rutsch!


Literatur

Barker, D. G. & T. M. Barker (2014): The Invisible Ark: In Defense of Captivity. – VPI Library, Boerne, TX, USA, pp. 1–169.

Pauler, I. (1981) Nourriture special pour les tortues d’eau douce. – Bull. Soc. Herp., France, 19: 15–16.

Vinke, T. & S. Vinke (2015): Kann und darf Illegales in der Europäischen Union legal sein? – Schildkröten im Fokus, Bergheim 12 (1): 30–35.



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© Michael Daubner 2016Schildkröten im Focus