Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 23.01.2011
Kuratani, S., Kuraku, S. & H. Nagashima (2011): Evolutionary developmental perspective for the origin
of turtles: the folding theory for the shell based on the developmental nature of the carapacial ridge. – Evol. Dev. 13: 1-14.
Evolutionäre Entwicklungsperspektive für das Auftreten von Schildkröten: die Faltungstheorie für
den Panzer basierend auf der Entwicklungsgrundlage der Carapaxauffaltung.
Der Körperbauplan der Schildkröten stellte eine Neuentwicklung innerhalb der Wirbeltierevolution dar, bei der es zur Ausbildung
eines Panzers kommt. Im Gegensatz zu Schutzmechanismen anderer Wirbeltiergruppen kommt es bei der Ausbildung des Schildkrötenpanzers
zu einer entwicklungsbedingten Umprogrammierung des axialen Skeletts, wobei sich eine ungewöhnliche Topographie (Lagebeziehung)
für einige Muskel-Skelett-Elemente beobachten lässt. Somit liefern Schildkröten eine ideale Fallstudie für das
Verständnis, wie Veränderungen im Entwicklungsprogramm mit der morphologischen Evolution bei Wirbeltieren assoziiert sind. In
diesem Artikel wird die Evolution des Schildkröten-spezifischen Körperbauplans diskutiert. Der Schlüssel zum Verständnis
des Musters der Panzerbildung liegt in der Modifikation (Veränderung) der Rippen für die die Carapaxauffaltung verantwortlich zu
sein scheint. Bei der Carapaxauffaltung handelt es sich um eine für Schildkröten spezifische Embryonalanlage. Sie führt dazu,
dass sich das Wachstum der Rippen im axialen Anteil (entlang der Körperachse) des Körpers verlangsamt, wobei die dorsalen
(rückseitig) und lateral (seitlich) orientierten Bereiche der Rippen auswachsen und eine Kapsel um die Schulterblätter bilden.
Obwohl die Carapaxauffaltung selbst nicht den Wachstumsstop in axialer Richtung induziert, so konnte doch gezeigt werden, dass sie die
fächerförmige Verbreiterung der Rippen auslöst, die gleichzeitig mit dem Marginalwachstum (Wachstum am Rand) des Carapax
entlang dieser für Schildkröten spezifischen Falte in der seitlichen Körperwand erfolgt. Während des Prozesses der
Auffaltung behalten einige Rumpfmuskeln ihre ursprüngliche Konnektivität bei, während die Muskeln der Beine neue für
Schildkröten spezifische Ansätze am Skelett ausbilden. Der Körperbauplan der Schildkröten lässt sich demnach anhand
unseres Wissens über Wirbeltieranatomie und Entwicklungsbiologie erklären und stimmt mit dem evolutionären Ursprung der
Schildkröten überein, der anhand der kürzlich gefunden fossilen Spezies, Odontochelys abgeleitet wurde.
Kommentar von Flora Ihlow
Der „carapacial ridge“ stellt eine Auffaltung von Ekto- und Mesoderm (äußere und mittlere Schicht) dar, die den
späteren marginalen Carapaxrand der Schildkröte bildet. Die Rippen wachsen in Folge dessen in Richtung dieser Auffaltung über
die Schulterblätter hinaus und Formen den Panzer.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
siehe auch:
Joyce, W. G., S. G: Lucas, T. M. Scheyer, A. B. Heckert & A. P. Hunt (2008): A thin-shelled reptile from
the Late Triassic of North America and the origin of the turtle shell. – Proceedings of the Royal Society: Biological Science 276
(1656): 507-513 oder
WiF-Archiv
Li, C., X. C. Wu, O. Rieppel, L. T. Wang & L. J. Zhao (2008): An ancestral turtle from the Late Triassic of
southwestern China. – Nature. 456 (7221): 497-501 oder
WiF-Archiv
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